# taz.de -- debatte: Rechter Schneeballeffekt
       
       > In Sachsen-Anhalt hält die AfD Zustimmungswerte von 40 Prozent. Kein
       > Wunder, die Nazi-Propaganda der 90er ist nie aus den Köpfen verschwunden
       
 (IMG) Bild: Wahlkampfveranstaltung der AfD in Wolfen in Sachsen-Anhalt am 31. Juli
       
       Wo kommen nur die vielen AfD-Fans her? In öffentlichen Debatten bekomme ich
       oft den Eindruck, der rechtskonservative Backlash falle ganz plötzlich vom
       Himmel. Allein das Wort „Rechtsruck“ suggeriert eine unvorhersehbare
       Veränderung. Da wählen die sogenannten unbescholtenen Bürger:innen auf
       einmal eine Partei, die mit rechten und zum Teil menschenverachtenden
       Parolen auf Bäuerinnenfang geht.
       
       So will in Sachsen-Anhalt die AfD den Schwangerschaftsabbruch wieder
       kriminalisieren, und das, wo dies in der DDR bereits 1972 abgeschafft
       wurde. Behinderte Kinder sollen zukünftig „normal begabte Kinder“ nicht in
       Integrationsklassen beim Lernen stören und die Regenbogenfahne gehöre an
       Schulen verboten. Dafür plädieren sie für das tägliche Hissen der
       Deutschlandfahne an pädagogischen Einrichtungen und „das gemeinsame Singen
       der Nationalhymne im Kreise der gesamten Schüler- und Lehrerschaft“ bei
       Feierlichkeiten. Außerdem will die AfD die Antifa zur Terrorvereinigung
       erklären, Gelder für „linksextreme Vereine“ streichen und „pervers-linke
       Agitation“ beenden. Und mit diesen nationalistischen, frauenfeindlichen und
       extrem konservativen Wahlversprechen erhält sie Prognosewerte von 40
       Prozent.
       
       Auch wenn es gruselig ist, überrascht mich das wenig. Denn ich stamme aus
       einem beschaulichen Dorf in Sachsen-Anhalt, am Rande des Harzes. Vor über
       15 Jahren verließ ich das Landleben für die Großstadt Berlin. Ganz hinter
       mir lassen kann ich weder meine Ostbiografie noch meine Erfahrungen. Trotz
       meiner queeren und linken Bubble finden sich in meinem erweiterten
       Bekanntenkreis heute unzählige Leute mit einem Faible für Rechtspopulisten
       – die Bedrohung rückt immer näher.
       
       Da ist zum Beispiel eine links denkende Freundin, deren alleinerziehende
       Mutter einst bei der SPD aktiv war und plötzlich in der Rente rechte
       Parolen wiederholt. Eine andere engagierte Freundin macht sich Sorgen, wo
       wohl ihre konservativen Brüder mit einer gewissen Nähe zur Bundeswehr ihr
       Kreuz setzen werden.
       
       Und da sind all die alten Klassenkamerad:innen von der Realschule, mit
       denen ich einst Schulbank und Freundschaften teilte und die irgendwann auf
       dem Weg ins Erwachsenenleben scharf rechts abbogen, während ich immer auf
       der Seite des Antifaschismus stand.
       
       Da wird heute groß „Ostfront“ und Hetze gegen Geflüchtete gepostet, Corona
       geleugnet und Diskussionen um Tempolimit, Heizungsgesetz und Klimawandel
       als Beschneidung der eigenen Freiheit postuliert. Die Liste meiner
       Facebook-Blockaden ist lang.
       
       Für mich steht fest: Ein Großteil der AfD-Anhänger:innen war nie
       „unbescholten“. Nur haben sie es sich in den letzten Jahrzehnten bequem
       eingerichtet. Ich habe die Gewalt der späten Baseballschlägerjahre erlebt –
       mich rechten Parolen widersetzt. In meiner Gegend gab es Dörfer, die konnte
       und wollte ich nicht betreten, weil dort gewaltbereite Faschos die Mehrheit
       hatten.
       
       Es gab Dorffeste, da wurden lauthals Hitler-Lieder gesungen, während die
       Anwohner:innen fröhlich mitschunkelten, und vor einer Grufti-Disko lauerten
       regelmäßig Schlägerhorden den Feiernden auf. Was wurde wohl aus den
       [1][Baseballschlägertrupps] dieser Zeit, die im Übrigen nicht nur aus
       Männern bestanden?
       
       Damals tat man das als [2][jugendliche Subkultur ab], als ein unschönes
       Problem im Osten. Dabei nutzten rechte Kameradschaften und Parteien den
       Mauerfall blitzschnell, um ihre Propagandamaterialien an
       Jugendeinrichtungen und sogar an Schulen zu verteilen. Und die
       desorientierten Teenager:innen, mit ihren arbeitslos gewordenen Eltern,
       fielen darauf rein, während die Erwachsenen wegschauten.
       
       Polizei, Gerichte, Medien, Politik und Eltern begriffen lange nicht das
       Ausmaß der Gewalt in Ost – und West. Man denke nur an NSU und
       Rostock-Lichtenhagen. Heute sind die einst gewaltbereiten Neonazis, wie
       ich, Ü40. Sie haben es sich größtenteils in ihrem kleinbürgerlichen Alltag
       eingerichtet, Familien gegründet, Ausbildungen absolviert, Berufe ergriffen
       oder Unternehmen geschaffen.
       
       So wird der Webshop für die Kampagnen von Sachsen-Anhalts
       AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund von einem ausgewiesenen
       Rechtsextremisten betrieben. Torsten G. wird vom Verfassungsschutz als
       einer „der zentralen Akteure der rechtsextremen Szene“ zugeordnet. Er war
       bei der Jugendorganisation der NPD aktiv und wechselte später zur
       Identitären Bewegung (IB). Sein Unternehmen betreibt einen bekannten
       Szeneshop, der rechtsextreme Aufkleber und Bücher verkauft.
       
       Und das ist kein reines Ost-Problem! [3][Walter Lübcke], Kassler
       CDU-Politiker, wurde 2019 von einem mehrfach vorbestraften Neonazi
       ermordet, der viele Jahre unauffällig in seinem Einfamilienhaus mit Frau
       und Kindern lebte. Aber im Osten wurden die sogenannten „Wendejahre“ und
       der Biografiebruch vieler Ostdeutscher nie aufgearbeitet.
       
       Gerade für meine Generation – die Kinder und Jugendlichen der 90er Jahre –
       bedeutete der Mauerfall eine Identitätssuche unter außergewöhnlichen
       Umständen. Wer damals früh intensive Kontakte mit rechter Gehirnwäsche
       bekam, legt dieses Mindset so schnell nicht wieder ab.
       
       Ganz sicher sind die 40 Prozent Wählerschaft der AfD nicht alles
       Schläger:innen von damals! Aber sie sind es eben auch, die hier eine lang
       ersehnte „Heimat“ für ihr menschenverachtendes Weltbild finden. Und ist
       einmal eine kritische Masse erreicht, läuft das Schneeballprinzip
       unbegrenzt weiter. Deshalb müssen wir dringend die Zeit der
       „Baseballschlägerjahre“ aufarbeiten, damit nicht noch eine Generation
       verloren geht.
       
       7 Aug 2026
       
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