# taz.de -- „Was, wenn es keine Weltrekorde gibt?“
> Seit Donnerstag finden in Las Vegas die „Enhanced Games“ statt, eine
> internationale Sportveranstaltung, bei der Doping ausdrücklich erlaubt
> ist. Was steckt dahinter? Professor John Hoberman ist
> Sportwissenschaftler und hält das Ganze für einen Riesenschwindel
(IMG) Bild: Einer von 39: der Deutsche Marius Kusch, Schwimmer
Interview Sebastian Moll
John Hoberman, Sie haben im Februar vorhergesagt, dass die Enhanced Games
scheitern. Worauf stützt sich diese Einschätzung?
Hoberman: Zu diesem Zeitpunkt haben 39 Athleten in Abu Dhabi für die Games
trainiert. Sie wurden von unbekannten Ärzten mit Medikamenten versorgt.
Aron d’Souza, der Gründer der Games, wirbt mit vollkommener Transparenz.
Aber niemand weiß, wer diese Ärzte sind oder was sie verabreichen. Alles an
d’Souzas Operation ist völlig undurchsichtig. Er redet seit ein paar Jahren
von Weltklasse-Ärzten. Er ist ein echter Schwätzer. Ich habe ihn auf einer
Konferenz in Dänemark gesehen, um mir einen persönlichen Eindruck zu
verschaffen, und er wirkte auf mich sehr naiv. Er erzählte uns, dass er
diese Spiele veranstalten würde und dass die Weltrekorde nur so purzeln
würden.
taz: Sie glauben also nicht, dass Weltrekorde purzeln?
Hoberman: Unter diesen 39 gibt es eine Handvoll Leute, die in der Lage
wären, einen Weltrekord um ein kleines bisschen zu verbessern. Kristian
Gkolomeev, der Schwimmer, der könnte vielleicht ein paar
Hundertstelsekunden über die 50 Meter einsparen.
taz: Er hat den Weltrekord über 50 Meter gebrochen. Der wurde ihm aber von
einem olympischen Athleten, Cam McEvoy, wieder abgenommen.
Hoberman: Das wusste ich gar nicht. Ich meine, diese Leute sind versierte
Athleten, aber es ist niemand dabei, der aktuell zur Weltspitze gehört.
Damit kommt man zu d'Souzas naiver Überzeugung, dass man den Leuten nur
Drogen verabreichen muss, und schon können sie Rekorde brechen. Das ist
Unsinn.
taz: Aron d’Souza versteht sich als Transhumanist. Als jemand, der daran
glaubt, man könne Menschen von Grund auf verändern.
Hoberman: Der Transhumanismus ist eine Fantasie. Das ist keine
Wissenschaft. Die grundlegende Veränderung des Menschen geschieht nicht
heute und meiner Meinung nach auch nicht in 50 Jahren. Das ist also Teil
der PR-Strategie. Es ging schon immer um Sensationslust.
taz: Die Namen von zwei Ärzten wurden veröffentlicht, die mit den „Enhanced
Games“ in Verbindung stehen. Was wissen wir über sie?
Hoberman: Einer davon ist Dr. Pieles. Er solle der Sprecher sein, aber er
hat bisher nicht viel gesagt. Ob er Athleten behandelt, weiß ich nicht. Der
andere ist Dr. Ravi Trajan, der als Orthopäde in einem Krankenhaus in Abu
Dhabi arbeitet. Aber orthopädische Chirurgen verstehen nichts von Doping.
Die Zahl der Ärzte weltweit, die wissen, wie man Spitzensportler effektiv
dopt, ist sehr, sehr gering. Man muss darum gebeten worden sein und dafür
bezahlt werden. Man muss bestimmte medizinische Grundsätze opfern. Ärzte
dürfen ihren Patienten keine nicht-therapeutischen Substanzen injizieren.
Natürlich gibt es Leute, die sophistische Argumente dagegen halten. Aber
ein Dopingmittel wird nicht aus therapeutischen Gründen verabreicht. Es
wird verabreicht, um die Leistung zu steigern. Das ist betrügerische
Medizin.
taz: Aber es wird im Spitzensport schon sehr lange gedopt, es sind viele
Mediziner bekannt, die sich dafür hergegeben haben.
Hoberman: Es war schon immer ein zwielichtiges Geschäft. Am schlimmsten war
es natürlich in der DDR. Der 400-Meter-Rekord von Marita Koch aus dem Jahr
1985 steht immer noch. Das waren Leute, die, was die Ausbeutung des
menschlichen Organismus angeht, ziemlich genau wussten, was sie taten. Sie
haben hunderte Frauen auf schreckliche Weise verletzt. Sicheres, wirksames
Steroid-Doping hat es nie gegeben. Das war immer eine Fantasie.
taz: Werden wir jemals erfahren, welche Drogen den Athleten der Enhanced
Games verabreicht wurden? Werden wir jemals die Namen der Ärzte erfahren?
Hoberman: Ich glaube nicht. Es sind wohl Ärzte aus den Emiraten, die vor
Ort angeheuert wurden, um den Leuten Anabolika zu spritzen. Es ist ein
komplettes Chaos. Dazu kommt, dass d’Souza versprochen hat, dass die
„Enhanced Games“ medizinisch verwertbare Daten liefern würden und dass die
Menschheit von dem profitieren würde, was sie mit den Athleten machen.
Nichts davon ist passiert.
taz: Ursprünglich hatte d’Souza auch nichts von Transparenz gesagt.
Hoberman: Genau, das kam erst, als ihm klar wurde, dass es ein PR-Problem
geben könnte. Aber er hat das Ganze als Spektakel ins Leben gerufen. Das
große Spektakel sollte darin bestehen, dass man den Leuten erlauben würde,
jede Art von Doping zu betreiben, die sie wollten. So entstand das Bild
eines Doping-Karnevals. Und 99 Prozent der Journalisten, die d'Souza
interviewten, fielen voll und ganz darauf herein. Dabei ist er ungefähr so
qualifiziert über Sportwissenschaft zu sprechen, wie RFK Jr. über
Impfstoffe. Was diese Leute verbindet, ist eine Vorliebe für
Pseudowissenschaften.
taz: Was ist mit der Behauptung, dass der sichere, saubere Sport
gescheitert ist? Und dass offenes Doping ein ehrlicherer Weg ist?
Hoberman: Nun, das Scheitern der Dopingbekämpfung steht außer Frage. Der
Einsatz von leistungssteigernden Mitteln im Spitzensport war in den letzten
70 Jahren in seinem Ausmaß unüberschaubar und jenseits einer wirksamen
Regulierung. Und dafür gibt es einen Grund, nämlich, dass niemand wollte,
dass jemand erwischt wird. Also, d’Souza hat recht damit, dass die
Dopingkontrollen bei den Olympischen Spielen ein Fehlschlag waren. Also
sagt er: Ich werde es besser machen, ich werde, in Anführungszeichen,
ehrlich sein. Doch es gibt nichts Unoriginelleres, als Sportler zu dopen,
damit sie Weltrekorde brechen. Das wird schon seit 120 Jahren gemacht.
taz: D’Souza ist Rechtsanwalt und Investor. Warum hat er sich auf dieses
Unternehmen eingelassen?
Hoberman: D’Souza hat in einem Artikel gesagt, dass seine Inspiration für
die Enhanced Games darin bestand, dass er 2022 in einem Fitnessstudio einen
prächtig muskulösen männlichen Körper sah. Insofern er tatsächlich an
transhumanistische Fantasien glaubt, könnten diese durchaus eine Rolle in
seinem Denken gespielt haben. Aber wir wissen schon seit einiger Zeit, dass
das ultimative Ziel der Enhanced Games darin besteht, Medikamente zu
verkaufen. Und genau das tun sie jetzt auf ihrer Website.
taz: Wirklich ins Rollen kam die Sache erst mit Peter Thiel.
Hoberman: Thiel war der erste Investor. Natürlich weiß niemand, wie viel er
investiert hat. Dann kam Christian Angermeyer hinzu und schließlich Donald
Trump Jr. Und das sorgte für Schlagzeilen. Wissen wir etwas darüber, wie
viel er investiert hat? Natürlich nicht. Die ganze Sache bleibt
undurchsichtig.
taz: Ich möchte zu meiner ursprünglichen Frage zurückkommen, warum Sie
glauben, dass die Games scheitern werden?
Hoberman: Dass es am 26. April ganze 39 Athleten gab, ist bereits ein
gewaltiger Misserfolg. Ursprünglich sprach d’Souza von Tausenden Athleten.
Die Zahl 39 hat große Konsequenzen. Sie ist für die Medien weniger
attraktiv. Es ist kein Spektakel mehr. Es ist ein Experiment im kleinen
Rahmen, um zu sehen, ob man ganz normale Spitzensportler so aufpeppen kann,
dass man Schlagzeilen macht. Und was, wenn es keine Weltrekorde gibt?
taz: Warum konnte d’Souza nur 39 Athleten finden?
Hoberman: Das IOC und alle großen Weltverbände haben ihren Athleten gesagt:
Wenn ihr dieses Ding anfasst, seid ihr raus. In seiner Naivität hat d’Souza
nicht einmal daran gedacht. Er dachte: Wenn ich Eliteathleten mit Geld
überhäufe, dann werden sie schon kommen. Er begriff nicht, dass, wenn man
heutzutage von echten Stars spricht, diese keine halbe Million Dollar
brauchen. Deshalb bekommt er nur Sportler der zweiten Garde oder solche,
die ihre Karriere hinter sich haben.
taz: Der Einwand des IOC ist, dass die Enhanced Games dem olympischen Geist
widersprechen. Aber einer der Grundsätze der olympischen Bewegung lautet:
höher, schneller, weiter.
Hoberman: Der Sportsgeist muss heute auf zwei verschiedene Arten
interpretiert werden. Da ist die viktorianische Tradition der
Selbstbeherrschung und Fairness. Aber der wahre Reiz des Sports liegt
darin, dass es schön ist, ihn zu erleben. Wir feiern großartiges
Schauspiel, wir feiern großartige Sportler, und das sind alles Formen der
Unterhaltung.
taz: Aber das widerspricht ja nicht dem Leistungsprinzip, das zum
olympischen Geist gehört?
Hoberman: Nein, aber das viktorianische Ethos ist nicht tot. Die Begriffe
Fairness und Sportgeist werden immer noch verwendet. Diese Tradition ist
sogar sehr beständig.
taz: Sie glauben also nicht, dass diese Veranstaltung den klassischen Sport
moralisch verdirbt?
Hoberman: Wenn du für einen drogenfreien Sport bist, dann sind die
Enhanced Games genau das Gegenteil. Wenn du dafür bist, die Integrität der
Ärzte zu wahren, dann ist das nicht das, was du willst. Und dann gibt es
noch das Argument mit dem Einfluss auf junge Menschen. Aber junge Athleten
haben bereits eine sehr gründliche Aufklärung durch den olympischen Sport.
Sie brauchen Aron d’Souza nicht, um ihnen zu zeigen, dass Doping für sie
verfügbar war. Der Effekt wird eher umgekehrt sein. Was er zu zeigen
hoffte, war, dass man, ziemlich leicht dopen und spektakuläre Ergebnisse
erzielen konnte. Aber das wird nicht passieren.
taz: All diese Leute rund um die Enhanced Games sind nahe am Trump-Umfeld.
Gibt es da einen Zusammenhang?
Hoberman: Es ist das tiefe Interesse an Pseudowissenschaft. Der Einfluss
von Trump beinhaltet die Aushöhlung aller möglichen intellektuellen
Standards.
taz: Schauen Sie noch Sport?
Hoberman: Ich war immer ein Fan der Leichtathletik. Aber als 1985 Steve
Cram den Meilenrekord brach, passierte etwas. Ich hatte gerade angefangen,
mich mit Doping zu beschäftigen. Mein Zeitalter der Unschuld war vorbei.
Ich habe das Fan-Dasein durch Sportwissenschaft ersetzt.
taz: Ich habe das Gefühl, dass die meisten Fans gar nichts mehr davon
wissen wollen, wie die Leistungen zustande kommen.
Hoberman: Es liegt in ihrem emotionalen Interesse, das Dopingthema beiseite
zu schieben und das zu genießen, was sie gewohnt sind. Es gab eine Umfrage,
welche die New York Times veröffentlichte, etwa 2003 während der
Baseball-Affäre. Dabei kam heraus, dass ein Drittel der Leute wirklich
gegen Steroide war. Ein Drittel der Leute war zumindest leicht besorgt. Und
das letzte Drittel, dem war es egal. Donald Trump ist es auch egal. Als ihn
jemand nach Doping im Baseball fragte, hat er gesagt: „Ich will einfach nur
einen Longball sehen.“
23 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Sebastian Moll
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