# taz.de -- taz🐾thema: Der Film vor dem Film
> Warum das Ende der Sommersaison auch seine guten Seiten hat: Unser Autor
> scheitert regelmäßig am Aufstellen seines Liegestuhls im Freiluftkino.
> Doch schafft er es einmal, lehnt er sich zurück, um die Show des
> Scheiterns der anderen zu genießen
(IMG) Bild: Ein seltener Anblick: Perfekt aufgebaute Liegestühle vor Kinoleinwand
Von Uli Hannemann
Vom Urnengang in Sachsen-Anhalt abgesehen, dürfte wohl kein öffentliches
Feldexperiment mehr Zweifel an der Vernunftbegabung der Menschheit schüren
als dreihundert Besucher, die im Freiluftkino versuchen, die dort für sie
bereitgehaltenen Liegestühle aufzustellen.
Das gilt leider auch für uns. Denn ich gehe höchstens einmal im Jahr dahin,
und habe dann jedes Mal aufs Neue den simplen Trick vergessen, mit dem man
in drei Sekunden diese Affenfalle aus Holz und Leinwand aufbauen könnte.
Wir sind also selbst ein interaktiver Bestandteil dieses evolutionären
Offenbarungseids.
Natürlich gibt es wie überall auch hier immer ein paar von diesen
Einsteins, die nicht so wie ich als erstes den Stuhl in die Hand nehmen,
und vollkommen random daran herumruckeln, -ziehen, und -zerren. Sondern die
stattdessen das Ding angucken, einfach nur angucken, analysieren, und es
BEGREIFEN.
Danach erst handeln sie bedächtig und zielgerichtet. Ich weiß nicht, wie
die das anstellen. Sie müssen Superhirne haben. Ich hingegen bin nur ein
redlicher Geisteshandwerker, rechtschaffen und fromm. Ich kann das nicht.
Meine einzige Technik lautet: Versuch und Irrtum. Und Irrtum und Irrtum und
noch mal Irrtum.
Schnell schwindet auch noch der letzte Rest von Stolz. Die Scham, die sich
angesichts des dilettantischen Spektakels einstellt, ist schier
überwältigend. Sollen wir einfach wieder gehen? Ich könnte theatralisch
einen Anruf faken und aufgeregt herumzetern: „Oh mein Gott, das Haus ist
abgebrannt“, „Mutter ist tot“, „Der Hundesitterin ist die Fruchtblase
geplatzt“. Komödienstadl goes Open Air.
Und sie dann wiederum so knallchargenmäßig vor den Umstehenden deklamierend
als stünde sie vorne am Bühnenrand: „Ja, saudoof, dann können wir ja leider
nicht im Kino bleiben, su-per-scha-de.“ Das ist das Stichwort. Fluchtartig
verlassen wir den Ort der Schande. Der Stuhl bleibt schlüssigerweise
liegen, ist schließlich ein Notfall, perfekte Tarnung.
Wir widerstehen der Versuchung. Natürlich linsen wir auch immer öfter
verstohlen rüber zu den Nachbarn: Wie machen die anderen das? Vor allem die
wenigen, die entweder öfter herkommen, einen Pakt mit dem Teufel
geschlossen haben, oder die es schlicht checken: die besagten Superhirne.
Doch selbst durch Zugucken und Imitation komme ich nicht weiter. Denn
entweder sieht man gerade zufällig bei denen zu, die genauso überfordert
wirken wie wir, oder aber es geht zu schnell: Klack, klack, klack, fertig.
In der Kürze der Zeit werde ich nicht schlau daraus. Dabei können selbst
Katzen aus Beobachtung lernen. Ich anscheinend nicht. Es ist deprimierend.
Erst flüsternd, dann schreiend, beginnen wir uns untaugliche Tipps zu
geben, ach was „Tipps“, eher sind es wirr gestammelte Beschwörungen aus der
Hölle eines völlig kompetenzbefreiten Aktionismus, und dazu jede Menge
Flüche. Gleich können sich die Kinoschweine ihren verschissenen Rubik’s
Chair aber mal ganz tief in den Arsch schieben. Fuck you, kack you, danke
Merkel.
