# taz.de -- tazđŸthema: Praxis unter Druck
> Die UrsprĂŒnge des Kirchenasyls reichen bis in die Antike zurĂŒck. Doch die
> Zahl der Menschen, die in Kirchen Schutz suchen, ist rĂŒcklĂ€ufig
Es war ein Akt zivilen Ungehorsams, aus dem das moderne Kirchenasyl in
Deutschland entstand: Im Jahr 1983 gewÀhrte die protestantische
Heilig-Kreuz-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg drei palÀstinensischen Familien
Schutz in ihren RĂ€umen, weil ihnen die Abschiebung in den BĂŒrgerkrieg im
Libanon drohte.
Zuvor hatte sich bereits der 23-jĂ€hrige Kemal Altun, ein tĂŒrkischer
Asylbewerber, aus Angst vor einer Auslieferung an die MilitÀrdiktatur in
der TĂŒrkei aus dem Fenster des Oberverwaltungsgerichts Berlin gestĂŒrzt.
Diese und weitere FĂ€lle fĂŒhrten dazu, dass in den Kirchen ein Umdenken
stattfand und zahlreiche Gemeinden in ganz Deutschland dem Beispiel der
Heilig-Kreuz-Gemeinde folgten.
ZurĂŒck geht das Kirchenasyl auf jahrtausendealte Praktiken. Schon im
antiken Griechenland waren Sakralbauten rechtlich geschĂŒtzte RĂ€ume, und
Menschen, denen die Blutrache drohte, konnten in diesen ZufluchtsstÀtten
bis zu einem Gerichtsverfahren Schutz suchen. In der Bibel heiĂt es, dass
Migranten und Schutzsuchenden Hilfe gewÀhrt werden solle. Im Neuen
Testament identifiziert sich Jesus sogar mit ihnen â wegen seiner eigenen
Erfahrungen: âIch war ein Fremder, und ihr habt mich aufgenommen.â
Das moderne Kirchenasyl, das sich auf ethische Normen des Christentums wie
die NĂ€chstenliebe berufen kann, ist allerdings kein gesetzlich verankertes
Recht, sondern nur eine Art ungeschriebenes Gesetz. Es beruht auf einer
Praxis der Duldung zwischen dem Bundesamt fĂŒr Migration und FlĂŒchtlinge
(BAMF) und den Kirchen.
Den gegenwĂ€rtigen Druck auf das Asylrecht spĂŒren nun zunehmend auch die
Kirchengemeinden. Wurde 2024 noch 2.966 Personen Kirchenasyl gewÀhrt, waren
es im Vorjahr nur noch 2.254 Menschen. Behördenbesuche im Kirchenasyl
nehmen ebenso zu wie AbschiebungsankĂŒndigungen, vereinzelt kommt es zu
RĂ€umungen. Dem âstandzuhaltenâ, dazu brauche es âsehr starke Gemeinden und
UnterstĂŒtzendeâ, erklĂ€rte Pastorin Dietlind Jochims, die
FlĂŒchtlingsbeauftragte der Nordkirchen Anfang des Jahres. Die Kirchen
mĂŒssen dabei unter anderem vollstĂ€ndig fĂŒr den Lebensunterhalt der Menschen
aufkommen, die bei ihnen Zuflucht gesucht haben. Das Kirchenasyl versuche
âin einzelnen HĂ€rtefĂ€llen ein Ăberdenkenâ zu erreichen, so Jochims. âDies
verdient meiner Meinung nach Respekt, nicht Diskreditierung.â
Doch die Zeiten haben sich geÀndert. Auch der hohe politische Druck,
unbedingt mehr Abschiebungen durchzufĂŒhren, verringert die Akzeptanz des
Kirchenasyls. Im Rahmen der gegenwÀrtigen EU-AsylrechtsverschÀrfung, die
geltende Menschenrechtsstandards untergrÀbt, ist zu erwarten, dass die Zahl
von GeflĂŒchteten, die vor Gericht ziehen, steigen wird â und dass das
Kirchenasyl wieder stÀrker zu einer Notfalloption wird, zumindest
theoretisch. Denn praktisch ist das Kirchenasyl fĂŒr Betroffene schon jetzt
immer seltener ein Ausweg. Um das zu Àndern, brÀuchte es wieder eine
Bewegung zivilen Ungehorsams. Ole Schulz
20 Jun 2026
## AUTOREN
(DIR) Ole Schulz
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