# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn es am See doch recht ungemütlich sein kann
       
       Es ist heiß in der Stadt. Lieber raus und die Nacht gemeinsam mit Freunden
       am See verbringen. Die anderen sind schon dort, ich komme später und suche
       sie. Blaues Auge heißt der kleine Steinbruchsee. Er markiert den Übergang
       der Vorstadt in den Landkreis. Hier gelten andere Regeln als in der nahen
       Großstadt Halle. Darüber witzeln urbane Akademiker*innen gerne. Das
       Erste, was ich auf dem dunklen Trampelpfad höre, ist ein gegröltes „Heil
       Hitler“. Ich lausche.
       
       Eine Familie kommt mir stumm entgegen, Ende eines Badetags. Dann schallt
       ein Neonaziklassiker durch die Dunkelheit: „Mein Opa war Sturmführer bei
       der SS …“ Mit sicherem Abstand nehme ich Platz und hoffe, dass mich niemand
       bemerkt. Dort, wo die Musikbox steht, wird gejohlt, geplanscht, Mädchen
       kreischen vergnügt. Ich werde unruhig. Wo die anderen wohl sind?
       
       Drei indizierte Lieder später dudelt ein Schlager: „Ich bin schon wieder …
       im Inselfieber.“ Plötzlich bin ich wieder an einem ganz friedlichen
       Badesee, die Luft ist erfüllt von jugendlichem Überschwang.
       
       Trotzdem bin ich froh, als mir eine SMS meiner Freunde verrät, dass ich
       schlicht am falschen See sitze. Valentin Endraß
       
       18 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Valentin Endraß
       
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