# taz.de -- Die Kraft der kosmischen Musik
       
       > Am 23. September hätte der US-Jazz-Saxofonist John Coltrane seinen 100.
       > Geburtstag gefeiert. Früh verstorben, machte seine Musik ihn unvergessen.
       > Was bleibt von seinem Werk?
       
 (IMG) Bild: „Ich fange mitten in einem Satz an und gehe gleichzeitig in beide Richtungen“: So beschrieb John Coltrane, hier im Jahr 1963, einst seine Improvisation
       
       Von Sven Beckstette 
       
       Gerne würde ich ein Heiliger sein“, sagte John Coltrane in einem Interview
       auf die Frage, wie er sich seine Zukunft vorstelle. Der US-Jazz-Saxofonist
       wusste damals noch nicht, dass ihm nicht mehr viel Zeit bleiben würde.
       Zwölf Monate nach dem Gespräch starb der Künstler am 17. Juli 1967 nach
       einer kurzen, aber heftigen Krebserkrankung im Alter von gerade einmal 40
       Jahren.
       
       Coltranes Wunsch sollte sich erfüllen. Bereits kurz nach seinem Tod wurde
       er in unzähligen Liedern gewürdigt.
       
       Die Huldigungen reichten von Pop-Jazzer Tom Scott über den Sänger und
       Proto-Rapper Gil Scott-Heron bis hin zu New-Age-Pionier John Klemmer. Dazu
       kamen ganze Alben im Geiste Coltranes, vor allem von seiner Witwe Alice
       und seinem Mitstreiter Pharoah Sanders, die das Genre des Spiritual Jazz
       begründeten.
       
       Doch der Einfluss des Saxofonisten blieb nicht auf den Jazz beschränkt. Die
       Liste der Musiker*innen, die Trane angebetet haben, ist lang: Jerry Garcia,
       Carlos Santana, Patti Smith, Joni Mitchell, Neil Young, Bono, Devonté
       Hynes im Rock und Pop sowie Terry Riley, La Monte Young und Philip Glass
       unter den Komponist*innen, um nur einige zu nennen.
       
       Dass Coltrane tatsächlich als musikalischer Säulenheiliger angesehen wird,
       ist sicherlich auch seinem frühen, tragischen Tod geschuldet. Das
       eigentliche Wunder, das für jede Heiligsprechung notwendig ist, vollbrachte
       er mit seinem Album „A Love Supreme“. Aufgenommen in wenigen Stunden am 9.
       Dezember 1964, improvisiert Coltrane in den vier Teilen der Suite nicht
       einfach Melodien und Soli, begleitet von seinem Quartett, sondern er
       predigt buchstäblich mit seinem Tenorsaxofon. Der Text dazu findet sich im
       Inneren des Covers: „All for God / Thank you God / Amen“ – ein Stück
       geistlicher Musik voller Intensität und Emotionen. Coltrane springt von
       Register zu Register, überbläst sein Instrument, lässt es schreien,
       flüstern, flehen und krächzen, sodass es dem Ausdruck einer menschlichen
       Stimme gleicht.
       
       Das Werk war Avantgarde, fand in der Flower-Power-Ära aber zugleich ein
       breites Publikum jenseits des Jazz. Es überrascht nicht, dass Saint John in
       San Francisco sogar eine eigene Kirchengemeinde gewidmet ist.
       
       Coltranes Aufstieg zu einem der bedeutendsten Musiker*innen des 20.
       Jahrhunderts war alles andere als vorherbestimmt: Geboren am 23. September
       1926 in einer Kleinstadt im US-Bundesstaat North-Carolina, wuchs John
       William Coltrane in einer religiösen und musikalischen Familie auf. Bereits
       in der Schule lernte er Altsaxofon. Erst später wechselte er zu seinem
       Signature-Instrument Tenor. Als er mit 13 Jahren seinen Vater verlor,
       flüchtete Coltrane sich in die Musik und übte stundenlang. Disziplin und
       selbstkritische Suche nach Perfektion begleiteten ihn zeitlebens. Von 1949
       bis 1951 spielte er in der Bigband des Bebop-Heroen Dizzy Gillespie. Der
       musikalische Erfolg ging einher mit einer Heroinabhängigkeit. Danach
       strandete er als Begleitmusiker in Philadelphia.
       
       Seine Karriere hätte hier zu Ende sein können, wenn nicht Miles Davis 1955
       gekommen wäre. Der Trompeter benötigte dringend einen Saxofonisten für
       seine Combo. Sein Schlagzeuger Philly Joe Jones schlug ihm den befreundeten
       Coltrane vor. Coltranes extrovertierter Stil am Saxofon bildete einen
       idealen Gegenpart zu den reduzierten, genau gesetzten Trompetentönen von
       Davis. Wegen seiner Drogensucht setzte Miles den Saxofonisten allerdings
       bald wieder vor die Tür, nur, um ihm nach einem Intermezzo bei
       Klavierlegende Thelonious Monk wieder zurückzuholen.
       
