# taz.de -- Grüner Rausch: Macht die Cannabis-Industrie krank?
       
       > Der THC-Gehalt in modernem Cannabis hat sich in den letzten Jahren
       > vervielfacht. Steigt damit auch das Risiko von Sucht und Psychosen unter
       > Nutzer:innen? So einfach ist es nicht, sagen Mediziner:innen.
       
 (IMG) Bild: Knall kräftig: Cannabispflanzen in einer Zuchtanlage in Rheinland-Pfalz
       
       [1][taz Thema] | Wer seine Freizeit gern mit „Black Widow“, „Gelato“ oder
       „Orange Cookies“ gestaltet, ist weder ein Actionfilmfan noch ein Liebhaber
       von Süßigkeiten, sondern gehört mit aller Wahrscheinlichkeit zu den rund 5
       Millionen Menschen in Deutschland, die in den vergangenen 12 Monaten
       Cannabis konsumiert haben. Die fantasievollen Namen bezeichnen
       unterschiedliche Sorten der inzwischen in Deutschland legalisierten Droge.
       
       Verantwortlich für den Rauschzustand, den Cannabis verursacht, ist der in
       der Pflanze enthaltene psychoaktive Wirkstoff THC (Tetrahydrocannabinol).
       Der THC-Gehalt in Cannabisprodukten ist in den letzten Jahrzehnten stetig
       gestiegen. Lag der durchschnittliche THC-Anteil Anfang der 1990er Jahre bei
       durchschnittlich 4 Prozent, so beträgt er heute circa 20 Prozent, manche
       Sorten kommen sogar auf 35 Prozent.
       
       ## Kreuzung und Zucht
       
       „Für diesen Anstieg gibt es mehrere Ursachen“, weiß Psychologe Jakob
       Manthey. Als Leiter der Arbeitsgruppe „Substanzkonsum und Public Health“ am
       Zentrum für Interdisziplinäre Suchtforschung (ZIS) der Universität Hamburg
       (UKE) beschäftigt er sich seit vielen Jahren mit den gesundheitlichen und
       sozialen Folgen von Cannabiskonsum. „Die hauptsächlichen Gründe sind ein
       komplexes Zusammenspiel der verbesserten Qualität des Anbaus und der
       Dynamiken von Angebot und Nachfrage.
       
       „Im Gegensatz zu Alkohol verursacht Cannabis auch bei Langzeitkonsum keine
       Schädigung von Magen, Nieren und Leber.“ 
       
       Durch die Legalisierung und insbesondere die Kommerzialisierung von
       Medizinalcannabis sind die Produzenten nicht mehr wie früher
       Kleinkriminelle, die ihre Pflanzen unter natürlich schwierigen Bedingungen
       und im Geheimen anbauen mussten. Längst gibt es große Indoor-Anbaustätten,
       die professionell ausgestattet sind und sehr viel bessere Qualität und
       wesentlich höhere Ertragsmengen ermöglichen. Die finanziellen Erträge geben
       den Produzenten die Möglichkeit, die Pflanzen nicht nur unter optimalen
       Bedingungen zu kultivieren, sondern darüber hinaus durch Kreuzung und Zucht
       hoch potente Sorten zu entwickeln.
       
       „Die wichtigste Zielgruppe sind natürlich Menschen, die Cannabis in großen
       Mengen konsumieren, die durch diesen stetigen Konsum bereits eine hohe
       Toleranzgrenze gegenüber THC entwickelt haben und deshalb eine höhere
       Konzentration nachfragen“, erklärt der Experte. Und wer sich diesen
       intensiven Konsum finanziell leisten könne, sei natürlich ein besonders
       begehrter Kunde. Auch im medizinischen Bereich ist der erhöhte THC-Gehalt
       durchaus relevant: „Auch bei Patient:innen, die oft langfristig Cannabis
       einnehmen, steigt natürlich die Toleranzgrenze.“
       
