# taz.de -- Bildungsförderung in Wedding: 80.000 Euro für die Zukunft
> Seit 20 Jahren unterstützt das Bildungsprojekt SprInt in Wedding
> Schulkinder. Nun soll ein zweiter Standort entstehen, doch das Geld
> fehlt.
(IMG) Bild: Der erste Standort der SprInt-Bildungsförderung in Wedding. Erste Lehrer-Schüler-Paare lernen Mathe und Englisch miteinander
„There are two big huses“, sagt Ali und legt die Hände an die Stirn. Vor
ihm liegen zwei Schwarz-Weiß-Bilder: ein Tropenstrand, eine Skyline.
„Houses“, korrigiert Andreas sanft seine Aussprache, der Jugendliche
wiederholt es korrekt. „Wie könnte man die noch nennen?“ Ali ringt nach der
passenden Bezeichnung, zieht eine Grimasse, reibt sich die Augen. Nach
einigen Sekunden schüttelt er den Kopf. „‚Skyscraper‘ wäre natürlich ein
schönes Wort. Du kannst aber auch einfach ‚big buildings‘ sagen. Go on.“
Der Lehrer am Schiller-Gymnasium ist einer von vielen Freiwilligen, die
sich bei der „Sprach- und Bildungsförderung SprInt“ engagieren, die im
Medienhof in der Prinzenallee im Soldiner Kiez ihren Standort hat. [1][2005
wurde das Projekt gegründet, um Kindern und Jugendlichen aus zugewanderten
Familien in Wedding Unterstützung beim Lernen zu geben.]
Neben der offenen Hausaufgabenhilfe durch mehr als 100 Nachhilfekräfte
organisiert der Verein immer wieder größere Kiezprojekte – [2][wie ein
sozialpädagogisches Kindermusical im kommenden Sommer, das den
Grundschülern im Stadtteil mehr Selbstvertrauen schenken soll.] Weil der
Hilfsbedarf so groß ist, will der Verein nun expandieren.
## Ein zweiter Standort
Nur wenige Straßen weiter liegt die Wiesenburg an der Panke. Teile des
denkmalgeschützten Altbaus sind aktuell eine große Baustelle. Geplant sind
ein „Grünes Klassenzimmer“ im Freien und ein weiterer Lernraum im Inneren.
Die landeseigene Wohnungsbaugesellschaft Degewo will dem Verein die
Räumlichkeiten günstig vermieten. Frühestens im Herbst 2028 soll hier das
neue Bildungszentrum für bis zu 450 weitere Schüler öffnen.
Doch das für zunächst fünf Jahre angelegte Projekt steht auf der Kippe.
Damit der Vertrag im September unterschrieben werden kann, braucht der
Verein finanzielle Sicherheit. „Wir brauchen Spenden und Fördergeld“,
fordert der Lehrer und SprInt-Gründer Herbert Weber.
Das gesamte Konzept stehe und falle mit der Unterstützung von außen: Es
werde eine Stiftung oder ein Großspender gesucht, der für die fünf Jahre
bis 2033 jährlich 80.000 Euro garantieren könne. Insgesamt geht es um
400.000 Euro. „Ich finde es schlimm, dass ich immer betteln muss“, gibt
Weber zu. Das Wohlwollen der Politik sei zwar von allen Seiten und über
Parteigrenzen hinweg vorhanden, aber „warme Worte zahlen keine Miete“.
Weber bietet einen Vergleich an: „80.000 Euro entsprechen in etwa den
Jahreskosten für eine einzige staatliche Lehrerstelle.“
Findet sich bis zum Sommer kein Finanzierungspartner, muss das Projekt
Wiesenburg abgesagt werden. Dabei entscheiden auch Standorte über
Lebenschancen: Aktuell schaffen es laut Weber weniger als 5 Prozent der
Kinder aus dem direkten Wiesenburg-Umfeld bis in den ersten
SprInt-Standort. Der zweite Standort an der Wiesenburg werde dringend als
Ankerpunkt vor weiteren Haustüren gebraucht.
## Armut als Bildungshemmnis
Der Bedarf ist groß: [3][In Wedding haben viele Schulen mit schwerigen
sozialen Problemlagen der Familien zu kämpfen, die Armutsquote ist hoch,]
aber [4][Hilfe aus der Politik greift noch oft zu kurz]. Laut
[5][Chancenmonitor 2025] entscheidet die soziale Herkunft weiterhin stark
über Bildungschancen. Bei SprInt dürfen die Kinder kostenlos, ohne
Anmeldung und freiwillig teilnehmen, werden auf Klausuren, Abschluss und
Berufsleben vorbereitet. Und das mit Erfolg: Rund 1.000 Schüler nutzen das
Angebot pro Jahr, insgesamt werden jährlich etwa 6.000 Besuche gezählt. Ali
ist einer von ihnen.