Doch die Selbstzweifel halten immer nur so lange, bis man es am Ende doch
noch geschafft hat. In zehn Minuten. Rekordzeit. Glaube ich. Und stets ist
es eine Mischung aus Epiphanie, Zufall und Mitleid der Götter. Dabei gibt
es sowieso immer nur genau diesen einen kleinen Kniff, den man
verinnerlichen muss, nicht mehr; alles andere ergibt sich von selbst
daraus. Und ebendiesen Kniff vergesse ich jedes Mal im Laufe eines Jahres
wieder: Irgendwas mit der Armlehne.
Direkt im Anschluss an das Gelingen setzt der völlige Größenwahn ein: Warum
mache ich das eigentlich nicht beruflich? Am liebsten würde ich nach dem
Liegestuhl gleich noch eine riesige Stadt mit goldenen Dächern und
exquisiten Kaufläden errichten.
Weichwangige Snowflakes möchten jetzt sicher denken, dass ich, in der
Stunde des Triumphes gnädig geworden, nun den anderen Losern um mich herum
selbstlos unter die Arme griffe. Mit Rat und Tat, der Engel vom
Freiluftkino. Aber gemach, Freunde und Kupferstecher, ich bin ja nicht von
der Heilsarmee. Und ich hatte es auch nicht leicht. Ich aß mein Brot mit
Tränen. Mir hat ebenfalls keiner geholfen, ich musste da ganz alleine
durch. Am Ende hat mich genau das stark gemacht.
Daher denke ich, wenn ich sie jetzt stattdessen gründlich verhöhne, dürfte
sie das nur anspornen. Jetzt erst recht, werden sie in ihrer ohnmächtigen
Wut denken, diese in Energie umwandeln, und sich mit noch mehr Feuereifer
an das so gut wie unlösbare Problem machen. Auf dies Weise helfe ich ihnen
ungemein. Eines Tages werden sie mir dankbar sein.
Um ehrlich zu sein, bin ich aber einfach auch ein ziemlich schlechter
Mensch. Und als solcher bereitet es mir nun mal ein teuflisches Vergnügen,
mich buchstäblich zurückzulehnen, und die Show des Scheiterns zu genießen.
Wahnsinn, dieses Pärchen da neben uns. Hektische rote Flecken im Gesicht,
clumsy Pfoten, gleich klemmen sie sich auch noch ihre unegalen Griffel
zwischen Hauptstrebe und Fußteil ein. Au weia, ich hol dann aber nicht den
Notarzt. Meine Güte, diese erbärmlichen Trottel. Was für ein Slapstick. Im
Grunde gehe ich nur deshalb noch in dieses komische Wiesenkino.
Denn warum auch sonst? Die Vorstellung fängt für meinen Seniorengeschmack
deutlich zu spät an, manchmal ist der Film schlecht; entweder wird es
saukalt, regnet, obwohl das nicht im Internet stand, oder uns saufen die
Mücken aus. Die Schlange vorm Bierstand ist ewig lang, weil sich die ganzen
Popcornidioten ihr dämliches Popcorn in riesige Pappeimer schaufeln lassen.
Das dauert. In meinen Augen existiert keine überschätztere Substanz als
Popcorn. Wie kann man etwas in den Mund nehmen, das allenfalls dazu taugt,
Pakete mit zerbrechlichen Gütern auszupolstern. Und die Unsitte gibt es ja
auch nur im Kino. Außerhalb käme kein Schwein auf die Idee. Nicht zu
vergessen diese enervierenden Popcorn-Fressgeräusche – kkhhrrrpp,
kkhhrrrpp, kkhhrrrpp, wie so Raupen, die in einer populärwissenschaftlich
gestalteten Insektendoku mit tausendfacher Lautstärke wiedergegeben werden
–, wenn die Opfer gerade mal nicht einander zuquaken, was in dem Moment auf
der Leinwand passiert. Mann, Leute, das sehe ich doch, ich brauche von euch
keine Audiodeskription für Sehbehinderte. Schnauze, sonst Fresse.
Hinter dem Areal für die Liegestühle stehen noch mehrere Reihen
Plastikstühle, für die Faulen, oder die zu spät Kommenden – irgendwann sind
die Liegestühle nämlich alle –, vielleicht auch für kluge und vornehme
Menschen, denen Begriffe wie Würde, Maß und Vernunft keine Fremdwörter
sind. Dafür sitzen sie dann eben hinten, aber ich hege den starken
Verdacht, dass sie zivilisatorisch eher ganz weit vorne mit dabei sind.
5 Sep 2026
## AUTOREN
(DIR) Uli Hannemann
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