# taz.de -- Identität und Überwachung: Ich bin, was im Netz steht
> Das Internet kennt heute unerhörte Überwachungstechniken, für die ein
> Geheimdienst gemordet hätte. Arno Frank über digitale Doppelgänger und
> damit verbundene anthropologische Herausforderungen.
(IMG) Bild: Das Überwachungswesen wächst durch Preisgabe von Informationen. Arno Frank will da nicht mitmachen
[1][taz FUTURZWEI] | Mir ist völlig schnuppe, was „die [2][KI]“ über mich
„weiß“, besser: was „Large Language Models“ über mich so daherplappern
mögen. Ich habe auch noch nie meinen Namen in eine gewöhnliche Suchmaske
eingegeben.
Aus Prinzip. Und prinzipiell fahnde ich dort auch nicht nach Verflossenen
oder Bekannten.
Schon klar, dass uns heute Überwachungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen,
für die noch in den Achtzigerjahren der [3][Geheimdienst] eines
mittelgroßen Landes gemordet hätte. Eben deswegen lasse ich die Finger
davon. Wenn ich etwas über mich läse, das mir nicht gefällt und vielleicht
sogar falsch ist, würde ich mich ärgern und eingreifen wollen. Dann hinge
ich bereits am Haken.
Schlimmer wäre nur, würde mir gefallen, was „das Netz“ angeblich über mich
weiß. Dann hinge ich ebenfalls am Haken. Also lasse ich es, aus Gründen der
psychischen Hygiene. Das ist die kurze Erklärung.
Die ausführlichere Erklärung beginnt mit einem sardonischen Dreisatz, den
Douglas Adams einmal über unser Verhältnis zum technologischen Fortschritt
aufgestellt hat: „Erstens: Alles, was es schon gab, als du geboren wurdest,
ist ganz normal. Zweitens: Alles, was bis zu deinem 30. Lebensjahr erfunden
wird, ist unglaublich aufregend und mit etwas Glück kannst du deine
Karriere darauf aufbauen. Drittens: Alles, was danach erfunden wird,
widerspricht der natürlichen Ordnung und bedeutet das Ende der
Zivilisation, wie wir sie kennen – bis sich nach etwa zehn Jahren
allmählich herausstellt, dass es eigentlich doch ganz in Ordnung ist“.
## Der Doppelgänger als Figur des Horrors
Wäre der Schriftsteller (Per Anhalter durch die Galaxis) nicht schon 2001
gestorben, also vor dem [4][iPhone] und dem Aufstieg „sozialer Medien“,
hätte er sich den Satz nach dem Gedankenstrich vermutlich gespart.
Vielleicht liegt es auch an mir selbst, weil ich mein dreißigstes
Lebensjahr bereits hinter mir habe. Aber zu den fragwürdigsten Innovationen
unserer Zeit gehört der Avatar – also mein „digitaler Doppelgänger“ im
Netz.
Es ist noch nicht allzu lange her, nachzulesen beispielsweise bei Daphne du
Maurier (Der Sündenbock) oder E. T. A. Hoffmann (Der Sandmann), da war der
Doppelgänger noch Horror auf Augenhöhe mit dem Zombie oder dem Vampir. Je
besser aber der Avatar das wahre Leben imitiert, desto bedrohlicher wirkt
er. Ein Paradox, das der japanische Ingenieur Masahiro Mori mit seinem
Begriff des „uncanny valley“ zu beschreiben versucht hat. Demnach liegt
zwischen dem Menschen und dem nur Menschenähnlichen ein „unheimliches Tal“,
das nicht zu überbrücken und nur mit Schrecken zu durchqueren ist.
Normalerweise stiftet Vertrauen, was uns ähnlich ist – hier kippt es ins
Verstörende.
Wer jemals in die toten Augen des Avatars geblickt hat, mit dem [5][Mark
Zuckerberg] für die virtuelle Besiedlung seiner digitalen Dystopie namens
„Metaverse“ geworben hat, kennt diesen epistemologischen Effekt.
## Die Spur und der Profit
Folgenreicher als Spielereien mit einem virtuellen Avatar ist der
gespenstische „Abdruck“, besser: der feine Sprühnebel an Informationen, den
unsere Existenz im Internet hinterlässt. Er stellt uns nicht nur vor ein
wahrnehmungstheoretisches, sondern vor ein ontologisches Problem. Denn die
Spur dessen, was wir zeitlebens im Internet so getrieben haben, was sich im
Internet über uns so alles angesammelt hat mit den Jahren, beansprucht
inzwischen den Rang einer Realität aus eigenem Recht. Es stellt die Frage
nach dem Sein. Ich bin, was im Netz über mich gespeichert ist.
Das gilt selbst dann, wenn ich dort nur als klandestiner Käufer bei
[6][Amazon] oder der [7][Deutschen Bahn] unterwegs bin – für die Anbieter
der entsprechenden Dienstleistungen bleibt mein Avatar rein kundenförmig.
Je mehr ich aber preisgebe, zwangsläufig oder freiwillig, desto länger und
schwerer wird die Schleppe an Quatsch, die ich dort hinter mir herziehe,
desto detailgetreuer mein Avatar. Und desto größer die Gefahr, dass ich
mich selbst mit einem öffentlichen Doppelgänger verwechsele, der sich –
ganz von selbst – aus Informationen über mich selbst zusammensetzt. Womit
das, was ich für meine Identität halte, endgültig auf eine externe
Festplatte ausgelagert, besser: in der [8][Cloud] verdampft sein dürfte.
Das bedeutet vielleicht nicht das Ende der Zivilisation, wie wir sie
kennen. Eine anthropologische Herausforderung, denke ich, ist das aber
schon.
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18 Aug 2026
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## AUTOREN
(DIR) Arno Frank
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