# taz.de -- tazđŸŸthema: Wanderung in die StĂ€dte
       
       > Weltweit betrachtet ziehen Migrant:innen weniger aufs Land, sondern
       > deutlich hÀufiger in urbane BallungsrÀume, von wo sie oft Geld in ihre
       > Heimat schicken. Wobei die meisten von ihnen im Globalen SĂŒden bleiben
       
 (IMG) Bild: Foto: Guillaume Pinon/ NurPhoto/picture alliance
       
       Von Christian Jakob
       
       Bis zu 1,3 Millionen Menschen sind vor Putins Angriffskrieg auf die Ukraine
       nach Deutschland geflohen. Das ist eine große Zahl. Umso schwerer wiegt fĂŒr
       die BewĂ€ltigung ihrer Aufnahme, dass die Menschen sich sehr ungleich ĂŒber
       das Land verteilen: 2025 lebten nach einer Untersuchung nur 5 Prozent in
       lÀndlichen Regionen, 87 Prozent hingegen in BallungsrÀumen. Diese Zahlen
       zeigen das wichtigste Muster aller weltweiten Migrationsbewegungen: das
       einer globalen Wanderung in die StÀdte.
       
       Das gilt in besonderem Maße fĂŒr Binnenmigration – also fĂŒr Menschen, die
       ihre Herkunftsregion verlassen, aber innerhalb des eigenen Landes umziehen.
       Sie machen heute weltweit rund 800 Millionen Menschen aus, das ist jede:r
       Zehnte. Fast alle gehen in StÀdte. Eher klein hingegen ist die Zahl der
       Menschen, die ihr Geburtsland verlassen. Insgesamt sind das nach den
       jĂŒngsten Zahlen der UN-Migrationsorganisation IOM heute 304 Millionen
       Menschen, etwa 3,7 Prozent der Weltbevölkerung.
       
       In den OECD-LĂ€ndern wohnen heute etwa neun von zehn Migrant:innen in
       StÀdten oder deren Vororten, nur 9 Prozent in lÀndlichen Gebieten.
       
       Die GrĂŒnde dafĂŒr liegen auf der Hand: StĂ€dte bieten nicht nur bessere
       Verdienstmöglichkeiten, sowohl im formellen wie im fĂŒr Neuankommende oft
       wichtigen informellen Sektor. Sie sind in der Regel auch Orte mit großen
       migrantischen Communitys, die Orientierung und BeschÀftigung bieten. Und
       die Wahrscheinlichkeit, in der großen Zahl als migrantisch wahrgenommener
       Menschen von der Polizei kontrolliert zu werden, ist geringer.
       
       Das Aufstiegsversprechen, das urbane RĂ€ume fĂŒr viele Menschen sind, stellt
       diese RĂ€ume vor große Herausforderungen, die sich durch die Klimakrise
       weiter verschĂ€rfen werden. „Die Migration verĂ€ndert die stĂ€dtischen Gebiete
       und treibt Urbanisierung, Wachstum und Vielfalt voran“, schreibt dazu die
       IOM. „Obwohl die Migrationspolitik auf nationaler Ebene festgelegt wird,
       spielen die StĂ€dte eine fĂŒhrende Rolle bei der Steuerung der Migration, da
       sie das erste Ziel der Migranten sind.“
       
       Das zweite zentrale Muster der globalen Migration ist, dass es sich um eine
       Bewegung handelt, die vorwiegend innerhalb des Globalen SĂŒdens ablĂ€uft. Die
       IOM dokumentiert sogenannte Migrationskorridore, also Bewegungen zwischen
       einzelnen LĂ€ndern.
       
       An erster Stelle steht dabei heute der Korridor Mexiko–USA mit kumuliert
       knapp 12 Millionen Mexikaner:innen im nördlichen Nachbarland. Mit
       weitem Abstand und jeweils um die 3 Millionen Menschen folgen Korridore wie
       Afghanistan–Iran, Syrien–TĂŒrkei, Russland–Ukraine oder Indien–Arabische
       Emirate. Westeuropa taucht zum ersten Mal an 14. Stelle auf: mit den rund
       2,2 Millionen Pol:innen, die in Deutschland leben.
       
       Die Migrationsbewegungen, die hierzulande die GemĂŒter erhitzen, sind eher
       klein. Menschen aus Afrika etwa machen unter den AuslÀnder:innen in
       Deutschland nur 5,8 Prozent aus, Syrien knapp 7 Prozent. Aus europÀischen
       Staaten stammen hingegen rund 68 Prozent der hierzulande lebenden
       AuslÀnder:innen. Im internationalen Vergleich ist das ein hoher Wert. 2024
       lebte nur knapp die HĂ€lfte aller internationalen Migrant:innen weltweit
       in ihrer Herkunftsregion. In Europa aber blieben 74 Prozent der hier
       geborenen Migrant:innen auf dem Kontinent. Das dĂŒrfte vor allem auf die
       guten Verdienstmöglichkeiten und die europĂ€ische FreizĂŒgigkeit
       zurĂŒckzufĂŒhren sein.
       
       Immerhin 64 Prozent aller in Subsahara-Afrika Geborenen blieben in der
       Region. Das wiederum dĂŒrfte an den enormen Schwierigkeiten bei der
       Beantragung von Visa, meist fehlenden Mitteln fĂŒr die Reise und eher
       schlechter Bildung liegen.
       
       Im Gegensatz dazu wiesen Zentral- und SĂŒdasien den grĂ¶ĂŸten Anteil (75
       Prozent) ihrer Diaspora auf, die außerhalb der Region lebte. Hier schlĂ€gt
       durch, dass Staaten wie die Philippinen ArbeitskrĂ€fte gezielt fĂŒr die
       Auswanderung ausbilden und die Arabischen Staaten in großer Zahl
       ArbeitskrÀfte aus Indien, Pakistan oder Bangladesch ins Land lassen.
       
       Aus Lateinamerika zog es ĂŒber 70 Prozent der Migrant:innen fort, die
       meisten gehen in die USA. Hier zeigt sich der BrĂŒckenkopfeffekt: Dort, wo
       es bereits eine große Community gibt, ist der Zuzug weiterer Menschen aus
       der jeweiligen Herkunftsregion leichter: Die Sprache wird eher verstanden,
       es gibt oft persönliche Bekanntschaften. Entsprechend sind es selten
       Sozialleistungen, die Menschen in bestimmte LĂ€nder ziehen, sondern
       Verdienstmöglichkeiten und vorhandene migrantische Gemeinschaften. Das hat
       auch RĂŒckwirkungen auf die HeimatlĂ€nder: Die Weltbank schĂ€tzt, dass 2025
       allein die offiziell erfassten RĂŒckĂŒberweisungen in LĂ€nder mit niedrigem
       und mittlerem Einkommen etwa 685 Milliarden US-Dollar ausmachten.
       
       20 Jun 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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