# taz.de -- Die digitale Verwurstung von Hannah Arendt und Primo Levi
       
       > Die Nacht der lebenden Philosophentoten: Wie KI die Geistesgeschichte in
       > biedere Kalendersprüche und banale Motivationsvideos verwandelt
       
 (IMG) Bild: Die echte Hannah Arendt? Nein, Sie sehen eine KI-generierte Version der Denkerin von „The Ancient Dog“
       
       Von Tilman Baumgärtel
       
       Wenn man mit künstlicher Intelligenz einen Text, ein Bild oder ein Video
       generiert, benutzt man im Grunde eine Maschine, die aus einem Staubsauger,
       einem Mixer und einer Düse besteht. Der Staubsauger saugt gewaltige Mengen
       von Texten, Bildern und Videos aus dem Internet. Dieses Material wird im
       Mixer in seine kleinsten Bestandteile zerlegt. Dabei folgert die Maschine
       aus diesem Datenbrei die statistische Wahrscheinlichkeit, mit der welche
       Wörter, Bilder, Töne und Bewegungen gewöhnlich aufeinanderfolgen.
       
       Lässt man sich von einer KI-Anwendung wie ChatGPT, Veo oder Nano Banana
       etwas generieren, tritt die Düse in Aktion. Sie formt Neues nach den
       Mustern, die aus dem Datenbrei abgeleitet wurden. Was dabei entsteht, ist
       zwar bar jedes Sinns und ohne Verstand, wirkt aber auf den ersten Blick
       plausibel. So erhält man etwa ein Video, in dem Sigmund Freud die
       Psychoanalyse erklärt, als wäre er zu einer TED-Konferenz eingeladen.
       
       Leise, still und heimlich verbreitet sich in den sozialen Medien eine neue
       Art von Quatschvideos. In der ersten Flutwelle KI-generierter Kurzfilme
       bestand die Pointe oft darin, dass Ikonen zum Leben erweckt und in absurde
       Situationen versetzt wurden: Jesus warf im Anime-Stil die Tische der
       Geldwechsler um, Super Mario geriet mit seinem Kart in eine amerikanische
       Polizeikontrolle. Der Internetvolksmund fand für diese Nonsensbricolagen
       schnell einen passenden Begriff: [1][AI slop], frei übersetzt KI-Matsche.
       
       Nun bekommt die Philosophie die Slopbehandlung: Auf einer Reihe von Kanälen
       auf Youtube, Facebook, Instagram und Tiktok tauchten in den vergangenen
       Monaten Videos auf, in denen die größten Denker des 19. und 20.
       Jahrhunderts plötzlich Reden schwingen, als wären sie Keynote-Speaker beim
       Motivationsseminar.
       
       Ein besonders frappierendes Beispiel ist der Youtube-Kanal „The Ancient
       Dog“, [2][der Videos von angeblichen Vorträgen und Vorlesungen von
       Geistesgrößen aus zwei Jahrhunderten veröffentlicht]. In seinen „Fantasy
       Classes“ treten unter anderem Sartre, [3][Foucault], Baudrillard,
       [4][Arendt], Deleuze, Guattari oder Fromm auf, um ihr Weltbild zu
       erläutern. 
       
       Hier ist alles KI, die Videos, die Vorlesungsskripte, selbst die Texte in
       der Infobox: „In dieser Folge von ‚The Ancient Dog‘ tauchen wir ein in die
       intensive Atmosphäre einer Pariser Vorlesungshalle im Jahr 1950 für einen
       intimen, fiktiven (aber historisch und philosophisch akkuraten) Blick auf
       die Denkerin, die es wagte, die gesamte strukturelle Falle der Weiblichkeit
       zu zerlegen.“ So schreiben Large Language Models, nicht Menschen, die
       tatsächlich mal ein Buch von Simone de Beauvoir gelesen haben.
       
       Immerhin macht der Schöpfer von „The Ancient Dog“ hinreichend deutlich,
       dass es sich um KI-Kreationen handelt. Bei den kurzen Ausschnitten auf
       Instagram und Facebook ist das schon nicht mehr so klar. Und bei den Clips,
       die von anderen bei Tiktok gepostet werden, fehlt der Hinweis meist ganz.
       
       Ebendas ist das Problem: Qualität und Machart setzen neue Maßstäbe in
       Sachen Schwindelvideos. Die Deepfakes von verstorbenen Philosophen, die in
       einer Art Digitalséance wiedererweckt werden, sind auf den ersten Blick
       täuschend echt. Die Videos emulieren clever den Look der jeweiligen Epoche.
       Hannah Arendt wird in schwarz-weißen Nahaufnahmen gezeigt, als hätte jemand
       in den 1950er Jahren einen Vortrag von ihr mit 16-Millimeter-Film
       aufgenommen. Nur wer genau hinsieht, bemerkt die kleinen Ruckeleien in
       ihren Bewegungen oder, dass die Mundbewegungen nicht immer zum gesprochenen
       Wort passen.
       
       Zum visuellen Stil passen die fast ausschließlich männlichen Studenten mit
       Anzug, Krawatte und Brillantinefrisuren, die in einem Seminarraum mit
       Kreidetafel, an Holztischen sitzend, lauschen. Auch die Stimme von Arendt,
       die Englisch mit starkem deutschem Akzent spricht, ist durchaus
       überzeugend. Allerdings nur, solange man nicht in den Videoeinstellungen
       die Sprache verändert und die Philosophin wahlweise Französisch, Polnisch,
       Koreanisch oder Hindi sprechen lässt.
       
       Andere Clips wirken mit ihren verwaschenen, farbstichigen
       Pseudoanalogbildern wie Studiogespräche aus einem dritten Programm der
       1980er oder 1990er Jahre. Sie imitieren erfolgreich die historische
       Authentizität realer Gesprächssendungen wie [5][Günter Gaus’„Zur] Person“,
       die auf Youtube ein langes Nachleben führen.
       
       So lange „The Ancient Dog“ das mit Denkern wie Marx oder Schopenhauer
       macht, von denen es keine Filmaufnahmen gibt, ist das sogar ganz lustig.
       Bei Nietzsche fragt man sich, ob dessen gewaltiger Walrossbart beim
       Sprechen wirklich so gewippt hat? Problematisch wird es bei Personen, von
       denen authentische Filmaufnahmen existieren.
       
       Und wenn schließlich [6][Primo Levi, der Auschwitz überlebte und darüber
       schrieb,] KI-generiert wie eine mechanische Animatronikpuppe in
       Fantasialand über KZs spricht, wird es abgründig. Es ist etwas zutiefst
       Morbides an dieser Nacht der lebenden Philosophentoten.
       
       Wer steckt hinter diesen digitalen Bauchreden? Auf eine Anfrage antwortet
       der Creator nicht. Aus den kargen Informationen bei Youtube ergibt sich
       lediglich, dass er möglicherweise aus Litauen ist. Das Geschäftsmodell
       wird jedoch schnell deutlich: Hier baut jemand systematisch eine
       KI-Content-Farm.
       
       Seit dem Start im Mai hat der Kanal mehr als 200 Videos veröffentlicht und
       92.800 Abonnenten angesammelt. Er produziert regelmäßig lange Videos für
       Youtube, aus denen Clips für Instagram und Facebook ausgekoppelt werden,
       die wiederum Zuschauer auf den Kanal ziehen. Über bekannte Namen und
       aufmerksamkeitsstarke Thesen wird Reichweite aufgebaut. Ist das Verfahren
       komplett automatisiert und lässt Youtube eine Monetarisierung durch Werbung
       zu, kann man mit so was pro Monat durchaus vierstellige Summen verdienen.
       
       So kommt es, dass einige der größten Philosophinnen und Philosophen aller
       Zeiten bei Youtube plötzlich Weisheiten vortragen, die wie Wandtattoos
       klingen. Was auf den ersten Blick wie eine Renaissance der Philosophie
       aussieht, ist in Wahrheit deren Verwurstung: Die toten Denkerinnen und
       Denker müssen ran, um als Avatare einen Brei aus echten Gedanken, freien
       Paraphrasen und banalen Kalendersprüchen als Reenactment zu zeigen. Und
       irgendjemand macht diese pseudophilosophische Geisterstunde zu Geld.
       
       25 Jul 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!6168834&SuchRahmen=Print
 (DIR) [2] https://www.youtube.com/@TheAncientDog
 (DIR) [3] /!6195443&SuchRahmen=Print
 (DIR) [4] /!6115529&SuchRahmen=Print
 (DIR) [5] /!6137260&SuchRahmen=Print
 (DIR) [6] /!5609969&SuchRahmen=Print
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Tilman Baumgärtel
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA