# taz.de -- Härter als der Hudson River
> Andreas Waschburger ist Beamter und Extremschwimmer. In New York hat er
> jetzt einen ganz besonderen Rekord aufgestellt
(IMG) Bild: Rekordschwimmer vor Traumkulisse: Andreas Waschburger in New York
Von Sebastian Moll
Dreiundzwanzig Uhr in Manhattan, ein gewöhnlicher Dienstagabend in der
Stadt, von der behauptet wird, sie schlafe nie. Die Wolkenkratzer des
Finanzbezirks sind nur halb beleuchtet, der Hudson River an der Westseite
der Insel ist umso schwärzer. Glasig und still wie ein See liegt er da, in
der kurzen Pause zwischen Ebbe und Flut, der Fluss, der in beide Richtungen
fließt.
Die Stimmung am alten Anlegedock 25, ist friedlich und doch ominös. Andreas
Waschburger wirkt unruhig. Den ganzen Nachmittag sei es ihm nicht so gut
gegangen, sagt der 1,90-Mann, dem man schon von Weitem die Schwimmerfigur
ansieht. Nicht ideal für das, was er vor hat in dieser Nacht: In Rekordzeit
schwimmend die Insel Manhattan zu umrunden. 5 Stunden und 34 Minuten Zeit
mit der Strömung hat er für die 52 Kilometer – das ist die Bestmarke, die
der Mexikaner David Olivera vor einem Jahr aufgestellt hat.
Der Rekord wäre das Ausrufezeichen hinter Waschburgers sagenhafter Karriere
als Marathonschwimmer. In der kleinen Subkultur von Extremschwimmern hat
Waschburger alles erreicht, was es zu erreichen gibt. Er hat den Weltrekord
für die Durchquerung des Ärmelkanals gebrochen – dem „El Capitan“ der
Langstreckenschwimmer. Er hat die Ocean’s Seven in Rekordzeit beendet: Die
Durchquerung der sieben berühmtesten und gefährlichsten Meerengen der Welt.
Die Manhattan-Umrundung, wegen der Anzahl der Brücken unter denen es durch
geht, auch 20 Bridges genannt, ist nun die letzte Etappe der „Triple Crown“
im Marathonschwimmen – dem Hattrick aus Ärmelkanal, der Meerenge zwischen
Catalina Island und Los Angeles und eben den 20 Bridges. Mit dem Rekord
hielte er auch den Rekord der Triple Crown.
Jetzt ist der Herr der Meere erst einmal erleichtert. Ein Küchengehilfe hat
ihm das Restaurantschiff auf dem Pier 25 aufgeschlossen. Waschburger hat
Durchfall. Wie vor jedem Rennen. Das gehört dazu, verrät sein Trainer, Jan
Wolfgarten, selbst einstiger Weltklasse-Krauler.
Vor vielen Jahren waren die beiden noch Gegner. Vor den Olympischen Spielen
2012, zu denen Wolfgarten die Qualifikation verpasste und Waschburger im
10-Kilometer-Rennen im Londoner Hyde Park Achter wurde. Ein überaus
respektables Ergebnis. Für Waschburger, der lange an der Spitze gelegen
hatte, eine Enttäuschung. Ebenso wie die verpasste Qualifikation zu den
Spielen von Rio 2016. Waschburger war leer, orientierungslos, brauchte neue
Ziele. So entstand der Plan, in die Marathonszene einzusteigen und den
Rekord für den Ärmelkanal anzupeilen.
Heute, nach Tausenden gemeinsamen Trainingskilometern und Hunderten von
Rennkilometern von Gibraltar bis Hawaii sind die beiden mehr als nur ein
Team. Wolfgarten, der auf dem Boot steht, jede Situation kühl analysiert
und nur durch knappe Handzeichen und einzelne Worte kommuniziert. Und
Waschburger, der ihm blind vertraut und sich auf ihn stützt, wenn er die
bei Schwimmmarathons durchaus normalen Gefühlsschwankungen durchläuft.
Um kurz nach zwei Uhr springt „Waschi“, wie ihn Trainer und Freunde nennen,
ins Wasser. Er schwimmt ein paar Züge in die Mitte des Flusses, eine der
offiziellen Beobachterinnen gibt den Countdown und er beginnt mit seinen
rhythmischen Kraulzügen. Kein Jubel, keine Kapelle, keine Fähnchen. Er
schwimmt ruhig den Harlem River hinauf durch die Nacht. Der Fluss riecht
faulig, Waschburger schlägt mit den Armen immer wieder auf undefinierbare
Gegenstände. Autoreifen und Müll treiben vorbei.
Nach etwas über einer Stunde öffnet sich der Harlem River zu einer Bucht
und ergießt sich in den Hudson. Die Holländer hatten im 17. Jahrhundert die
Ecke „Spuyten Duyvil“ genannt – der spuckende Teufel –, weil die Strömung
für die Schifffahrt hier tückisch ist. Andres Waschburger bekommt das
sofort zu spüren. In der Mitte des zwei Kilometer breiten Stroms sind die
Wellen so hoch, dass der Schwimmer immer wieder zwischen ihnen
verschwindet. Nur die kleine Lampe an einer seiner Hose blinkt ab und zu
zwischen den dunklen Wogen hindurch.
