# taz.de -- Die Wahrheit: Hype mit Schorschbock
       
       > Mehr Achtsamkeit geht nicht: Die kleine fränkische Gemeinde Aha entzückt
       > die ganze touristische Welt.
       
 (IMG) Bild: Innere Werte mit 57,5% Alkohol: Willkommen in Aha
       
       Alles begann mit einem Impulsvortrag beim Stadtmarketing-Come-Together der
       mittelfränkischen Klein- und Mittelstädte. Denn Jennifer Broederlein
       begeistert dort das in der Ansbacher Stadthalle versammelte Fachpublikum
       mit einem schwungvoll vorgetragenen Referat über die Do’s and Dont’s einer
       gelungenen Werbestrategie.
       
       „Mit altbackenen Stadtslogans wie ‚Nürnberg – Tradition und Moderne im
       Zeichen Albrecht Dürers‘ locken Sie heute keinen Rentner mehr hinter dem
       Wohnmobil hervor. Gefragt sind pfiffige, überraschende und kreative
       Lösungen für den immer unübersichtlicher werdenden Städtetourismus-Markt.
       Wenn die internationalen Touristenströme auch durch ihre Gemeinde fließen
       sollen, müssen Sie die Einzigartigkeit ihres Standorts offensiv
       vermarkten“, beschwört die Marketing-Koryphäe die staunenden Franken.
       
       „Nicht nur den – sicherlich kunsthistorisch äußerst bedeutsamen –
       mittelalterlichen Wehrgang in den Mittelpunkt stellen, sondern auch das
       Abseitige, Ungewöhnliche bewerben: die frühbrutalistische Betonfassade des
       Gemeindezentrums oder die gelungen in die Stadtlandschaft eingebettete
       Kläranlage. Bei der Begegnung mit ihrem Marketing-Konzept sollte sich beim
       übersättigten Weltenbummler im Idealfall ein echter ‚Aha-Moment‘
       einstellen: Dort will ich hin, das muss ich sehen!“
       
       ## Bratwurstweggla
       
       Beim anschließenden geselligen Beisammensein mit Bratwurstweggla und Bier
       vom Fass glaubt dann so mancher Stadtmarketing-Verantwortliche den Dreh
       gefunden zu haben, wie er seine Gemeinde auf der touristischen Landkarte
       besser positionieren könnte. Florian Walter, der 38-jährige Abgesandte aus
       Gunzenhausen, preist der umtriebigen Referentin Broederlein seine Gemeinde
       in höchsten Tönen: die idyllische Lage des staatlich anerkannten
       Urlaubsortes im fränkischen Seenland, den absolut sehenswerten
       obergermanisch-raetischen Limes, als ihn Broederlein leicht genervt
       unterbricht: „Da sehe ich jetzt noch keinen direkten Ansatzpunkt in Bezug
       auf Einzigartigkeit …“
       
       „Zu unser Stadt,“ beeilt sich Walter, „gehört auch ‚Aha‘“. – „Aha?“
       Broederlein schaut leicht irritiert. „Genau, ein Gemeindeteil unserer Stadt
       heißt ‚Aha‘“. Sofort wird Jennifer Broederlein hellhörig. „Das ist
       interessant. Damit lässt sich doch arbeiten. Der Name ist ein
       Alleinstellungsmerkmal! Geben Sie mir ein paar Tage Zeit und ich
       präsentiere Ihnen ein zeitgemäßes Stadtmarketing-Konzept.“ Visitenkarten
       werden ausgetauscht, Florian Walter macht sich beschwingt auf den Heimweg.
       
       Vier Tage später meldet sich Broederlein wieder. Voller Elan legt die
       Tourismus-Expertin am Telefon los: „Wussten Sie, dass ‚Aha‘ aus dem
       Althochdeutschen kommt und ‚fließendes Wasser‘ bedeutet? Das ist doch in
       Zeiten niedriger Flusspegelstände mal eine schöne Vorstellung. Und dann
       wäre da noch die Bedeutung von ‚Aha‘ als Ausdruck des plötzlichen
       Verstehens. Hier setzen wir an!“ Broederlein ist im Hörer ganz aus dem
       Häuschen. „In einer Welt der Rechthaber, Schlaumeier und Besserwisser
       positionieren wir Aha als Ort des interessierten Zuhörens, der Abwägung
       gegnerischer Argumente, der Nachdenklichkeit. Anstelle hasserfüllten
       Schlechtredens herrscht hier eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts. Wir
       haben nun mal keinen Kölner Dom, keine Rialtobrücke und keinen Eiffelturm –
       also setzen wir auf die inneren Werte: Urlaub mit Aha-Erlebnis, Urlaub in
       einer Oase der Achtsamkeit!“
       
       Florian Walter hört interessiert den Ausführungen zu. „Und wie setzen wir
       das in der Praxis um?“ – „Wir stellen die kleinen Freuden des Alltags in
       den Mittelpunkt, wir stellen eine Aha-Bank auf, wo Autos auf Anforderung
       halten …“ – „… und im ‚Schorschbräu‘“, ergänzt Walter, „machen wir eine
       Blindverkostung vom Schorschbock, das ist das alkoholhaltigste Bier
       Deutschlands mit 57,5 Vol%! Danach kommt die Aha-Bank voll zum Einsatz.“
       
       Wochen vergehen, als eine Reisereportage in der New York Times erscheint,
       in der Aha als „woke capital of Middle-Franconia“ gelobt wird. Plötzlich
       tauchen Reisegruppen aus aller Welt auf und verwandeln das beschauliche
       Örtchen in einen veritablen Instagram-Hotspot – kreischende südkoreanische
       Mädchengruppen im Markgräflichen Hofgarten, volltrunken grölende
       schottische Jungmänner im Schorschbräu und dauerfotografierende
       Rentnerpulks aus Florida, die in good old Europe dem Maga-Wahnsinn zu
       entkommen suchen.
       
       Zwar steigen die Übernachtungszahlen sprunghaft an, doch wird der Hype
       schnell zur Hypothek. Als ein internationaler Konzertveranstalter die
       norwegische Band a-ha für ein Open air-Konzert an den Altmühlsee holt,
       40.000 Fans das beschauliche Pfarrdorf überrollen und die selbsternannte
       Oase der Achtsamkeit in Grund und Boden trampeln, ist endgültig Schluss mit
       dem Aha-Erlebnis. In einer eilig anberaumten Sondersitzung des Stadtrats
       wird der Werbeslogan mit sofortiger Wirkung geändert in „Gunzenhausen –
       Perle zwischen Wald und Wasser“.
       
       28 Aug 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Rüdiger Kind
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Franken
 (DIR) Tourismus
 (DIR) Nachhaltiger Tourismus
 (DIR) Marketing
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Heimatland
 (DIR) Bayern
 (DIR) Wohnungsnot
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Minimalismus zur Mittagszeit
       
       Der Wahrheit-Ortsbesuch: Das Örtchen Ort im idyllischen Oberbayern ist der
       Inbegriff aller Siedlungsformen in der ländlichen Region.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Bayerische Brüter
       
       In der Phantasiestraße bietet die Stadt München jetzt den Schicken und
       Schönen einen Innovationskraftort an. Die Landesregierung ist begeistert.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Wohnen auf dem Pfahl
       
       Das Problem der Wohnungsnot ist endlich gelöst. Die allerneueste Version
       der Tiny Homes: Leben auf engstem Raum mitten im See.