# taz.de -- Neues Virus, alte Narrative
       
       > Der Hantavirus-Ausbruch auf der „Hondius“ reaktiviert die alten
       > Corona-Verschwörungen
       
       Unter einen ARD-Beitrag zum Hantavirus auf Instagram schreibt ein User:
       „Ich kaufe schon mal Klopapier.“ [1][Erinnerungen an die Coronapandemie
       kommen zurück]. Die Bilder von maskierten, in blaue Schutzanzüge
       eingekittelten Menschen. Wörter wie „Quarantäne“, „PCR-Test“ und „Ausbruch“
       werden von Virologen wieder täglich rezitiert. Die Bild titelt:
       „Seuchenschiff“. Die Assoziationen sind bekannt.
       
       Und wo Unsicherheit herrscht, schlägt die Stunde der Verschwörungstheorien.
       „Ich bleibe ungeimpft“ oder einfach „Lüge“ könnte der neue Topkommentar
       unter Hantavirus-Beiträgen werden. Die WHO wiederholt gebetsmühlenartig,
       dass keine erneute Pandemie drohe – in den sozialen Medien scheint das
       nicht anzukommen. Ein Blick auf die gängigen Verschwörungsideen:
       
       Behauptung: Die Pharmaindustrie habe das Virus gezüchtet, um Impfstoff zu
       verkaufen. 
       
       Hauptverbreiterin ist die ehemalige US-Congresswomen [2][Marjorie Taylor
       Greene], die auf X schrieb: „Sie manipulieren das Virus (Biowaffe), machen
       die Impfung (Gift) und dann die Profite, weil ihnen die große Mehrheit
       eurer gewählten Anführer gehört.“ Darunter ein Bild einer Kooperation von
       Moderna mit dem Korea University College of Medicine aus dem Jahr 2024.
       
       Richtig ist: Es gibt noch keinen zugelassenen Hantavirus-Impfstoff. Moderna
       bestätigte Bloomberg gegenüber, vor dem Ausbruch an zwei frühen
       Forschungsprojekten gearbeitet zu haben – eines mit dem U.S. Army Medical
       Research Institute of Infectious Diseases, eines mit dem Korea University
       College of Medicine. Nach dem Ausbruch stieg der Moderna-Kurs – ein Effekt,
       der häufig auftritt, wenn Biotech-Unternehmen in Krisensituationen im Fokus
       stehen, kein Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang.
       
       Behauptung: Das Hantavirus sei eine Nebenwirkung der Corona-Impfung. 
       
       NutzerInnen verweisen auf „Seite 33“ eines Pfizer-Dokuments, auf der eine
       Hantavirus-Erkrankung unter beobachteten Nebenwirkungen gelistet sei. Die
       Liste umfasst alphabetisch eine Vielzahl von Krankheitsbildern und
       beschreibt keine kausalen Zusammenhänge. Ein realer Zusammenhang zwischen
       Hantavirus-Erkrankung und Corona-Impfung ist weder bekannt noch
       wissenschaftlich plausibel.
       
       Behauptung: Ivermectin wirke gegen das Hantavirus. 
       
       Das Antiparasitikum Ivermectin hatte schon zu Coronazeiten glühende
       Anhänger, vor allem im Lager der Impfgegner. Nun preist eine Ärztin aus
       Texas es gegen jegliche RNA-Viren – ihr Beitrag wurde millionenfach
       angeschaut, Greene teilte ihn. Tatsache ist: Auch große wissenschaftliche
       Übersichtsarbeiten fanden keine Wirksamkeit von Ivermectin gegen Corona.
       Für Hantaviren gilt dasselbe.
       
       Behauptung: „Hanta“ sei Hebräisch und bedeute „Betrug“. 
       
       Viele NutzerInnen teilten Screenshots, auf denen Grok den Begriff als
       hebräischen Slang für „Betrug“ oder „Unsinn“ übersetzte. Das eigentliche
       hebräische Wort חנטהbedeutet je nach Kontext „sie hat einbalsamiert“ oder
       „sie hat geparkt“ – und hat mit Betrug nichts zu tun. [3][Grok hatte die
       bereits kursierenden Verschwörungsinhalte als Quelle aufgesogen.] X räumte
       den Fehler ein. Die Erzählung bedient antisemitische Narrative, die aus den
       Coronaprotesten von 2020 bekannt sind. Tatsächlicher Namensgeber des Virus
       ist der Hantan-Fluss im Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea, wo das
       Virus 1978 erstmals isoliert wurde.
       
       „Es gibt durchaus Ähnlichkeiten und Verbindungen der
       Verschwörungserzählungen zwischen Corona und dem Hantavirus“, sagt Josef
       Holnburger, Politikwissenschaftler und Geschäftsführer des Center für
       Monitoring, Analyse und Strategie (Cemas). Das sei kein Zufall. Menschen,
       die an Verschwörungserzählungen glaubten, entwickelten ein Weltbild, in dem
       hinter jedem Großereignis eine kleine Gruppe mit bösartigem Ziel steckt –
       und die Medien Teil der Manipulation sind. [4][Verschwörungserzählungen]
       dienten als Kontrollrückgewinn: „Großereignisse werden damit vom Zufall zu
       erklärbaren Ereignissen mit einem Plan.“ Die Erzählungen rund um das
       Hantavirus sind ein Echo der Coronazeit – geprägt von Misstrauen,
       Kontrollverlust und der Suche nach einfachen Erklärungen. Judith Rieping
       
       16 May 2026
       
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