       John Coltrane hatte erkannt, dass er sein Leben ändern musste. Er setzte
       sich 1957 auf Entzug und achtete fortan auf seine Gesundheit, wurde
       Vegetarier und meditierte. Zwar begann er, Aufnahmen unter eigenem Namen
       auf den Labels Prestige, Blue Note und schließlich Atlantic zu
       veröffentlichten, er arbeitete aber weiterhin für Miles Davis, so auch auf
       dessen bahnbrechendem Werk „Kind of Blue“ (1959).
       
       Den Durchbruch als Bandleader erzielte Coltrane 1961 mit „My Favorite
       Things“. Im Titelstück des Albums führte er zum einen das Sopransaxofon in
       den Jazz ein. Zum anderen wurde er mit seinem Solo zu einem Vorreiter von
       Weltmusik, basierte seine Spielweise auf Skalen aus Indien. Zuvor hatte
       Coltrane schon karibische, brasilianische und afrikanische Elemente in
       seinen Stücken verarbeitet. „My Favorite Things“ markierte auch die Arbeit
       mit dem Pianisten McCoy Tyner und Elvin Jones am Schlagzeug. Mit dem
       Bassisten Jimmy Garrison bildeten sie ein Quartett, durch dessen
       Zusammenspiel Coltrane endgültig zur prägenden Figur im Jazz aufstieg.
       
       Stilbildende Aufnahmen des Quartetts sind eng mit dem Jazz-Label Impulse
       verbunden, auf dem Coltrane seine kreative und kommerzielle Höchstphase
       erlebte. Coltranes zunehmende Öffnung und rastlose Befreiung der Musik in
       den frühen 1960ern sorgte für Kontroversen und Ablehnung: Ist das noch
       Jazz? Um diesem Vorwurf zu kontern, schickte ihn seine Plattenfirma 1963
       kurzerhand mit Swing-Altmeister Duke Ellington ins Studio.
       
       Coltranes Konzerte waren laut, ekstatisch und voller Energie. Seine langen,
       eruptiven Soli wurden vor der gesellschaftspolitischen Situation der USA
       zwischen Vietnamkrieg und Bürgerrechtsbewegung als Ausbrüche Schwarzer Wut
       interpretiert. Der Saxofonist selbst interessierte sich zwar für Politik
       und war von [1][Martin Luther King] und [2][Malcolm X] beeindruckt. Er
       verstand seine Musik jedoch eher als verbindend und erbauend.
       
       Dieser Ansatz zu einer universalistischen, kosmischen Musik, in der
       unterschiedliche musikalische Traditionen und religiöse Vorstellungen
       miteinander vereint werden, teilte John Coltrane mit seiner zweiten
       Ehefrau, der Pianistin Alice McLeod, mit der er drei Söhne hatte. Nach „A
       Love Supreme“ erweiterte Coltrane sein Quartett um junge Musiker*innen
       wie Archie Shepp, [3][Pharoah Sanders] und Rashied Ali für die Alben
       „Meditations“ und „Ascension“ (beide 1966). Kurz vor seinem Tod war
       Coltrane damit endgültig in der freien Gruppenimprovisation angekommen.
       
       Wie bei allen Musiker*innen, deren Schaffen unvollendet geblieben ist,
       fragt man sich auch bei Coltrane, was da noch gekommen wäre. Hätte er
       [4][wie Miles Davis den Jazz elektrifiziert] und sich Moden angepasst?
       Dagegen spricht, dass Coltrane zwar Werbung für ein elektronisches Saxofon
       gemacht, er das Instrument für seine Aufnahmen und Konzert allerdings nie
       genutzt hat. Eine andere Richtung hat Alice Coltrane aufgezeigt. 1972
       veröffentlichte sie das Album „Infinity“, für das sie Aufnahmen ihres
       Mannes mit einem Streichorchester arrangiert hatte. Ihr Argument für diesen
       Schritt, der von der Kritik harsch abgelehnt wurde: Coltrane habe sich
       intensiv mit dem Werk des Komponisten [5][Igor Strawinsky] (1882–1971)
       auseinandergesetzt und Möglichkeiten gesucht, seine Klangpalette
       auszudehnen. Erst allmählich findet dieses Album gebührende Anerkennung.
       
       1963 erklärte John Coltrane: „Warum Musik diese Kraft hat, ist immer noch
       nicht genau bekannt. Sie zu kontrollieren, sollte das Ziel aller
       Künstler*innen sein. Das glaube ich jedenfalls.“ Der Weg, den John
       Coltrane gewiesen hat, ist noch lange nicht an seinem Endpunkt angelangt.
       
       19 Sep 2026
       
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