# taz.de -- Keine schlafenden Geister wecken
       
       > Brasiliens Präsident hat das Land stabilisiert – doch im Wahlkampf gegen
       > Flávio Bolsonaro wird es eng. Die Linke hält sich lieber raus
       
       Von Niklas Franzen 
       
       Mitte Mai trat Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva vor die
       Presse. Er stellte einen Aktionsplan sowie milliardenschwere Investitionen
       vor, um die organisierte Kriminalität zu bekämpfen. „Sie werden bald über
       kein Gebiet mehr herrschen“, versprach der Ex-Gewerkschafter.
       
       Es war eine Ansage an die Bandenchefs, aber auch an die Wähler*innen, die
       im Oktober an die elektronischen Wahlurnen gehen. Umfragen zufolge gilt die
       Sicherheitslage inzwischen als größte Sorge der Bevölkerung.
       
       Lange Zeit konnte Lula zuversichtlich auf die bevorstehende
       Präsidentschaftswahl im Oktober dieses Jahres vorausblicken. Die
       Wirtschaftszahlen sind halbwegs solide und der überaus charismatische
       Präsident hat Brasilien wieder zurück auf die internationale Bühne geführt.
       Doch die politische Realität bleibt kompliziert: keine parlamentarische
       Mehrheit, viele Kompromisse. Große sozialpolitische Veränderungen blieben
       bislang aus.
       
       Im Wahlkampf greift also auch Lula zu politischen Kniffen. Er wendet sich
       Themen zu, die traditionell eher von der politischen Rechten besetzt
       werden. Zuletzt versuchte er gar, einen evangelikalen Richter an den
       obersten Gerichtshof zu berufen – als Signal an die konservative und
       schnell wachsende evangelikale Wählergruppe. Jedoch ohne Erfolg.
       
       Die gesellschaftliche Linke hatte sich mehr von der Lula-Regierung erhofft.
       Soziale Bewegungen und Gewerkschaften verhalten sich derzeit jedoch
       auffallend passiv, organisieren keine größeren Proteste. Die Angst ist
       groß, dass sich ein Szenario wie 2013 wiederholt. Damals gab es linke
       Proteste gegen höhere Fahrpreise, die jedoch schnell von rechten Gruppen
       vereinnahmt wurden. Am Ende standen Massenmobilisierungen, die schließlich
       zur Absetzung der Sozialdemokratin Dilma Rousseff führten. Die Devise
       vieler Linker also: bloß keine schlafenden Geister wecken.
       
       Die brasilianische Rechte stand nach dem 8. Januar 2023 eigentlich mit dem
       Rücken zur Wand. Tausende Anhänger von Jair Bolsonaro stürmten an diesem
       Tag das Regierungsgebäude. Der Staat schlug hart zurück. Der Bolsonarismus
       schien daraufhin seinen Schwung zu verlieren, auch weil Jair Bolsonaro
       wegen des Verdachts eines versuchten Staatsstreichs verurteilt wurde.
       Zwischenzeitlich im Gefängnis, steht der gesundheitlich angeschlagene
       Ex-Präsident mittlerweile unter Hausarrest.
       
       Als möglicher Ersatzkandidat rückte dessen ältester Sohn, Flávio Bolsonaro,
       in den Fokus. Lange galt er als wenig charismatisch und zudem in mehrere
       Skandale verstrickt. Und doch lagen Lula und er in Umfragen vor zwei Wochen
       gleichauf.
       
       Vergangene Woche deckte das Investigativmedium The Internet Brasil dann
       auf, dass Flávio Bolsonaro versuchte, von einem mittlerweile inhaftierten
       Ex-Banker Geld für einen Kinofilm über seinen Vater einzutreiben. Eine neue
       Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Datafolha sieht Lula nun wieder mit
       47 Prozent der Stimmen vor Bolsonaro mit 43 Prozent – im Falle einer
       möglichen Stichwahl.
       
       Gerade deshalb haben die Bolsonaristen ihre Angriffe in sozialen Netzwerken
       massiv verstärkt. Innere Sicherheit bleibt dabei ihr Kernthema. Die
       Forderung nach der „harten Hand“ verfängt bei vielen Wählern weiterhin.
       „Brasilien erträgt keinen weiteren PowerPoint-Vortrag über organisierte
       Kriminalität“, spottete Flávio Bolsonaro kürzlich über Lula. „01“, wie
       Flávio Bolsonaro von seinem Vater in militärischer Manier nummeriert
       genannt wird, wirbt stattdessen für Masseninhaftierungen nach dem Modell
       von Nayib Bukele, dem autoritären Präsidenten von El Salvador.
       
       Bis zu den Wahlen im Oktober kann noch viel passieren. Traditionell nimmt
       der Wahlkampf in Brasilien erst im August richtig Fahrt auf. Dann wird auch
       Lula sämtliche Vorteile des Präsidentenamts ausspielen können: die
       Dauerpräsenz im Fernsehen, staatliche Programme kurz vor der Wahl und seine
       enorme Bekanntheit. In Brasilien wählen viele Menschen eher
       Persönlichkeiten als Parteiprogramme. Der 80-jährige Lula, der mit
       Fitnessstudiovideos regelmäßig seine Vitalität demonstriert, könnte es also
       noch einmal schaffen. Was danach kommt, bleibt allerdings offen: Eine
       Figur, die Lula langfristig ersetzen könnte, zeichnet sich bislang nicht
       ab.
       
       30 May 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Niklas Franzen
       
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