# taz.de -- Preis für lesbische* Sichtbarkeit: Das Sternchen wird immer größer gedruckt
> Zum fünften Mal wurde der Preis für lesbische* Sichtbarkeit verliehen.
> Doch gerade in Außenbezirken bleibt der Alltag ein politischer Kraftakt.
(IMG) Bild: Auf der Bühne im Festsaal Kreuzberg feiern Moderatorin, Senatorin, Preisträger:innen und Jurorinnen die Preisverleihung
Es beginnt mit einem Beben. Als die zwei Dutzend Sänger:innen des Chors
D-Dur Dykes am Mittwochabend im Festsaal Kreuzberg die ersten Takte von
Chappell Roans „Good Luck, Babe!“ anstimmen – spätestens aber als
Gleichstellungssenatorin Cansel Kiziltepe mit Sonnenbrille auf die Bühne
tritt –, ist die Stimmung des Abends klar. Es soll gefeiert werden. Laut.
290 Anmeldungen für den 5. Berliner Preis für lesbische* Sichtbarkeit – ein
neuer Rekord, so Kiziltepe. Doch die anfängliche Euphorie im Saal kann
nicht darüber hinwegtäuschen, dass Sichtbarkeit im Jahr 2026 zwei Seiten
hat. „Die Welt da draußen ist oft bedrückend und einschüchternd“, mahnt
Moderatorin Lydia Malmedie zu Beginn. Es ist ein Spagat zwischen dem
Schutzraum der queeren Gemeinschaft und der oft feindseligen Realität auf
der Straße, der sich wie ein roter Faden durch die Veranstaltung ziehen
wird.
## Empowerment in Anzug und Krawatte
Der Moment des Abends gehört Til Fox, Initiator:in des Projekts
„Butch*Walk“: eine Modenschau, bei der vor allem männlich gelesene und
maskuline FLINTA*-Personen als Models auftreten und sich für ihren Style
und ihre Lebensweise feiern lassen können.
Als Gewinner:in des mit 5.000 Euro dotierten Hauptpreises tritt Fox ans
Mikrofon. Bei dem Projekt, das in diesem Jahr ebenfalls sein fünfjähriges
Jubiläum feiert, gehe es nicht um kommerziellen Druck. „Wir arbeiten
bewusst mit kleinen Labels, mit queeren Designer:innen, mit nachhaltiger
Mode, Vintage und Upcycling. Fernab von Mainstream und Fast Fashion.“ Der
englische Begriff „Butch“ sei häufig negativ besetzt, so Fox. „Butch*Walk“
wolle ihn mit Stolz belegen und auch der jüngeren Generation näherbringen.
Laut Fotografin Deborah Moses Sanks, Laudatorin für Fox und Preisträgerin
von 2024, versteht „Butch*Walk“ Kleidung nicht als Konsum, sondern als
Sprache. Die online zugeschaltete US-Amerikanerin sei dort selbst auch
schon als Model aufgetreten. „Der Butch*Walk hat mir die Möglichkeit
gegeben, eine Version von mir zu präsentieren, die ich nirgendwo anders
hätte zeigen können.“
In diesem Jahr erhielten erstmals auch die Zweit- und Drittplatzierte
Auszeichnungen. Die langjährige Aktivistin Monique King und Elodie Forget
vom „Lesberlin Run & Social Club“ bekamen jeweils ein Preisgeld von 2.500
Euro überreicht. Filmemacherin Sophia Emmerich, Laudatorin für King,
erinnerte in ihrer Rede daran, dass Sichtbarkeit manchmal auch bedeute,
dafür zu sorgen, dass andere im Mittelpunkt stehen können.
Fox erzählt: „Das Sternchen in Butch*Walk wird auf unserem Plakat von Jahr
zu Jahr immer größer gedruckt. Das ist kein Zufall, das hat politische
Gründe.“ Denn Sichtbarkeit in Berlin besteht nicht nur aus Kreuzberger
Festakten. Das wurde in den vergangenen Aktionstagen anlässlich des Tags
der lesbischen* Sichtbarkeit am 26. April deutlich. Dort wurde der Blick
bewusst in ganz verschiedene Kieze gelenkt – auch in die Außenbezirke. In
Treptow-Köpenick, Lichtenberg oder Marzahn-Hellersdorf bedeutet queeres
Leben oft noch Pionierarbeit.
