# taz.de -- Gentrifizierung in Berlin: Reich werden mit diesem einfachen Trick
       
       > Vier Start-up-Manager wollen ein heruntergekommenes Haus in Neukölln
       > kaufen. Die Bewohner:innen hoffen auf das Vorkaufsrecht – doch es
       > sieht nicht gut aus.
       
 (IMG) Bild: Objekt der Begierde: die Hertzbergstraße 28 in Neukölln
       
       „Wenn ihr ein paar Nullen hinter eurem Kontostand hinzufügen wollt, dann
       hört zu!“ Mit gegelten Haaren und glattrasiertem Gesicht stellt sich der
       Youtuber Anfang 40 als erfolgreicher Jungunternehmer vor. Mit einem
       App-Baukasten für Influencer habe er Millionen gemacht, jetzt wolle er
       seine Geheimnisse mit seinem Youtube-Publikum teilen. Busisness to Business
       Coaching für Content-Creator:innen auf Social Media, kostengünstig skaliert
       durch KI – „Ihr wollt euren Profit steigern – nicht eure Lohnkosten.“
       
       Es sind Sätze wie diese, bei denen für Andre Glörfeld, Bewohner eines
       Mehrfamilienhauses in der Neuköllner Hertzbergstraße 28, die Alarmglocken
       klingeln. Denn der Youtuber, zusammen mit drei anderen
       Geschäftspartner:innen aus der Start-up-Szene, will den
       sanierungsbedürftigen Altbau, in dem Glörfeld wohnt, kaufen. Die rund 40
       Bewohner:innen des Altbaus befürchten Verdrängung. Die Hoffnung liegt
       auf dem Bezirk, der einem Verkauf des Hauses mit dem Vorkaufsrecht
       zuvorkommen könnte.
       
       André Glörfeld lebt seit 20 Jahren in dem Haus in Rixdorf und ist damit
       noch nicht einmal der dienstälteste Bewohner. „Wir haben Nachbarn, die
       wohnen hier seit 50 Jahren“, berichtet er.
       
       Das Haus ist ein typischer Berliner Altbau. Um 1900 errichtet, Vorderhaus
       und Seitenflügel. Der Innenhof wurde von den Bewohner:innen liebevoll
       mit Zierpflanzen und einem kleinen Teich gestaltet. Doch der Rest des
       Hauses macht einen etwas heruntergekommenen Eindruck. Von den Fassaden
       bröckelt überall der Putz, an den Brandmauern ist Backstein zu sehen.
       
       Der bisherige Eigentümer, eine Privatperson, ließ das Haus über die Jahre
       verfallen, berichtet Glörfeld. Jahrelang habe die Decke über ihm getropft,
       der Wasserschaden sei nie behoben worden. „Eines Tages kam die Decke
       runter, darunter überall Schimmel“, erzählt er. Die Anekdote sei kein
       Einzelfall: Im gesamten Haus gebe es Feuchtigkeitsschäden, Klos seien
       undicht, in vielen Wohnungen lebten Ameisen und in manchen sogar Mäuse, die
       durch den Efeubewuchs ins Haus gelangten. „Der alte Vermieter hat immer
       gesagt, er macht das nächste Woche, aber dann kam nie was.“
       
       Doch trotz allem hatte die Hausgemeinschaft zum bisherigen Eigentümer einen
       guten Draht. Die Mieten sind günstig, viele Mieter:innen sanierten ihre
       Wohnungen aufwendig selbst.
       
       Doch im Mai erfuhr die Hausgemeinschaft davon, dass der Eigentümer aufgrund
       seines fortgeschrittenen Alters verkaufen will. Zuerst sei er mit einer
       Gruppe fremder Leute durch das Haus gegangen, unter dem Vorwand die
       Heizkörper zu vermessen, erinnert sich Görfeld. „Wenig später haben wir
       unser Haus auf Immoscout gefunden.“
       
       Über Umwege fand die Hausgemeinschaft schließlich heraus, wer an dem Kauf
       ihres Hauses interessiert ist: Die H28, eine Gesellschaft bürgerlichen
       Rechts, ist kein Unternehmen, sondern ein Zusammenschluss von vier
       Privatpersonen. Dabei handelt es sich um vier Manager:innen aus der
       Start-up Szene. Neben dem Youtuber arbeitet ein weiterer Gesellschafter in
       führender Position bei dem in den Deutschland nicht mehr tätigen
       Lieferunternehmen Delivery Hero.
       
