# taz.de -- momentaufnahmen: Wenn die Kerze beim Ziehen krumm wird
Auf dem Vorhof der [1][Föhrer Kerzenscheune] wird geschnattert,
Kinderquaken und Jauchzer durchbrechen den Wind. Die Kleinen sind
eingepackt in zu große Schürzen, halten Holzgriffe mit je vier langen
Dochten vor sich. Nach jedem Bad im Wachsfass müssen sie ihre
Kerzenzöglinge um den Ahorn im Hof spazieren tragen, um die neue Schicht
trocknen zu lassen: Grün. Grün. Blau. Blau. Lila. Lila.
Auf der Bank vorm Café sitzen zwei Elternpaare und beobachten ihre Kinder
beim Lauf um den Baum. Jüngere Geschwister quengeln, wollen mit Kuchen oder
Eis ruhiggestellt werden. Ein Junge rennt auf seine Eltern zu: „Schau, bin
fertig!“ Unterm Arm in Brotpapier geklemmt vier Kerzen in Blau und Grün.
Die äußerste Wachsschicht perlt leicht; es schmatzt, als er sie aus der
papiernen Umarmung löst.
„Schön!“, sagt der Vater, „aber guck mal, die hier ist ein bisschen krumm“,
hält er eine der Kerzen ins Licht. „Warte, ich bieg sie mal …“ „Nein!“,
will der Junge dazwischengehen, aber es ist schon zu spät. Zwei wächserne
Bruchteile bröseln in der Handfläche. Zum Schnattern, Quaken, Jauchzen
gesellt sich ein spitzer Schrei. Pauline Cruse
9 May 2026
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## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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