# taz.de -- Herr Bundeskanzler, wir brauchen einen Sommersoli!
       
       > Nie starben mehr Menschen an Hitze in Deutschland. Doch anstatt den
       > Klimaschutz und die Anpassung an nicht mehr vermeidbare Probleme endlich
       > anzugehen, drischt Friedrich Merz Phrasen
       
       Von Nick Reimer 
       
       Es gibt zwei bemerkenswerte Aussagen aus dem Bundeskanzleramt zum Thema
       Hitze in diesem Sommer. Die erste stammt vom Regierungssprecher. Befragt,
       ob CDU-Kanzler Friedrich Merz die Hitze angesichts der vielen Toten nicht
       zur Chefsache erklären wolle, erklärte Stefan Kornelius Ende Juni: „Es ist
       ein extremes Wetter, wir wissen das. Eine Chefsache wird das Wetter nicht
       ändern.“
       
       Das war vor dem Urlaub des Kanzlers. Nach seinem Urlaub, weiteren 10.000
       Hitzetoten und dem bislang größten Waldbrand in der Geschichte
       Nordrhein-Westfalens erklärte Merz bei einem Ortsbesuch nach dem Brand im
       Hürtgenwald: „Das ist Klimawandel!“ Und der CDU-Chef forderte alle Leugner
       der Erderhitzung auf: „Schauen Sie sich genau an, was hier passiert.“ Er
       jedenfalls wolle daraus „die Schlussfolgerungen ziehen für die nächsten
       Kabinettssitzungen“.
       
       Mittlerweile sind in diesem Jahr bis Ende August 16.000 Menschen zusätzlich
       an Hitze verstorben, wie aus dem „[1][Monitoring-Bericht zur hitzebedingten
       Mortalität]“ des Robert-Koch-Instituts (RKI) hervorgeht. Damit ist dieser
       Hitzesommer der mit Abstand tödlichste, den die Bundesrepublik jemals
       erlebt hat. „Durch Hitze verlieren in Deutschland mehr Menschen ihr Leben
       [2][als im Straßenverkehr]“, sagt Henny Annette Grewe, Professorin am
       [3][Public Health Zentrum Fulda]. „Während in die Verkehrsinfrastruktur
       aber Milliarden gepumpt werden, verweigert die Politik dem Hitzeschutz die
       notwendige Dauerfinanzierung“, kritisiert sie.
       
       Anders als in Frankreich fällt der [4][Hitzeschutz im föderalen Deutschland
       in den Aufgabenbereich der Länder.] Deren Kassen aber sind klamm, weshalb
       sie sich scheuen, den Kommunen neue Pflichtaufgaben zu erteilen. Denn dafür
       müssten sie auch entsprechende Mittel zur Verfügung stellen. Hitzeschutz
       wird so zu einer Frage des lokalen Willens. Es gibt einige gute Beispiele,
       wie besonders Betroffene geschützt werden können, wenn das Thermometer über
       30 Grad klettert: Städte wie Köln, Erfurt, Nürnberg, Worms betreiben ein
       personalaufwendiges Hitzetelefon. Gefährdete können sich anmelden, werden
       mit Trinkwasser versorgt und darüber beraten, wie sie die Dosierung von
       Medikamenten bei Hitze ändern müssen.
       
       Städte wie Bielefeld, Berlin oder Kassel bieten immerhin ein ehrenamtliches
       Hitzetelefon an: „Hitze-Patinnen und -Paten“ kümmern sich an heißen Tagen
       um ältere Menschen und andere Risikogruppen. In den meisten deutschen
       Städten beschränkt sich der Hitzeschutz aber auf Pläne und Propaganda.
       München rät den Gefährdeten [5][via Internet] beispielsweise, „eine
       möglichst kühle Umgebung“ aufzusuchen, im [6][Hitze-Check der Deutschen
       Umwelthilfe] schneiden Offenburg, Lahr und Mannheim am schlechtesten ab.
       Und auf den Straßenbahnen der Hauptstadt ist zu lesen: „Berlin bleibt cool“
       – der Höhepunkt an Unfug an Tagen mit mehr als 35 Grad.
       
       Tatsächlich müsste die Politik eine Art Sommersoli auflegen – analog zum
       Solidaritätszuschlag von 1991. Der war damals eingeführt worden, um die
       enormen Kosten des „Aufbaus Ost“ zu schultern, und die dürften beim
       anstehenden Stadtumbau ähnlich hoch ausfallen. Köln bekommt in der zweiten
       Hälfte des Jahrhunderts ein Klima, wie wir es heute in San Marino
       vorfinden, in Berlin wird es so wie heute im südfranzösischen Toulouse,
       München bekommt ein Klima wie derzeit in Mailand, Erfurt wie heute in
       Nordmazedonien.
       
       Auf solch mediterranen Bedingungen ist die deutsche Infrastruktur nicht
       vorbereitet. Straßen platzen bei großer Hitze heute schon auf,
       Krankenhäuser, Sozialeinrichtungen, Pflegeheime müssen gekühlt, ergo
       umgebaut werden, Ballungszentren in sogenannte „Schwammstädte“ umgebaut
       werden. Die können Regen „[7][wie ein Schwamm]“ aufnehmen, um ihn dann bei
       großer Trockenheit zeitverzögert wieder abzugeben. Es ist aber nicht nur
       viel Geld notwendig, sondern auch neues Denken: Beispielsweise brauchen wir
       zukunftsfeste DIN-Normen, die großen Glaspaläste, die derzeit in Berlin,
       Hamburg oder Frankfurt am Main gebaut werden, sind auf das Klima von vor 20
       Jahren ausgelegt – die Schrottimmobilien von morgen.
       
       Tempolimit, Verbrenner-Aus, [8][Veggie-Day], [9][Wärmepumpe] oder der
       Ausstieg aus der Kohle – vor allem aber müsste die Bundesregierung endlich
       mal mit dem Klimaschutz ernst machen. Das Dilemma lässt sich gut an den
       Stadtbäumen illustrieren: Klassiker wie Ahorn, Eschen, Hainbuchen oder die
       Winterlinden kommen mit den heißer gewordenen Sommern nicht mehr zurecht
       und sterben ab. Weil Bäume aber kühlen, ergo essenziell für den städtischen
       Hitzeschutz sind, experimentieren Verwaltungen mit neuen Arten – mit
       japanischen Zelkovien beispielsweise, mit nordafrikanischen Zürgelbäumen
       oder mongolischen Linden. Vielleicht kommen diese mit dem Winterfrost, den
       es künftig immer noch geben wird, tatsächlich zurecht. Ohne Klimaschutz
       werden sich die Verhältnisse in 30 Jahren – dann wenn die Bäume endlich
       Schatten spenden – aber wiederum so verschoben haben, dass auch sie
       absterben könnten.
       
       Was also waren nun die Schlussfolgerungen, die der Kanzler für die nächsten
       Kabinettssitzungen aus diesem Hitzesommer gezogen hat? „Für ein
       strukturiertes Handeln hat die Bundesregierung … weitere Schritte
       besprochen“, hieß es nach der Sitzung. Staatsminister [10][Philipp Amthor]
       (CDU) solle mit den Ländern und den zuständigen Ressorts konkrete
       Vorschläge ausarbeiten. Konkret ist die Bundesregierung dagegen beim
       Erneuerbare-Energien-Gesetz geworden: Statt den Ausbau zu beschleunigen,
       sieht der Gesetzentwurf derart hohe Investitionshürden vor, dass die
       Branche sich vor dem Ruin sieht.
       
       Am kommenden Donnerstag wird das Gesetz im Bundestag eingebracht.
       
       19 Sep 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.rki.de/DE/Themen/Gesundheit-und-Gesellschaft/Gesundheitliche-Einflussfaktoren-A-Z/H/Hitze/Bericht_Hitzemortalitaet.html?nn=16776990
 (DIR) [2] /!6174423&SuchRahmen=Print
 (DIR) [3] https://www.hs-fulda.de/forschung/forschungseinrichtungen/public-health-zentrum-fulda
 (DIR) [4] /!6188804&SuchRahmen=Print
 (DIR) [5] https://stadt.muenchen.de/infos/hitze-gesundheit
 (DIR) [6] https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/image/Grafiken/Kommunaler_Umweltschutz/Hitze-Check/Hitzecheck26/Hitze-Check_Staedte-Deutschland_Uebersicht_2026_260601.pdf
 (DIR) [7] /!6206024&SuchRahmen=Print
 (DIR) [8] /!5022728&SuchRahmen=Print
 (DIR) [9] /!5993030&SuchRahmen=Print
 (DIR) [10] /Grosser-Umbau-mit-offenen-Fragen/!6195071/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nick Reimer
       
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