# taz.de -- Die Wahrheit: Die Sache mit dem Wanderschlüpper
       
       > Eines der hässlichsten Logos der Welt entpuppt sich als lukrative
       > Einkommensquelle in teuren Zeiten.
       
       Das Leben bleibt teuer, und meine Einkommensquellen sind begrenzt. Die
       Großmütter hatte ich beide schon verkauft und Goldzähne auch keine mehr im
       Mund. Wie ich reich wurde? Durch einen Schickimicki-Outdoor-Laden.
       
       Die Firma P. aus den USA macht jedes Jahr Abermillionen mit ihren
       Wanderklamotten. Besonders neureiche Wanderheinis aus Deutschland lieben P.
       Sie tragen die Marke mit stolzgeschwellter Brust: „Aus dem Weg, hier komm
       ich!“, soll das Outfit wohl bedeuten. Für einen stinknormalen Pulli werden
       schnell mal 250 Euro geblecht, für seltene Fleece-Jacken geben Verrückte
       auf Ebay mehr als 4.000 Euro aus.
       
       Hauptsache, das Logo ist sichtbar. Dabei ist es potthässlich: oben
       zerlaufen blau-violette Streifen, darunter deutet ein weißer Streifen eine
       Berglandschaft an, die wie ein EKG-Monitor aussieht. Aber einen Versuch ist
       es wert, dachte ich damals. Und bestellte einen günstigen Wanderschlüpper
       von P. Ich trennte den Aufnäher ab und stellte ihn für 10 Euro auf
       Kleinanzeigen. Daraufhin explodiert mein Posteingang.
       
       Tilmann aus Marburg war besonders penetrant. Er „möchte diesen blau-roten
       Aufnäher wirklich sehr, sehr gern haben:-)“, schrieb er. Und auch
       wanderjoerg77 und pataboy waren ganz heiß auf den Aufnäher. Ich löschte die
       Anzeige, trotzdem meldeten sich immer mehr Menschen. Sie hätten gehört,
       dass ich ja diese „schicken Aufnäher“ verkaufen würde.
       
       ## Angeberei mit Logo
       
       Offenbar ist das P-Logo beliebter als die eigentlichen Klamotten. Die Leute
       klatschten sich einfach aus Angeberei das Markenlogo auf ihre olle
       Kleidung. Oder um diese teuer zu verkaufen. Mir wurde klar: Der P-Aufnäher
       ist ein Blankoscheck, eine eigene Währung. Der Unternehmer in mir, er
       erwachte.
       
       Ich durchwühlte den P-Store in Berlin-Mitte nach günstigen Wanderhemden,
       nach Socken und Schlüppern. Für bis zu 50 Euro das Stück verkaufte ich die
       Logos auf Kleinanzeigen. Weil das Abtrennen der Aufnäher einiges Geschick
       erfordert und ich Wurstfinger habe, heuerte ich die Kita-Kinder aus dem
       Erdgeschoss als Freelancer an.
       
       Ich expandierte: In Second-Hand-Läden kaufte ich kiloweise Klamotten und
       klatschte das Logo drauf. Bald verkaufte ich Stützstrümpfe und Trinkhelme,
       Tastaturen und Spielkonsolen, ja sogar eine Couch für gesellige
       Wanderausflüge im Wert von mehreren tausend Euro! Damit machte ich auf
       Kleinanzeigen ein Vermögen. Wie das konsumkritische P. in den
       Siebzigerjahren startete ich mit meinen jungen Mitarbeiterinnen und
       Mitarbeitern als Graswurzelbewegung. Wir schalteten keine Werbung, sondern
       überließen alles dem Kleinanzeigen-Buschfunk.
       
       Wollen Sie Teil meiner einzigartigen Reise werden? Dann können Sie sich
       gern bewerben. Wir suchen bundesweit neue Leute, für Kost und Logis ist
       gesorgt. Und wenn Sie nicht low performen, dann gibt's auch einen Aufnäher.
       
       27 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Denis Gießler
       
       ## TAGS
       
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