# taz.de -- taz🐾thema: Bier und Bestattung
       
       > Die Geschichte und Gegenwart der Konsumgenossenschaften im
       > Genossenschaftsmuseum Hamburg
       
       „Warenabgabe nur an Mitglieder.“ So steht es groß auf dem Emailleschild,
       das früher einmal in einem Lebensmittelgeschäft hing und heute seinen Platz
       im Genossenschaftsmuseum Hamburg hat. Das Schild symbolisiert einen der
       Grundgedanken von Genossenschaften: Mit dem Kauf von einem Anteil wird man
       Mitglied und hat dadurch bestimmte Vorteile wie zum Beispiel bei
       Konsumgenossenschaften den Zugang zu Waren, die nur an Mitglieder verkauft
       werden. Im Museum werden auf engem Raum viele solcher historischen
       Gegenstände präsentiert wie Kaffeedosen, Schokoladen, Bierflaschen, Seifen.
       Mit Büsten und Gemälden wird an Pioniere der deutschen
       Genossenschaftsbewegung erinnert, die sich ab dem 19. Jahrhundert für die
       Gründung von Konsumgenossenschaften einsetzen. Die geschichtlichen
       Hintergründe findet man auf Texttafeln.
       
       Dabei spielt der Hamburger Hafenarbeiterstreik von 1896 eine wichtige
       Rolle. 17.000 Arbeiter und Seeleute streiken elf Wochen für bessere
       Bedingungen, ohne dass es einen gewerkschaftlichen Fonds zur finanziellen
       Unterstützung während des Streiks gibt. Daraus entsteht die Gründung der
       Konsumgenossenschaft „Konsum-, Bau- und Sparverein Produktion“, die nach
       zehn Jahren 46.000 Mitglieder zählt und über 60 Läden und 600 Wohnungen
       verfügt. Ein Teil der Einnahmen fließt in einen Notfonds, über den
       Mitglieder der Genossenschaft bei Arbeitskämpfen, Krankheit und
       Arbeitslosigkeit unterstützt werden. Die „PRO“ entwickelt sich zu einer der
       weltweit größten Konsumgenossenschaften, die als Ziel neben der Schaffung
       günstiger Einkaufsmöglichkeiten auch den Bau von modernen Arbeiterwohnungen
       hat. Ein weiteres Kapitel in der Dauerausstellung: die Gründung
       gemeinnütziger Bestattungsvereine. Für monatlich 50 Pfennig wurde die
       Übernahme der Bestattungskosten für alle Familienmitglieder garantiert.
       
       Schwerpunkt der Ausstellung ist die Entwicklung des genossenschaftlichen
       Lebensmittelhandels bis in die jüngere Gegenwart. In der DDR haben die
       Konsumgenossenschaften 1988 einen Marktanteil von 31 Prozent und 4,6
       Millionen Mitglieder. Bis heute gibt es die Konsum Dresden eG mit 30 Läden
       und 20.000 Mitglieder, in und um Leipzig bestehen fast 60
       Konsum-Leipzig-Geschäfte mit 1.200 Beschäftigten. Im Westen werden viele
       Genossenschaften zu Aktiengesellschaften. 1989 wird die coop AG aufgelöst.
       Nur in Schleswig-Holstein hält sich die coop eG. Sie verkauft nach und nach
       ihr Ladennetz an die Rewe-Group, zu der rund 6.000 Rewe-, Penny- und
       Nahkaufläden gehören. Dass es sich bei Rewe auch um eine Genossenschaft
       handelt, dürften nur die wenigsten wissen – Hinweise auf die
       genossenschaftliche Tradition sucht man in den Läden vergeblich.
       
       Trotz dieser Entwicklung kommt es aber auch immer wieder zu Neugründungen.
       Der Zentralverband deutscher Konsumgenossenschaften zählt heute rund 630
       Mitglieder aus ganz verschiedenen Bereichen wie Bäckereien, Brauereien,
       Schulen, Krankenhäuser, Biohöfe und Energie. Im brandenburgischen
       Fürstenwalde hat eine frisch gegründete Genossenschaft das vor der
       Schließung stehende einzige Kino gerettet – 19 Mitglieder sorgen für einen
       regelmäßigen Spielbetrieb. Zu den neuen Genossenschaften zählt auch die
       Supercoop eG – ein Mitmachsupermarkt unter anderem in Köln, München, Berlin
       und Bremen, in dem nur Mitglieder „gute und fair produzierte Lebensmittel“
       einkaufen dürfen. Sie müssen zudem einige Stunden monatlich im Laden
       arbeiten. In Berlin hat Supercoop 850 Mitglieder, die einen Anteil von 100
       Euro erworben haben. Das Genossenschaftsmodell ist nicht nur ein Fall fürs
       Museum – aber der Anteil an Firmenneugründungen liegt bei 0,7 Prozent.
       Genossenschaften, bei denen jedes Mitglied eine Stimme bei den
       Mitgliederversammlungen hat und so Einfluss nehmen kann, bleiben in unserem
       Wirtschaftssystem Exoten
       
       . Joachim Göres
       
       Hamburger Genossenschaftsmuseum,Besenbinderhof 60, Dienstag und Donnerstag
       von 14 bis 17 Uhr nach Anmeldung
       
       www.kaufmann-stiftung.de
       
       4 Jul 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Joachim Göres
       
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