       Als erfahrene Geschäftsleute wüssten die Käufer:innen sicherlich, wie
       sich mit dem Haus Profit machen lasse, befürchtet Glörfeld. Einen kleinen
       Vorgeschmack bekam die Hausgemeinschaft bereits. „Wir haben sofort eine
       15-prozentige Mieterhöhung bekommen. Den Parteien mit Mietschulden wurde
       fristlos gekündigt.“
       
       Nun befürchten die Bewohner:innen weitere Erhöhungen, etwa durch
       energetische Sanierungen, oder gar Verdrängung durch
       Eigenbedarfskündigungen. „Wir haben viele Rentner hier, die wissen nicht,
       wo sie sonst hinsollen“, sagt Glörfeld.
       
       Die letzte Hoffnung liegt beim Bezirk Neukölln. Der könnte durch das
       Vorkaufsrecht der Start-up-Clique zuvorkommen und das Haus selber kaufen.
       Der Bezirk Neukölln teilt auf taz Anfrage mit, den Fall zu prüfen. Die
       nötigen Absprachen seien aber noch nicht abgeschlossen.
       
       Seit einem Grundsatzurteil des Bundesverwaltungsgerichts von 2021 ist das
       einst beliebte wohnungspolitische Instrument stark eingeschränkt. Es kommt
       demnach nur noch für Häuser in Milieuschutzgebieten infrage, die stark
       sanierungsbedürftig sind. Beide Bedingungen sind im Falle der
       Hertzbergstraße 28 erfüllt.
       
       Für den Vorkauf benötigt der Bezirk einen Dritten, der den Kauf übernimmt,
       etwa eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, eine Genossenschaft oder
       eine Stiftung. Da die stark sanierungsbedürftigen Häuser zu überhöhten
       Marktpreisen in der Regel für gemeinwohlorientierte Akteure ein
       Minusgeschäft sind, muss der Senat in den meisten Fällen Geld zuschießen,
       um einen Kauf zu ermöglichen.
       
       Das Problem sei immer das gleiche, kritisiert Katrin Schmidberger,
       wohnungspolitische Sprecherin der Grünen. Die Bereitschaft bei den
       Landeseigenen und Genossenschaften sei vorhanden, allerdings würde diese
       von Anfragen wie dem Fall der Hertzbergstraße 28 überschwemmt. Die
       Fördermittel seien unzureichend und die Vergabeverfahren undurchsichtig,
       sodass viele Genossenschaft davor zurückschreckten, sie in Anspruch zu
       nehmen.
       
       „Wenn Ankäufe immer wieder an fehlenden Fördermitteln, bürokratischen
       Hürden und mangelnder Unterstützung scheitern, wird das Vorkaufsrecht Stück
       für Stück beerdigt“, kritisiert Schmidberger. Die Grüne schlägt ein
       strukturiertes Verfahren vor und einen festen Förderfonds, aus dem das Land
       systematisch Ankäufe finanzieren kann. „Sonst bleibt ein zentrales
       Instrument des Mieterschutzes reine Symbolpolitik.“
       
       Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung antwortete der taz am Mittwoch
       nicht vor Redaktionsschluss. Doch Stadtentwicklungssenator Christian
       Gaebler (SPD) ist nicht dafür bekannt, ein großer Fan des Vorkaufsrechts zu
       sein. In einer Plenarsitzung Anfang Juni sagte er, dass er davon ausgehe,
       dass Berliner:innen es nicht gutheißen würden, wenn ihre landeseigenen
       Wohnungsbaugesellschaften „Schrottwohnungen zu Höchstpreisen ankaufen“
       würden. Stattdessen wolle man jeden Fall einzeln prüfen.
       
       Die Hausgemeinschaft in der Hertzbergstraße 28 will jedenfalls nicht
       aufgeben. Sie hofft, Gaebler noch umzustimmen zu können, bevor die Frist am
       4. August abläuft.
       
       Auch dafür hat der kaufinteressierte Youtuber einen Tipp parat. „Der
       Schlüssel zum Erfolg ist, euren Motor anzufeuern“, rät er seinen
       Businesskollegen im Video. Um Zielstrebigkeit zu entwickeln, müsse man
       Schmerz erfahren. Und davon haben die Mieter:innen der H28 schließlich
       genug.
       
       22 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Wahmkow
       
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