Der erfahrene Begleitkajaker hält Waschburger in der Mitte des Stroms.
Waschburgers Arme durchschneiden die Wellen wie ein Messer, seine
Schlagzahl bleibt konstant. Und doch gesteht er später: „Wenn das die ganze
Nacht so gegangen wäre, hätte ich aufgehört.“
Was man nicht glaubt, wenn man seine Geschichte kennt. Im Molokai-Kanal in
Hawaii brach er sich gleich nach dem Start an einem Felsen die Nase.
Beinahe zehn Stunden kämpfte er gegen Wellen, gegen die des Hudson kleine
Kräusel sind. Und er gab trotzdem nicht auf. In der Tsugaru Strait zwischen
Honshu and Hokkaido in Japan änderten sich während des Versuchs die
Strömungsverhältnisse so drastisch, dass die Durchquerung drei Stunden
länger dauerte als geplant. Anstatt 33 schwamm Wachburger 44 Kilometer.
Erlebnisse, durch die man überhaupt erst lernt, wie leidensfähig man
eigentlich ist.
Heute hält die harte Phase keine zwei Stunden an. Als die kleine Flottille
um Waschburger mit der Strömung an der Skyline von Manhattan vorbeigleitet
und es leicht zu dämmern beginnt, erfasst die gesamte Crew eine Art von
Euphorie. Waschburger scheint mit seinen langen Zügen nur so dem Rekord
entgegenzuschießen. Nur Jan Wolfgarten wirkt etwas besorgt. „Waschi“ hat
gegenüber dem Rekordfahrplan drei Minuten verloren. Das klingt bei
fünfeinhalb Stunden nach wenig. Doch Wolfgarten weiß, dass es am Ende um
Sekunden gehen könnte.
Um kurz nach sechs Uhr kommt Waschi exakt zur gleichen Zeit an den
Südzipfel von Manhattan an wie die Staten-Island-Fähre. Es bricht Hektik
und Verwirrung aus im Team. Der Kajaker meint, Waschi solle vor der Fähre
vorbeisprinten, doch die Fähre nimmt an Fahrt auf. Zu warten, bis sie
vorbeifährt ist keine Option, dann wäre der Rekord futsch. Am Ende wird es
ein Zentimetermanöver. Die Fähre ist schnell genug, um knapp vor
Waschburger vorbeizuhuschen. Er verliert kaum Zeit, doch der Sprint hat
Kraft gekostet. Und eine Verpflegung, eine dringend nötige Dosis von 100 mg
Kohlehydrate, hat er verpasst.
Nun ist er sieben Minuten hinter dem Plan. Wolfgarten ist still. Er raunt
Waschi nur unaufgeregt, beinahe zart zu: „Nicht aufgeben. Nicht aufgeben.“
Die Aufmunterung ist im Grunde nicht nötig. Waschi und Wolfgarten hätten
sich auch so verstanden. Andreas Waschburger zeigt, warum er der König der
Meere ist, lässt den Wellengang und die Winde der Nacht und das Rennen
gegen die Fähre ohne Verzug hinter sich. Er vergisst, dass er jetzt schon
vier Stunden mit einer Geschwindigkeit schwimmt, die selbst ambitionierte
Freizeitathleten keine Minute lang durchhalten würden, und zieht durch.
Unter der Brooklyn Bridge liegt der Rückstand nur noch bei zwei Minuten;
unter der Williamsburg Bridge ist es nur noch eine. Waschburger scheint zu
fliegen. Immer höher heben sich seine breiten Schultern aus dem Wasser,
immer kräftiger wird sein Beinschlag. Als er auf der letzten Viertelmeile
zum Mills Rock zum Sprint ansetzt, macht sich in der Crew Jubelstimmung
breit. Am Ende liegt Waschi mit zwei Minuten vorne.
Auf dem Gipfel der Marathonschwimmwelt angekommen, muss Waschi erst mal
kotzen. Mehrmals. Doch bis das Motorschlauchboot sich an der
Freiheitsstatue und dem World Trade Center vorbei wieder den Weg zur
Anlegestelle gebahnt hat, hat er sich wieder erholt. Und der härteste Mann,
der je ein offenes Gewässer durchkrault hat, verwandelt sich wieder in den
freundlichen, beinahe schüchternen saarländischen Beamten, der er ist, wenn
er nicht schwimmt.
Er freut sich überschwänglich, seine Frau Jasmin und sein Baby in die Arme
zu nehmen und redet ausführlich mit einem Mitschwimmer, der in dieser Nacht
ebenfalls Manhattan umrundet hat – und eine Stunde langsamer war. Und
schließlich kommt die Energie zurück. Nur noch zwei Tage New York und noch
so wenig gesehen. Die Frage, was es jetzt noch zu durchschwimmen gibt, wo
alles erreicht ist, interessiert ihn nicht. Das wird sich schon finden.
15 Aug 2026
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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