An diesem Donnerstagnachmittag in der Weddinger Prinzenallee, versteckt im
dritten Hinterhof, ist die Hektik der Straße ganz weit weg. Es ist
windstill, vor dem Eingang hängen Girlanden aus buntem Papier. Hinter der
Backsteinfassade lernen Andreas und Ali an diesem Tag als eines der ersten
Lehrer-Schüler-Paare. Heute steht Wichtiges an: Sie simulieren die
mündliche Prüfung zum Mittleren Schulabschluss (MSA) in Englisch. Bilder
beschreiben. Frei sprechen. Andreas stoppt die Zeit, spiegelt die Aufgaben
und schreibt Vokabeln, die noch nicht sitzen, auf einen Zettel.
Wie tiefgreifend das Projekt Biografien verändert, zeigt auch das
[6][Patenschaftsprojekt von SprInt]. Antonia Grau, Studentin der
Politikwissenschaft und Arabistik, engagiert sich als Patin und wurde mit
einer Fünftklässlerin gepaart. „Ihre Familie sieht das als riesige Chance“,
weiß Grau zu berichten. Sie selbst stammt aus einem
Nichtakademikerhaushalt. Seit acht Monaten trifft sie sich einmal pro Woche
mit der Schülerin zum gemeinsamen Lesen und Lernen.
## Vom Schüler zum Lehrer
Nach einer weiteren Bilderrunde zwischen Andreas und Ali trudeln mehr
Jugendliche ein. Manche setzen sich allein an die Arbeitsplätze mit
Computern, andere treffen sich mit ihren Lehrern. Ein junger Mann kommt
durch die Tür und setzt sich zu den beiden. Sein Handschlag mit Andreas ist
so kräftig, dass er durch den Raum hallt. Die beiden sprechen erst ein
wenig Spanisch, witzeln dann mit ein paar Brocken Portugiesisch und
Französisch miteinander.
Der 20-jährige Suhayb kam früher selbst als Schüler zu SprInt, seine
älteren Geschwister waren dort bereits als Helfer aktiv. Ihm habe die
Hausaufgabenhilfe vor allem dabei geholfen, sein schlechtes Zeitmanagement
in den Griff zu bekommen. „In jedem Fach war ich im Nachhinein besser,
besonders in meinen Abiturprüfungen.“ Die Bestehensquote der
SprInt-MSA-Absolventen liegt deutlich über dem Bezirksschnitt.
Heute studiert Suhayb Wirtschaftsingenieurwesen mit dem Schwerpunkt
Maschinenbau. Er redet offen darüber, wie hart der Weg an der Universität
sei, wie sehr er schuften müsse, um schwierige Module zu bestehen.
Mittlerweile arbeitet er ein bis zwei Tage in der Woche selbst als Lehrer
bei SprInt, um der nächsten Generation zu helfen. „Ich möchte das
weitergeben, was ich damals als Schüler erhalten habe“, sagt er.
Diese gelebte Kultur des Zurückgebens macht den Kern des Projekts aus:
Ehemalige Jugendliche aus Wedding werden zu Vorbildern für die jüngeren
Kinder aus der Nachbarschaft. [7][Doch wenn der Sommer vergeht, ohne dass
die nötigen 80.000 Euro im Jahr zugesichert werden können, scheitert das
geplante Bildungszentrum – und vielen Kindern im Kiez bleibt ein weiterer
Lernort verwehrt.]
4 Jun 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://foerderunterricht-sprint.de/sprint-ohne-unterstuetzer-nicht-denkbar/
(DIR) [2] https://foerderunterricht-sprint.de/projects/der-kleine-tag-neukoellner-musikschule-und-sprint-fuehren-musical-auf/
(DIR) [3] /Schulinitiative-in-Berlin-Wedding/!5206068
(DIR) [4] /Ungerechtes-Schulsystem/!6170325
(DIR) [5] /Ungleiche-Bildungschancen/!6174668
(DIR) [6] https://foerderunterricht-sprint.de/start/lernorte-und-projekte/patenschaftsprojekt/
(DIR) [7] https://foerderunterricht-sprint.de/chance-auf-neues-bildungszentrum-in-berlin-wedding/
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
## TAGS
(DIR) Schule
(DIR) Berlin-Wedding
(DIR) Bildung
(DIR) Grundschule
(DIR) Integration
(DIR) Wedding
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Berliner Bildungssystem: Erst Schule, dann ab nach Dubai
Viele Kinder tun sich beim Übergang in die Oberschule schwer. An einer
Grundschule in Wedding sollen sie mithilfe eines Workshops unterstützt
werden.
(DIR) Jugendclub in Berlin-Wedding: Ihr Platz
Wie ist es um die Integrationsinfrastruktur in Deutschland bestellt? Zu
Besuch im Jugendclub Lynar in Berlin, wo auch der Nahostkonflikt Thema ist.
(DIR) Schulinitiative in Berlin-Wedding: Gegen das Bauchgefühl
Weddinger Grundschulen haben keinen guten Ruf, viele bildungsbewusste
Eltern ziehen deswegen weg. Eine Initiative kämpft dagegen. Mit Erfolg.