Zehn Kilometer entfernt vom Festsaal, südöstlich der Stadtmitte, liegt das
Casablanca. An einem Laternenmast direkt vor dem Eingang in das kleine
Studiokino hängt ein AfD-Plakat: eine Einladung zum Bürgerdialog mit
Politikern, die queerem Leben entschieden entgegenstehen. Dort haben sich
am Freitagabend etwa 30 Menschen versammelt, die meisten von ihnen FLINTA*.
Unter anderem auf Initiative der Organisation [1][LesLeFam e. V.] wurde
gezielt zu einem lesbischen* Filmabend geladen.
In dem Kino in Adlershof flimmert der queere Film [2][„Die jüngste
Tochter“] über die Leinwand. Die Kinowerbung davor: Eine lokale Pfarrerin
spricht über den Verlust von Begegnungsorten im Kiez. An diesem Abend ist
das Casablanca ein solcher Begegnungsort. Die jüngste Besucherin ist 20
Jahre alt, in den Reihen finden sich aber auch viele graue Schöpfe. Doch
einige von ihnen sind aus anderen Bezirken angereist: Kreuzberg, Moabit,
Mitte. [3][Gerade in Außenbezirken ist es schwer, lesbische Personen vor
Ort zu erreichen.] Veranstaltungen wie das „Queere Herbstfest“, das 2026
zum fünften Mal geplant ist, sind teilweise Erfolge, aber keine
Selbstläufer.
In Lichtenberg wird derzeit an einem Bezirksaktionsplan gearbeitet, eine
halbe Stelle für eine queer-beauftragte Person soll geschaffen werden. Doch
bis diese Strukturen greifen, soll es noch mindestens sechs bis neun Monate
dauern. „Es wäre alles so viel leichter, wenn alle zwölf Bezirke
Queer-Beauftragte hätten“, sagt eine Frau beim Sektempfang.
In Marzahn-Hellersdorf gibt es seit 2015 eine Frauen- und
Gleichstellungsbeauftragte: Maja Loeffler hat gemeinsam mit anderen
bezirklichen Queer- und Gleichstellungsbeauftragten ein [4][Programm] in
Gang gebracht, das nicht nur queeres Leid, sondern bewusst die schönen
Seiten queeren Lebens in den Vordergrund rückt. So auch der Kinoabend in
Hellersdorf, bei dem einer ähnlich großen Gruppe an Besucher:innen
[5][„15 Liebesbeweise“] gezeigt wird: ein französischer Film, in dessen
Mittelpunkt ein lesbisches Paar steht, das ein Kind erwartet. Die
rechtlichen Problematiken der Adoption, verletzende Familiendynamiken und
Unsicherheiten der Protagonistinnen werden zwar thematisiert, doch der Film
zeigt auch das Glück eines neuen Lebens.
## Sicherheit statt Symbole
Queeres Familienleben ist auch im Festsaal Thema: Kiziltepe verkündet auf
der Bühne die Veröffentlichung einer [6][juristischen Expertise, die sich
mit dem historischen Unrecht von Sorgerechtsentziehungen bei lesbischen und
bisexuellen Müttern beschäftigt]. Sie verweist zudem auf die bundesweit
erste Berliner Landesstrategie für queere Sicherheit. Eine, die nötig
scheint: Im Mai soll eine Studie zu häuslicher Gewalt in queeren
Beziehungen vorgestellt werden – ein Thema, das in der Community lange
tabuisiert wurde.
Die Preisverleihung endet, wie sie begonnen hat, mit den D-Dur Dykes, die
Ebows Hymne „Lesbisch“ singen. In den Sitzreihen liegen sich Paare in den
Armen, küssen sich, schließen die Augen und schwingen im Rhythmus mit. Die
Botschaft des Abends und der vergangenen Tage bleibt. Sichtbarkeit ist kein
Zustand, sondern ein fortdauernder Kraftakt. Den kann man nicht nur in
Kreuzberg feiern, sondern muss ihn in jeden Bezirk tragen.
30 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://leslefam.de/
(DIR) [2] /Spielfilm-Die-juengste-Tochter-im-Kino/!6140665
(DIR) [3] /Queeres-Leben-abseits-der-Szene/!6172914
(DIR) [4] https://www.berlin.de/ba-treptow-koepenick/politik-und-verwaltung/beauftragte/integration/veranstaltungen/artikel.1659059.php
(DIR) [5] /Debuetfilm-15-Liebesbeweise/!6135298
(DIR) [6] /Sorgerechtsentzug-bei-lesbischen-Muettern/!6174917
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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