# taz.de -- tazđŸthema: Nur was man kennt, schĂŒtzt man auch
> Das Heupferdchen-Abzeichen will Kinder und Jugendliche dazu bringen, bei
> Pflanzen und Tieren genauer hinzuschauen. Das kann auch Wildbienen helfen
(IMG) Bild: Neben Wildbienen gibt es die Honigbienen als Nutztiere. Auch beim Imkern bekommen Kinder ein vertiefendes VerstĂ€ndnis fĂŒr den Umgang mit der Natur
Von Joachim Göres
Zehn MĂ€dchen und drei Jungen aus den Klassen 3 und 4 sitzen im Kreis, in
der Mitte steht ein kleiner Tisch. Lehrerin Iris Tischler leert darauf
einen Beutel aus: Hund, BÀr, Biene, Löwe, Tiger, Frosch, Schwan, Leguan,
Fuchs, Panther und weitere kleine Plastiktiere liegen wild durcheinander.
Die Aufgabe: Die SchĂŒlerinnen und SchĂŒler der Heinrich-Rantzau-Schule in
Bad Segeberg sollen Tiere zu Gruppen anordnen. Die Kinder schieben die
Figuren hin und her, dann wird das Ergebnis begutachtet. âDer EisbĂ€r passt
nicht gut zum Hundâ, meint Jorik und begrĂŒndet dies so: âDer eine lebt in
der freien Wildbahn, der andere wurde gezĂŒchtet.â Jessica gefĂ€llt eine
andere Zuordnung nicht: âDer Panda sollte lieber nicht so nah beim Tiger
stehen.â Die Lehrerin will wissen, ob sie Angst davor hat, dass der Tiger
den PandabĂ€ren fressen könnte. âJa!â, lautet die spontane Antwort vieler
Kinder.
Sie treffen sich einmal die Woche zur Unterrichtsstunde im Arbeitskreis
Natur, eine freiwillige Arbeitsgemeinschaft. In diesem Schuljahr winkt
ihnen fĂŒr ihr Interesse eine besondere Auszeichnung: Wer eine kleine
PrĂŒfung besteht, bekommt das Heupferdchen â ein neues Abzeichen, das an das
Seepferdchen erinnert, mit dem erste Schwimmkenntnisse belohnt werden. Das
Heupferdchen â abgebildet ist ein grĂŒnes Heupferd, eine Heuschreckenart â
gibt es fĂŒr das Beobachten, Bestimmen und Dokumentieren von Pflanzen und
Tieren. âWir haben im AK Natur sehr interessierte Kinder, und so ein
Abzeichen erhöht die Motivation noch malâ, berichtet Tischler, Lehrerin fĂŒr
Deutsch, Sachkunde, Kunst und Technik. âViele fragen mich, wann wir die
PrĂŒfung denn endlich machen.â Die heutigen 45 Minuten im Klassenraum dienen
dazu, sich zu ĂŒberlegen, nach welchen Kriterien man Tiere sortieren kann â
welche sind sich Àhnlich, welche unterscheiden sich grundlegend.
Tischler fĂŒhrt zunĂ€chst den Unterschied zwischen Tierreich, Pflanzenreich
und Pilzen ein und nimmt dann die Tiere immer genauer unter die Lupe:
Welche von den Plastikfiguren gehören zu den Wirbel- und welche zu den
Weichtieren? Die Kinder stellen sie zu immer neuen Gruppen zusammen und
diskutieren darĂŒber, ob man sie nicht auch nach den Regionen einteilen
könnte, in denen sie leben.
Meist sind die MĂ€dchen und Jungen drauĂen unterwegs, um BlĂ€tter und Knospen
zu bestimmen sowie Insekten zu fangen. Jeder soll die Funde und
Beobachtungen in ein Heft zeichnen, dort können auch gepresste BlÀtter
eingeklebt werden. Seit neun Jahren unterrichtet Tischler an der
Grundschule in Bad Segeberg. Hat sich seitdem etwas beim Wissen ĂŒber die
Natur geĂ€ndert? âEs gab und gibt Kinder, die ganz viel darĂŒber wissen und
oft drauĂen sind, gerade in unserer eher lĂ€ndlichen Region. Generell ist
das Interesse am Sachunterricht sehr groĂâ, sagt Tischler und fĂŒgt hinzu:
âSo intensiv wie in der heutigen AK-Natur-Stunde könnte ich aber mit einer
ganzen Klasse nicht arbeiten, da wĂŒrde die HĂ€lfte irgendwann aussteigen.
Viele brauchen bei solchen Themen mehr Praxis und Bewegung. Und es gibt
auch immer wieder Kinder, die keinen Baum bestimmen können.â
Der Biologie-Fachdidaktiker Jonathan Hense von der Uni Bonn hat das
Heupferdchen mit entwickelt â ein runder grĂŒn-weiĂer StoffaufnĂ€her mit dem
Aufdruck âIch bin Artenkenner*inâ inklusive Urkunde. Die feierlich
verliehene Urkunde bestÀtigt, dass der ausgezeichnete Naturfreund
mindestens fĂŒnf heimische Pflanzen, Tiere oder Pilze kennt, zwei Arten
bestimmen kann, besondere Kennzeichen zeichnen und dokumentieren kann sowie
Techniken zum Fangen von wirbellosen Tieren kennengelernt hat. âDas
Interesse ist groĂ. Manche Kinder tragen das Abzeichen stolz auf ihrem
Rucksack oder ihrem KĂ€ppiâ, sagt Hense. AuĂer von Schulen hat er Anfragen
von KindergÀrten, Kirchengemeinden, Umweltstationen, NaturpÀdagogen und
Privatleuten aus ganz Deutschland.
Alena Rögele hat 2021 fĂŒr ihre Dissertation an der Uni TĂŒbingen untersucht,
welchen Effekt es hat, wenn SchĂŒlerinnen und SchĂŒler bei einem Projekt ĂŒber
die BiodiversitĂ€t von Wasservögeln die Rolle von Forschern ĂŒbernehmen und
durch Beobachtungen Daten sammeln und bewerten. An der Studie nahmen 345
Kinder aus den Klassen 5 und 6 teil. Ergebnis: Im Vergleich mit einer
Kontrollgruppe sind die Motivation und die Kenntnisse nicht gröĂer, aber es
verbessert sich das wissenschaftliche Schlussfolgern.
Die Hoffnung von Hense: Durch das Heupferdchen lernen noch mehr kleine
Naturfreunde das wissenschaftliche Arbeiten in Form von selbststÀndigem
Sammeln, Erkennen (inklusive Benutzung von Bestimmungshilfen) und
Dokumentieren kennen und engagieren sich fĂŒr den Erhalt der Umwelt â nur
was man kennt, schĂŒtzt man auch.
Tischler lenkt den Blick auf einen besonderen Aspekt: âDer direkte Kontakt
mit der Natur ist wichtig, wir gehen an unserer Schule so oft wie möglich
mit unseren Klassen raus. Dabei profitieren wir von kurzen Wegen, denn auf
unserem GelÀnde haben wir einen Schulwald mit Waldklassenzimmer und Tafel.
Das ist sehr viel wert.â
16 May 2026
## AUTOREN
(DIR) Joachim Göres
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