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> In Berlin wurde eine Neuedition von Hannah Arendts „Elemente und
> Ursprünge totalitärer Herrschaft“ vorgestellt
(IMG) Bild: Wer Arendt aufschlägt, um die Ursache von Diktaturen zu finden, wird enttäuscht
Von Jette Wiese
Wann weicht die Menschlichkeit der Gewalt? Wie verwandelt sich eine
Gesellschaft in ein totalitäres Regime? Wie werden die Menschen zu
Unterstützern, zu Handlangern, zu Mördern? „Der Hass drang in alle Poren
des täglichen Lebens (…); nichts blieb vor ihm geschützt, und es gab keine
Sache in der Welt, bei der man sicher sein konnte, daß der Hass sich nicht
plötzlich gerade auf sie konzentrieren würde.“ [1][Hannah Arendt] schrieb
Sätze, die bis heute nachwirken.
Als Donald Trump 2016 zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde,
kletterte ihr Buch „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“ für mehrere
Monate auf die Spiegel-Bestsellerliste – mehr als 60 Jahre nach
Ersterscheinen. „Als das Buch herauskam, wollten die Menschen wissen, was
geschehen war. Heute wird es von Leuten gelesen, die verstehen wollen, was
geschieht“, sagt Barbara Hahn.
Zusammen mit ihren Kolleg:innen stellte die Germanistin am Dienstag an der
Humboldt-Universität zu Berlin eine Neuedition des Werks vor. Sie ist Teil
einer kritischen Gesamtausgabe, die Arendts Werke erstmals wissenschaftlich
geprüft und kommentiert versammelt. Die neue Fassung zeigt: Wer Arendt
aufschlägt, um die Ursache von Diktaturen zu finden, der hat mit über 3.000
Seiten Material nicht nur viel zu lesen, sondern wird auch enttäuscht.
Denn Arendt konnte und wollte selbst nicht die eine Ursache liefern,
sondern verschiedene Ursprünge des Totalitarismus erkunden. Das Buch sei
die Geschichte eines Denkprozesses, so Hahn. Der erste Entwurf aus den
1930er Jahren sei noch hastig geschrieben, man merke ihm an, dass Arendt
aus dem Pariser Exil heraus möglichst früh festhalten wollte, [2][was im
nationalsozialistischen Deutschland geschah].
In Neufassungen und der Übersetzung ins Deutsche (1955) ergänzte und
überarbeitete sie den Text anschließend immer wieder. Die Neuausgabe bildet
diesen 20jährigen Denkprozess ab: Neben der deutschen und der englischen
Fassung enthält sie einen dritten Teilband mit kürzeren Zwischentexten von
Arendt, Wegmarken ihres Denkens. Die nun im Wallstein Verlag erscheinende
Neuausgabe richtet sich zunächst an ein Fachpublikum. Doch das Projekt soll
als Open-Source-Text künftig auch online zugänglich sein. Wer sich fragt,
wie es um den Totalitarismus in der Gegenwart steht, wird dort wohl nicht
eine Antwort finden – kann aber vielleicht Hannah Arendt ein Stück in ihrem
Denken begleiten.
Hannah Arendt: „The Origins of Totalitarianism / Elemente und Ursprünge
totaler Herrschaft“. Kritische Gesamtausgabe in 3 Bänden. Hsg.: Anette
Vowinckel, Hanno Berger, Christian Pischel, Elena Stingl. Wallstein Verlag,
Göttingen 2026, 3.106 S., 128 Euro
25 Jun 2026
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