# taz.de -- Stadtgespräch Mirco Keilberth aus Tunis: Nach der WM-Niederlage gegen Schweden sorgt ein Fußballer-Interview in Tunesien für Diskussionen. Viele hörten darin eine Kritik am ganzen Land
       
       Dass die tunesischen Reaktionen auf die 5:1-WM-Niederlage der „Adler von
       Karthago“ gegen Schweden überraschend milde ausfielen, lag vor allem an der
       Uhrzeit. Zwar brannte am Montagmorgen um drei in vielen Fenstern von Tunis
       Licht, doch den Frust nahmen viele Fans einfach mit ins Bett.
       
       Nach zahlreichen Skandalen im tunesischen Fußball in den vergangenen
       Monaten hatte man kaum mit einem Sieg gerechnet. Doch auch der erhoffte
       respektable Auftritt auf der Weltbühne WM blieb aus. Montagmittag dann
       schlug die Erschütterung voll durch. „Keinen Dinar sollte der Verband in
       diese Spieler investieren“, schrieb ein Freund auf Facebook nach dem
       Debakel.
       
       Doch harte Kritik an der offenbar schlechten Turnier-Vorbereitung oder gar
       dem Verband wagte er wie die meisten Tunesier nicht. Erst in der Vorwoche
       war die Journalistin Khaoula Boukrim in Abwesenheit zu vier Jahren
       Gefängnis verurteilt worden, eins von vielen Urteilen gegen Kritiker aller
       Art. So bald wird sie nicht in ihre Heimat zurückkehren können.
       
       Der per Präsidentendekret eingeführte Paragraf 54 soll eigentlich die
       Verbreitung von Falschmeldungen und übler Nachrede verhindern.
       Menschenrechtler und die Opposition fordern die sofortige Abschaffung, denn
       „54“ hat es geschafft, kritische Journalisten, Künstler und Geschäftsleute
       zum Schweigen zu bringen. Mit der Fußball-WM kommt nun Sportlern die Rolle
       zu, öffentlich Tacheles zu reden.
       
       Und so machte Montagmittag dann ein kurzes Interview mit Hannibal Mejbri
       die Runde, das schon vor der WM entstanden war. Der 23-jährige
       Mittelfeldspieler wurde in Frankreich geboren und spielt erfolgreich in der
       englischen Premier League. Im tunesischen Team ist er Außenseiter und Star
       zugleich. Eine brisante Mischung, die viele im Ausland lebende Tunesier von
       Heimatbesuchen gut kennen.
       
       „Wir liegen in vielem sogar weit hinter Algerien, Ägypten oder Marokko“,
       sagte Mejbri aufgewühlt vor laufender Kamera. „Wir brauchen Disziplin, eine
       neue Mentalität, ein neues Denken.“ Viele, die das Video Montag sahen,
       dachten dann auch nicht an das WM-Spiel. Sie fassten es als ehrlichen
       Weckruf der jungen Generation an das ganze Land auf.
       
       Für ähnlich offene Worte [1][war die Kommentatorin Sonia Dahmani 2024 zu
       zwei Jahren Haft verurteilt worden]. „Von welchem Paradies sprechen sie
       denn bitteschön?“, fragte sie in einer Talkshow. „Das Land, aus dem die
       junge Generation nach Europa flieht?“
       
       Doch nun hat der tunesische Fußball-Verband überraschend die Notbremse
       gezogen. Denn das Debakel gegen Schweden fand vor den Augen der Welt statt
       und ließ sich nicht kleinreden. Kurz nachdem Mejbris Interview die sozialen
       Medien geflutet hatte, wurde Trainer Sabri Lamouchi entlassen. Im
       gegenseitigen Einvernehmen, hieß es. Doch Lamouchi weigerte sich angeblich
       abzureisen. Am Mittwochmittag landete der Franzose Hervé Renard im
       mexikanischen Trainingslager der tunesischen Mannschaft. Der Tausendsassa
       hatte mit Sambia und der Elfenbeinküste den Afrika-Cup gewonnen und Marokko
       zur WM 2018 geführt. Die tunesische Generation X jubelt.
       
       Die Nationalisten im Land sahen bis zur Schmach gegen Schweden ausländische
       Trainer, Berater und Migranten sowieso als eine Art Verschwörung dunkler
       Mächte. Seit Montag werden sie in den sozialen Medien nur noch belächelt.
       
       Bis zum Spiel am Sonntag gegen Japan will Renard ein konkurrenzfähiges Team
       aufbauen. Und den Bürokraten zeigen, wie das geht, hoffen einige Tunesier.
       
       „Hannibal Mejbri gibt mir Hoffnung“, sagt ein Student in einem Café in
       Tunis.
       
       „Wir haben uns innerlich von Politik, Verbänden oder staatlicher Hilfe
       verabschiedet. Und arbeiten an unserer Karriere, unseren Fähigkeiten und
       messen uns international. Das ist jetzt unser persönlicher arabischer
       Frühling.“
       
       20 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /!6010130&SuchRahmen=Print
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Mirco Keilberth
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA