# taz.de -- Ausstellung im Kunstquartier Bethanien: Der Raum, der fehlt
> Im Kunstquartier Bethanien erzählen Betroffene von Kindesmissbrauch ihre
> Geschichten in Fotos und Texten. Das Ziel: mehr Sichtbarkeit.
(IMG) Bild: Porträts Betroffener von Kindesmissbrauch im kirchlichen Kontext
„Wir haben in Deutschland keinen Ort für Menschen, die von sexuellem
Missbrauch in der Kindheit und Jugend betroffen sind“, sagt Kerstin Claus.
„Es fehlt ein öffentlicher Raum für das Thema!“ Lauter Applaus brandet im
Saal für die Worte der Bundesbeauftragten gegen sexuellen Kindesmissbrauch
auf. Von den Wänden blicken Porträtfotos Betroffener auf das Publikum. Man
meint, sie würden zustimmend nicken, wenn sie könnten.
Der Hauptsaal der [1][Fotoausstellung „Sichtbarkeit(en)“] ist bis auf den
letzten Platz gefüllt. Einen Raum findet das Thema eine Woche lang in der
Fotoausstellung im Kunstquartier Bethanien. Mehr als 70 Personen sind am
Abend zur Eröffnungsdiskussion über die Aufarbeitung sexualisierter Gewalt
in der Kirche gekommen. Anhand der Fotos und Werke von der
Ausstellungskuratorin Ilonka Czerny sowie Jens Wiedel und Simone Padovani
werden Geschichten und Kämpfe von Betroffenen erzählt.
Auf 33 Porträts halten sie Schilder mit ihren Gefühlen hoch:
„ausgeliefert“, „schamlos“, „gottlos“. Eine Besucherin kommentiert die
schwarz-weiß Fotos: „Ich finde es schade, dass das immer so traurig und
perspektivlos gezeigt wird.“ Sie habe selbst nach der sexualisierten Gewalt
ein Jahr lang Traumatherapie gebraucht. Ohne die hätte sie es nicht
geschafft, sagt sie und zieht weiter in den nächsten Raum.
In Deutschland sind [2][nach aktuellen Zahlen] mehr als 6.000 Fälle
sexueller Gewalt in der Kirche dokumentiert. [3][Dunkelfeldstudien] gehen
von 114.000 mutmaßlich Betroffenen aus. In der Diözese Berlin liegt seit
der [4][Auflösung der Aufarbeitungskommission] vor einem Jahr die
Aufklärungsarbeit zu Opfer- und Täterzahlen zunächst auf Eis.
## Aktivismus der Betroffenen kommt zu kurz
Zu ihren Kinderfotos haben Menschen über Depressionen, zerstörte Jugenden
sowie die Schmerzen geschrieben, die sexuelle Übergriffe und
Vergewaltigungen bei ihnen hinterlassen haben. Ungeordnet an die Wand
geklebte Fotos zeigen internationale Konferenzen, Aktionen und
Kommunikationskampagnen der Betroffeneninitiative Eckiger Tisch. „Im
öffentlichen Diskurs kommt der Aktivismus der Betroffenen, die auf die
Verbrechen aufmerksam machen“, oft zu kurz, erklärt der Sprecher der
Initiative und Podiumsgast an dem Abend, Matthias Katsch. Am Fuße der
Fotowand wartet der Therapiehund der Ausstellungskuratorin geduldig darauf,
dass Ilonka Czerny aus der Diskussion kommt.
Ein Mann aus dem Publikum fragt: „Warum beantragen so wenige Menschen
Zahlungen bei der Kirche? Das wirft doch Fragen auf!“ In vier Jahren wurden
weniger als 100 Anträge auf [5][Anerkennungszahlungen] bei der [6][Diözese
Berlin] eingereicht. Seit der Einstellung des Fonds für sexuellen
Missbrauch im vergangenen Jahr können Betroffene auch nach dem sozialen
Entschädigungsrecht entschädigt und die Kosten, etwa für Psychotherapie,
übernommen werden.
Im Jahr 2025 wurden jedoch zwei Drittel der Anträge auf Entschädigungsgeld
abgelehnt. „Für Betroffene von sexualisierter Gewalt ist es fast unmöglich,
den Kausalzusammenhang zwischen dem Missbrauch und den psychischen Leiden
zu beweisen“, erklärt Matthias Katsch vom Eckigen Tisch. Förderungen der
Betroffenen seien daher das billigste Mittel, damit das Thema nicht
verschwindet.
Die Ausstellung soll auch der Gleichgültigkeit und dem institutionellen
Versagen entgegenwirken. Bis zum 26. Mai ist sie täglich geöffnet –„für
alle Menschen, die bereit sind, hinzugucken“.
20 May 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.eckiger-tisch.de/sichtbarkeiten-fotoausstellung-berlin/
(DIR) [2] https://www.tagesschau.de/investigativ/fakt/sexuelle-gewalt-katholische-kirche-deutschland-100.html
(DIR) [3] https://katholisch.de/artikel/20995-missbrauch-studie-vermutet-dunkelfeld-mit-bis-zu-144000-opfern
(DIR) [4] https://katholisch.de/artikel/62171-missbrauchsbetroffene-bedauern-aufloesung-von-aufarbeitungskommission
(DIR) [5] https://www.eckiger-tisch.de/betroffene-anerkennungszahlungen/
(DIR) [6] https://www.anerkennung-kirche.de/fileadmin/uka/Dokumente/UKA-Taetigkeitsbericht-2025.pdf
## AUTOREN
(DIR) Gabrielle Meton
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