# taz.de -- Berichterstattung: Wie viel Pluralismus kann die taz bei Nahost?
> Ein Professor der Politikdidaktik hat die Nahostberichterstattung der taz
> seit Oktober 2023 untersucht. Hier berichtet er über seine überraschenden
> Ergebnisse.
(IMG) Bild: Plakate von israelischen Geiseln und Spuren von Versuchen, sie zu entfernen
[1][Aus der taz] | Wir Politikdidaktiker*innen untersuchen
politische Konflikte darauf hin, welche Interessen, Ideologien,
Machtmittel, Rechtslagen und rhetorischen Strategien dabei wirken – und wie
sehr Menschenwürde unter ihnen leidet. Die Kunst besteht darin, eigene
Sympathien zurückzuhalten und alle Konfliktparteien nach denselben
Maßstäben zu betrachten. Fast zum Scheitern verurteilt ist dieser Versuch
beim Nahostkonflikt.
Kaum eine Vorlesung, die ich dazu gehalten habe, kam ohne hitzige, teils
destruktive Diskussionen aus. Also fragte ich mich, wie gut die für ihren
Meinungspluralismus bekannte taz dieser Polarisierung entkommt. Mein
Eindruck: Sie könnte eine israelkritische Schlagseite haben. Aber stimmt
das wirklich?
Mithilfe von zwei KI-Systemen habe ich diese unabhängig voneinander
recherchieren lassen: ChatGPT rekonstruierte zunächst seit dem 7. Oktober
2023 einen breiten Korpus und entwickelte daraus Kategorien. Anschließend
untersuchten beide Systeme, neben ChatGPT war dies auch Claude, drei
festgelegte Zeitfenster.
Claude erfasste darin 228 Texte mit substanziellem Deutungsanteil. ChatGPT
recherchierte parallel 109 einschlägig argumentierende Texte und
untersuchte einen Teil auch inhaltlich genauer. Das ist keine (weil
technisch sehr aufwändige!) Vollerhebung aller rund 2.500 taz-Nahosttexte
seit 2023, erlaubt aber eine neutralere Sichtweise als mein Leseeindruck
war.
Und der muss korrigiert werden. Die taz ist deutlich kontroverser, als ich
vermutet hatte.
## Kein propalästinensischer Kurs
Nach dem 7. Oktober finden sich scharfe Analysen des Hamas-Terrors, der
Geiselnahmen und des Antisemitismus ebenso wie Kritik am israelischen
Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, Besatzung und israelischer
Kriegsführung. Einen propalästinensischen Kurs gibt das Material nicht her.
Eine gewisse Asymmetrie bleibt dennoch: Israelische Politik wird häufig
historisch und institutionell kontextualisiert – Netanjahu, die extreme
Rechte, Besatzung, Siedlungen, 1948, 1967, Oslo. Ideologie, Gewalt und
Repression der Hamas werden ebenso behandelt.
Weniger präsent erscheinen dagegen Fatah und die Palästinensische
Autonomiebehörde, innerpalästinensische politische Konflikte und – trotz
einzelner Analysen – Irans Rolle im regionalen Machtgefüge.
Was sich zudem zeigt, ist eine zeitliche Verschiebung der Aufmerksamkeit.
Ende 2023 dominieren noch der 7. Oktober, die jüdisch-israelische
Bedrohungserfahrung und die deutsche Antisemitismusdebatte. 2025 und 2026
rücken Gaza, Völkerrecht, Besatzung und Siedlergewalt stärker ins Zentrum.
## Verschiebung im empathischen Erzählen
Das entspricht weitgehend der veränderten Ereignislage und der
gesellschaftlichen Diskursverschiebung. Auch das empathische Erzählen
verschiebt sich: Nach dem 7. Oktober stehen israelische Opfer, Geiseln und
jüdische Bedrohungserfahrungen stark im Zentrum der taz-Berichterstattung.
Mit der Dauer des Gazakriegs werden dagegen Hunger, Vertreibung und
palästinensischer Alltag zunehmend über persönliche Stimmen und Formate wie
[2][das „Gaza-Tagebuch“] emotional zugänglich.
Vergleichbare israelische Opfergeschichten und Alltagserfahrungen – etwa
Kindheiten geprägt von Kriegen, Raketenalarm, Intifada und
Selbstmordanschlägen – erscheinen in den späteren Zeitfenstern weniger
präsent.
Wo aber die israelische Bedrohungserfahrung aus dem empathischen Erzählen
verschwindet, droht auch aus dem Blick zu geraten, warum der 7. Oktober in
Israel nicht nur als Massaker, sondern als Wiederkehr einer existenziellen
Bedrohung erlebt wird. Vielleicht liegt darin der interessantere Befund.
Gute Konfliktanalyse verlangt keine symmetrischen Urteile: Beim russischen
Überfall auf die Ukraine wäre das absurd. Im Nahostkonflikt aber waren
Israelis wie Palästinenser*innen historisch gesehen Täter und Opfer,
Handelnde und Leidende.
Diese Doppelperspektive droht zu verblassen: Israelis erscheinen zunehmend
als Akteur*innen, deren Verantwortung zu kritisieren ist,
Palästinenser*innen stärker als diejenigen, denen Gewalt widerfährt.
Die Aufgabe besteht darin, keine Seite aus ihrer politischen Verantwortung
– und keine aus unserer Empathie – zu entlassen. Wie wäre es mit einem
Israel-Tagebuch?
🐾 Machen Sie sich selbst ein Bild: [3][taz.de/nahost]
14 Sep 2026
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## AUTOREN
(DIR) Andreas Petrik
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