# taz.de -- Cumbia-Neuveröffentlichungen: Herzschlag der Zukunft
       
       > Die Cumbia erfindet sich immer wieder neu. Das zeigen das Projekt Amantes
       > del Futuro und eine Kooperation zweier prominenter Vertreter des Genres.
       
 (IMG) Bild: Nach Orange und Gelb nun Pink: das dritte Album aus Amantes del Futuros „Sabor Sónico“-Reihe
       
       Sie ist nicht kleinzukriegen. Von Feuerland tief im Süden spinnt sie ihr
       Netz über die Straßen der villas von Buenos Aires, die Anden und den
       Regenwald des Amazonas (wo sie eine psychedelische Note bekam), ihr
       Mutterland Kolumbien, quer durch die Länder Zentralamerikas bis zur
       Industriemetropole Monterrey im hohen Norden Mexikos – die Cumbia.
       
       „Herzschlag“ Lateinamerikas wird sie auch genannt. Ein schlurfender
       Rhythmus, der zum Tanzen nötigt und zugleich wie ein ewig uneingelöstes
       Versprechen klingt, der eine Steigerung verspricht, eine Explosion, zu der
       es doch nie kommt. Währenddessen shuffelt die Güiroratsche zu den Klängen
       einer Gaitaflöte und eines Akkordeons gemütlich weiter, bleiben die Beine
       in Bewegung. Bis in alle Ewigkeit.
       
       Ja, es stimmt – [1][durch Bad Bunnys Erfolg wurde ihr der Rang abgelaufen].
       Aber die Cumbia ist heute dennoch so lebendig wie nie. Aus Monterrey kommt
       etwa die Cumbia rebajada. Der Legende nach entstand sie, als der
       Plattenspieler auf einer Party seinen Geist aufgab und die Musik nur noch
       verlangsamt abspielte. So blieb es. Getanzt wird dieser Downbeat-Cumbia mit
       sanften, wiegenden Hüftbewegungen, oft in gebückter Haltung, bei der man
       tief in die Knie gehen muss. Die Cumbia rebajada ist integraler Teil der
       marginalisierten proletarischen Cholombiano-Kultur.
       
       ## Gedrosseltes Tempo, sentimentale Verse
       
       Geprägt von der Cumbia-Szene Monterreys wurde der Musiker Immanuel Miralda.
       Unter seinem Alias Ima Felini gründete er Mitte der 2010er Jahre (als
       Einmannproduzent) die Amantes del Futuro, die „Liebhaber der Zukunft“.
       Heute ist Felini damit Protagonist eines Genres, das manche Future Cumbia
       nennen: autogetunte Vocals, tiefe Bässe und eingängige Melodien in
       gedrosseltem Tempo zu sentimentalen Versen über die verlorene Liebe und
       Helden und Orte der sonideros, der mexikanischen Soundsystems.
       
       Felinis (oranges) Album „Sabor Sónico“ (2019) ist ein Klassiker des Genres,
       2023 folgten (das gelbe) „Sabor Sónico II“ und „Kumbiatitlán“, in welchem
       er eine fiktive Stadt erschafft, die dem Cumbia-Kult huldigt. „Die Cumbia
       verändert sich ständig, wandelt sich und entwickelt sich kontinuierlich
       weiter“, hat Ima Felini in einem Interview gesagt. Sich der Populärkultur
       Mexikos mit Empathie und Liebe zuzuwenden – vor allem der lange Zeit von
       bürgerlichen Kreisen verachteten Cumbia –, sei überfällig. Man müsse sie
       endlich „als etwas Positives betrachten“.
       
       Gerade arbeitet Felini am dritten Album der „Sabor Sónico“-Reihe, es soll
       im Laufe des Jahres rauskommen, aber bitte kein Stress. Pressefotos von
       sich möchte er nicht schicken, es gehe nicht um seine Person. Lieber solle
       man den 3-D-animierten Schriftzug des Projektnamens nehmen, das
       Markenzeichen der Trilogie, dieses Mal in Pink gehalten.
       
       Bereits im Mai wird eine mit Spannung erwartete mexikanisch-kolumbianische
       Kooperation der besonderen Art veröffentlicht: Die beiden
       Post-Cumbia-Schwergewichte Camilo Lara aus Mexiko, dem [2][„Sampling
       Sommelier“], und Eblis Álvarez von den kolumbianischen Meridian Brothers
       haben ein gemeinsames Album eingespielt.
       
       ## Auf den Spuren des Exzentrikers Rigo Tovar
       
       Auf der einen Seite Autodidakt Lara, seines Zeichens alleinverantwortlich
       für das Mexican Institute of Sound, auf der anderen der klassisch
       ausgebildete Álvarez mit seinem virtuosen, manchmal absichtlich verstimmt
       klingenden Gitarrenspiel. Zusammen erkunden sie auf „Ruido Tovar“ Leben und
       Wirken des extravaganten Musikers Rigo Tovar. Dieser, so heißt es in den
       Linernotes, habe die mexikanische Cumbia revolutioniert, indem er Gitarre,
       Moogorgel und Synthesizer in die Musik einführte.
       
       Auf dem Album wird daraus ein wilder Ritt an Improvisationen. Während Lara
       ein ganzes Arsenal an Synthies auffährt, singt Álvarez dazu schräge Texte –
       über Kommunismus und Liebeskummer ebenso wie über existenzielle Ängste und
       Studentenproteste.
       
       Zwischendurch erhalten Lara und Álvarez zwischendurch zusätzlich prominente
       Unterstützung: An „Ritmo Babilonia“ ist kein geringerer als Beck beteiligt,
       der Song feiert Tovars Zuneigung zu Kunstlederoutfits, getönten Brillen und
       ständigen Partys – und ist zugleich eine schräge Neuinterpretation seines
       Cumbia-Rock-Klassikers „El festival de mi pueblo“ aus dem Jahr 1981.
       
       Dieser Text erschien in der Verlagsbeilage taz thema global pop am 2. Mai
       2026.
       
       8 May 2026
       
       ## LINKS
       
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