       ## Nutzer sollen die Wahl haben
       
       Auch für weniger finanzstarke Konsumenten berge der gestiegene Gehalt des
       Wirkstoffes Vorteile, erklärt Georg Wurth, Geschäftsführer des Deutschen
       Hanfverbands: „Wer nur gelegentlich und ohne Suchtproblematik Cannabis
       nutzt, braucht durch die höhere Wirkung weniger Cannabis.“ Der DHV plädiert
       dafür, hier nicht einzugreifen, sondern den Markt offen zu lassen: „Der
       Nutzer selbst soll die Wahl haben.“
       
       Wie aber verhält es sich mit den gesundheitlichen Risiken? Einige Fachleute
       gehen nicht zuletzt aufgrund einer kanadischen Studie zum Thema davon aus,
       dass der erhöhte THC-Gehalt eine hohe Gefahr für die Entwicklung von
       Psychosen und Schizophrenie berge.
       
       Diese Ansicht teilt Jakob Manthey nicht vollumfänglich: „Natürlich kann der
       höhere Wert die Suchtgefahr steigern. Psychosen aber sind eine absolute
       Ausnahme.“ Konsument:innen könnten im Rausch durchaus psychotische
       Symptome wie Halluzinationen erleben, die fast immer vorübergehend seien.
       „Um eine Psychose zu entwickeln, muss aber bereits eine genetische
       Disposition vorliegen.“
       
       ## Suchtgefahr eher gering
       
       Wissenschaftliche Beweise für eine allein durch Cannabis verursachte
       schizophrene Psychose gibt es nicht. Dies bestätigen auch die Erfahrungen,
       die der renommierte Mediziner Franjo Grotenhermen in den vergangenen
       Jahrzehnten gemacht hat. Trotz fehlender sicherer Beweise könne Konsum von
       Cannabis in der Jugend durchaus ein Faktor sein, der zur Entwicklung von
       Psychosen beitrage.
       
       Die Suchtgefahr hält er für eher gering: „Diese Gefahr beim Cannabis ist
       nicht zu vergleichen mit dem Suchtpotenzial von Alkohol. Im Gegensatz zu
       Alkohol verursacht Cannabis auch bei Langzeitkonsum keine Schädigung von
       Magen, Nieren und Leber.“
       
       Aus seiner Sicht hat die Legalisierung für die Konsumenten in erster Linie
       Vorteile. Die Produkte des illegalen Marktes hätten sehr oft gefährliche
       Streckmittel von Haarspray bis hin zu Schuhcreme enthalten. Der Arzt hat
       sehr früh als einer der Ersten das enorme medizinische Potenzial von
       Cannabis erkannt.
       
       ## Nur für Erwachsene
       
       Statt Psychosen zu verursachen, könne Cannabis vielmehr auch bei bestimmten
       psychischen Einschränkungen hilfreich sein. So behandle er seit Jahren (im
       medizinischen Bereich ist Cannabis seit 2017 legal) sehr erfolgreich
       Patient:innen mit ADHS, Autismus, Migräne, Schmerzproblematik und
       vielen anderen Erkrankungen.
       
       Worin sich die Fachleute jedoch einig sind: Für Kinder und Jugendliche gilt
       aufgrund der noch nicht abgeschlossenen Gehirnentwicklung eine dringende
       Warnung vor dem Konsum von Cannabis. ■
       
       🐾 Transparenzhinweis: Dieser Text ist im Rahmen der taz themen erschienen.
       Die taz themen sind ein journalistisches Angebot aus dem taz Verlag, das
       sich Zeit nimmt für Themen, die im alltäglichen Nachrichtenstrom keinen
       Platz finden und diese mit einem konstruktiven Blick betrachtet. Diese
       zusätzlichen journalistischen Angebote des taz Verlags werden durch
       bezahlte Anzeigen ermöglicht. Die Anzeigenkund:innen haben keinen Einfluss
       auf die Entscheidungen der Redaktion der taz themen.
       
       🐾 Die Redaktion der taz macht sich die Inhalte der taz themen nicht
       notwedigerweise zu eigen.
       
       🐾 Mehr Infos zu den taz Themen finden Sie auf [2][taz.de/thema]
       
       12 Jun 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /anzeigen/taz-themen-ubersichtsseite/!v=7aa92f80-592d-4d3b-a405-01caa9eea65a/
 (DIR) [2] /thema
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Cordula Rode
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA