# taz.de -- Ruby-Affäre in Italien: Lügen und Sexpartys in Uruguay
> Nicole Minetti organisierte „Abendessen“ für Berlusconi und veruntreute
> Steuergelder. Zunächst wurde sie begnadigt. Doch nun kommen neue Details
> ans Licht.
(IMG) Bild: Hat noch keinen einzigen Tag von ihrer Strafe verbüßt: Nicole Minetti
In Italien schlagen die Wellen rund um einen Begnadigungsfall hoch. Im
Februar hatte Staatspräsident Sergio Mattarella der früheren Gehilfin und
Liebhaberin [1][Silvio Berlusconis], Nicole Minetti, ihre Haftstrafe von
drei Jahren und elf Monaten erlassen. Nach neuen Presseenthüllungen fühlt
sich der Präsident nun jedoch hereingelegt und fordert von der
[2][Regierung unter Giorgia Meloni] „mit höflicher Dringlichkeit“
Aufklärung.
Minetti wurde im Jahr 2010 – damals war Berlusconi Regierungschef – als
„Silvios Zahnhygienikerin“ bekannt. Die damals 25-Jährige war eine zentrale
Figur bei den von Berlusconi selbst als „elegante Abendessen“ deklarierten
„Bunga Bunga“-Sexpartys mit Dutzenden jungen Frauen, denen sie nicht nur
selbst beiwohnte, sondern für die sie auch andere Mädchen rekrutierte.
Berlusconi dankte ihr seinerzeit den Einsatz, indem er dafür sorgte, dass
sie noch im Jahr 2010 als Abgeordnete ins Regionalparlament der Lombardei
gewählt wurde. Kaum gewählt, musste sie im Mai 2010 für Berlusconi
Überstunden leisten. Denn in Mailand war die damals 17-jährige [3][Karima
El-Mahrough, auch „Ruby“ genannt,] festgenommen worden – auch sie war oft
bei den Sausen des Milliardärs und Ministerpräsidenten dabei gewesen. Und
noch in der Nacht der Festnahme schickte Berlusconi Minetti aufs
Polizeipräsidium, um die Minderjährige „in Obhut“ zu nehmen und so einen
Skandal zu vermeiden.
In den Folgejahren zahlte Minetti einen hohen juristischen Preis für ihr
Wirken. Wegen Anstiftung zur Prostitution wurde sie im Jahr 2019 zu zwei
Jahren und zehn Monaten Haft verurteilt. Doch sie handelte sich noch eine
zweite Verurteilung ein, wegen ihres lockeren Umgangs mit
Spesenabrechnungen als Regionalabgeordnete. Dort hatte sie mehr als 10.000
Euro für private Zwecke – Luxusessen, Ikea-Möbel, ein iPad etc. –
abgezweigt. Das machte noch mal ein Jahr und einen Monat Haft wegen
Unterschlagung, verhängt im Jahr 2021.
## Lebenspartner war Geschäftspartner Jeffrey Epsteins
Von ihren Strafen hat Minetti noch keinen einzigen Tag verbüßt – dann kam
im Februar die Begnadigung durch den Staatspräsidenten. Sie habe „über die
von ihr begangenen Irrtümer reflektiert und ihr Leben geändert“, heißt es
in dem Gnadengesuch. Unter anderem habe sie in Uruguay einen kleinen Jungen
adoptiert, um den sie sich kontinuierlich kümmern müsse.
Deshalb, so meinen ihre Anwälte, sei ihr auch die Ableistung von
Sozialstunden nicht zuzumuten, die in Italien gewöhnlich bei Strafen unter
vier Jahren als Alternative zur Haft angeordnet wird.
Jetzt deckte die Tageszeitung Il Fatto quotidiano jedoch auf, dass an der
rührenden Geschichte nicht viel stimmt. Es geht los beim „geänderten“
Lebenswandel. Seit 2012 ist Minetti mit Giuseppe Cipriani zusammen, reicher
Betreiber von Luxushotels, Restaurants und Clubs.
Jener Cipriani war auch Geschäftspartner [4][Jeffrey Epsteins], mit dem
zusammen er einen Club in London gründete. Mehr noch: Auch im Anwesen
Ciprianis in Uruguay sollen Sexpartys organisiert worden sein. Il Fatto
quotidiano berichtet, ganz wie in Berlusconi-Zeiten habe Minetti sich dort
laut Zeugen um die Auswahl der Mädchen gekümmert.
## Lügen um adoptiertes Kind
Ebenso wenig stimmt die Behauptung im Gnadengesuch, der adoptierte Junge
sei bei Geburt von seiner Mutter verlassen worden. Im Gegenteil: Il Fatto
quotidiano führt Akten an, nach denen Cipriani und Minetti der leiblichen
Mutter vor Gericht das Sorgerecht streitig machten.
Die beiden hatten außerdem behauptet, Minetti könne ihre Sozialstunden
nicht antreten, da der Junge eine spezielle medizinische Versorgung
benötige, die er nur im US-amerikanischen Boston erhalte. Zwei führende
italienische Krankenhäuser hätten demnach die Behandlung für unmöglich
erklärt. Beide Kliniken gaben nun jedoch an, den kleinen Patienten nie zu
Gesicht bekommen zu haben.
Staatspräsident Mattarella verlangt deshalb jetzt „die nötigen
Informationen“ zur Klärung der Vorwürfe. Das Justizministerium hatte noch
am Montag versprochen, „binnen 24 Stunden“ Auskünfte zu liefern. Die
blieben jedoch aus; stattdessen schob Justizminister Carlo Nordio die heiße
Kartoffel an die Generalstaatsanwaltschaft in Mailand weiter, die das
Gnadengesuch geprüft hatte.
Doch der Prüfauftrag aus dem Ministerium hatte sich nur auf Italien
bezogen, von Faktenchecks auch in Uruguay war keine Rede gewesen. Jetzt
aber will die Generalstaatsanwaltschaft den Blick auch auf Minettis Leben
in Uruguay richten und kündigte an, dafür unter anderem Interpol
einschalten zu wollen. Am Ende könnte Minetti die Begnadigung wieder
entzogen werden.
29 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Michael Braun
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