# taz.de -- „Nie wurde nach den Communitys gefragt“
       
       > Burak Yılmaz ist Autor, Host des Podcasts „Brennpunkt“ und arbeitet als
       > Theaterpädagoge mit Jugendlichen zu Rassismus und Antisemitismus
       
 (IMG) Bild: Polizei vor der Tür: Für Betroffene von Rassismus bedeutet das oft mehr Gefahr als Sicherheit
       
       Es gab einen ganz kurzen Moment, in dem ich das Gefühl hatte, wir alle
       nehmen die Grauen des Anschlags gleich wahr. Ich kann mich noch gut an den
       12. September erinnern. Ich war 14 Jahre alt und bin mit meinem Kumpel wie
       immer [1][von unserem Stadtteil Duisburg-Marxloh] zur Schule gelaufen. Es
       war ein stilles Gespräch. „Hast du mitbekommen, was gestern los war?“ „Ja.“
       Dann liefen wir wieder schweigend nebeneinanderher. Für uns war total
       absurd, dass wir zur Schule gehen müssen. Dort waren alle völlig verstört.
       Wir hatten Angst, der Dritte Weltkrieg könnte ausbrechen.
       
       Auch in unserem Stadtteil herrschte emotionales Chaos. Da war Unglauben
       darüber, was eigentlich passiert ist; Entsetzen darüber, wie viele Menschen
       gestorben sind, und Angst, dass Amerika nun womöglich mit einem
       Rundumschlag im Nahen Osten – von der Türkei bis Pakistan – eine Atombombe
       abwirft und alles plattmacht. Und es würde nicht lange dauern, bis ich
       Menschen im Bus hörte, die genau das für eine gute Idee hielten – „einfach
       eine Atombombe drauf“.Es gab da diesen Einspieler von Menschen irgendwo im
       Nahen Osten, die nach dem Anschlag gejubelt haben und „Tod Amerika“ gerufen
       haben. Irgendwie wusste ich direkt, jetzt denken die alle, dass wir feiern,
       was da passiert ist. Statt von den Terroristen zu reden, ging es in der
       medialen Berichterstattung bald um den Islam als große Gefahr für den
       Westen. 
       
       Nach dem 11. September war Marxloh nicht mehr das „Türkenviertel“, sondern
       das „Moslemviertel“. An den Hauswänden im Viertel gab es plötzlich
       Graffitis „Islam gleich Terror“. In Magazinen ging es darum, wie
       Deutschland islamisiert wird. Nie wurde die Frage gestellt, was das
       eigentlich mit den Communitys macht. Mir hat das alles Angst gemacht.
       
       Anfangs dachten meine Freunde und ich, wir müssen die Deutschen aufklären
       und ihnen zeigen, was unsere Religion wirklich bedeutet. Dann kam der Trotz
       und wir stritten miteinander. Weil da auch das Gefühl war, es ist ohnehin
       scheißegal, wie wir uns benehmen. Die Deutschen hassen uns sowieso.
       
       [2][Mein einer Lehrer hat immer Zeitungsartikel ausgeschnitten]. Als
       irgendwann ein Anschlag in Pakistan folgte, legte er mir den Artikel dazu
       vor die Nase und sagte: „So, erklär mal bitte der ganzen Klasse hier: Warum
       machen das deine Glaubensbrüder?“ In so Situationen wurde ich dann nicht
       mehr als Burak wahrgenommen, plötzlich wurde ich zum Außenminister vom
       Islam. Egal was ich sagte, es gab keine richtigen Antworten. Und wenn ich
       sagte, ich wollte gerade nicht die Gespräche führen, wurden mir heimliche
       Sympathien unterstellt.
       
       Ein Kumpel erzählte damals, wie manche in seiner Klasse Bombenlegerwitze
       über ihn machten. Auch andere aus meinem Freundeskreis kamen in solche
       Situationen. Aber wir erzählten uns nicht davon, wie wir mit Fragen
       bombardiert wurden, wie wir bei der intellektuellen Sprache unserer Lehrer
       nicht mithalten konnten, wir irgendwann gar nichts mehr sagten – das ist
       nicht die Geschichte, die du deinen Jungs erzählst. Lieber erzählten wir
       uns, wenn wir rhetorisch gewandt antworteten. 
       
       Meine deutschen Freunde fragten: [3][Stimmt das, dass der Islam gefährlich
       ist?] Stimmt das, dass ihr alle lernt, Ungläubige zu hassen? Stimmt das,
       dass ihr alle den Westen kaputtmachen wollt? Für sie war ich der
       Daueraufklärer. Und zugleich radikalisierten sich in Teilen ihre Eltern
       und untersagten ihren Kindern, mich zu sehen. Ich merkte damals, es gibt
       hier diese riesigen Veränderungen und ganz viel Rassismus. Nur musste sich
       dazu nie jemand äußern. 
       
       Unsere Eltern haben gemerkt, dass bei ihren Kids was los ist. Aber durch
       die viele Schichtarbeit war es echt ein Problem für sie, gut mit uns
       darüber zu reden. Oft sagten sie dann, wir sollten uns nicht unterkriegen
       lassen. Aber wir sollten den Deutschen auch keine Gründe geben, uns noch
       mehr zu hassen. Das hat mich zerrissen. 
       
       Ich wollte mir das nicht einfach gefallen lassen. Aber ein Teil von mir
       dachte sich, wenn die Terror haben wollen, dann lasst uns den doch geben.
       Meine Freunde und ich haben dann zum Beispiel angefangen, im Bus arabische
       Floskeln und Begriffe wie „Maschallah“ zu nutzen. Damals war das provokant,
       die Leute gerieten direkt in Panik, zum Teil wurde die Polizei gerufen –
       heute ist das Jugendsprache. Oder als so ältere Typen im Bus sagten: „Jetzt
       kommt die ganze Molukkenscheiße zu uns“, haben mein Kumpel und ich so
       getan, als würden wir mit Waffen auf die schießen. Das war unsere Art von:
       Wir lassen uns nicht unterkriegen. Es gab aber auch krassere Sachen, da bin
       ich vorn in den Bus gestiegen und habe „Allahu akbar!“ gerufen, meine Jungs
       sind hinten rein und haben zurückgerufen. Alle sind aus dem Bus gerannt,
       und der Busfahrer sagte, er würde den Staatsschutz rufen. Dann sind wir
       abgehauen. 
       
       Später in meiner Arbeit als Pädagoge mit Jugendlichen habe ich ähnliche
       Dynamiken nach dem 7. Oktober gesehen. Da gab es Meldungen vom
       Schulministerium, dass Lehrer doch bitte explizit mit den muslimischen
       Schülerinnen über den Nahostkonflikt sprechen sollten. Eine Stigmatisierung
       von ganz oben. Ich habe auch Workshops in Schulen zu Antisemitismus und
       Rassismus gemacht. An einer Schule wurden wirklich nur die muslimischen
       Kinder zur Veranstaltung bei mir verdonnert – so nach dem Motto, ich soll
       die jetzt mal geradebiegen. 
       
       Was ich aber eigentlich am tragischsten finde ist, dass der ewige
       Generalverdacht gegen uns und die immer neuen Forderungen nach
       Abschiebungen, auch ein Angriff auf unsere Imaginationskraft ist. Es ist
       schwer für uns, sich eine andere Realität vorzustellen, mit anderen
       Erzählungen, anderen Debatten, anderen Medien.
       
       Protokoll: Adefunmi Olanigan
       
       5 Sep 2026
       
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