# taz.de -- Rechte Gewalt nimmt zu: Mehr Übergriffe gegen Minderjährige und Geflüchtete
       
       > Fast täglich gibt es in Berlin rechte Übergriffe. Besonders Kinder und
       > Geflüchtete sind betroffen – und werden von Behörden oft doppelt
       > viktimisiert.
       
       Ein neunjähriges Mädchen spielt im Auto ihres Vaters mit einer
       Palästinaflagge, ihr kleiner Bruder sitzt neben ihr. Ein vorbeifahrender
       Fahrradfahrer greift ins Auto, reißt ihr die Flagge aus der Hand und wirft
       sie weg. Das Mädchen hat Verletzungen an der Hand.
       
       Ein Jugendlicher duscht in seiner Wohngemeinschaft, in der unbegleitete,
       geflüchtete Minderjährige leben. Auf einmal stürmen Polizist:innen die
       Wohnung, zerstören die Wohnungstür, zerren ihn nackt aus der Dusche,
       schlagen ihm sein Handy aus der Hand, als er versucht, danach zu greifen.
       Völlig unbekleidet muss er etwa zwei Stunden lang bäuchlings im Flur
       liegen.
       
       Berlin war im Jahr 2025 für viele Menschen kein sicherer Ort. Wie die
       Beratungsstelle ReachOut am Dienstag bekanntgab, erreichte die Zahl
       rassistischer und rechter Angriffe mit 358 registrierten Taten den höchsten
       Stand seit 2019. „Dabei wurden insgesamt 545 Menschen verletzt, bedroht,
       gejagt oder bespuckt – und das sind nur die, von denen wir wissen“, erzählt
       Johanna Mohrfeldt von der Beratungsstelle ReachOut. Die Dunkelziffer dürfte
       um ein Vielfacher höher liegen.
       
       Die Zahl der betroffenen Jugendlichen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 58
       Prozent auf 43 Fälle. Bei Kindern unter 13 Jahren gab es ein Plus von 16
       Prozent. Johanna Mohrfeldt von ReachOut berichtet von Angriffen an Orten,
       denen die Minderjährigen nicht ausweichen können: auf Schulwegen, in der
       U-Bahn oder in der Nachbarschaft. Viele der Betroffenen litten unter
       Flashbacks, Depressionen und einem massiven Vertrauensverlust in den
       Rechtsstaat, ergänzt ihre Kollegin Parto Tavangar Rizi. Mit 208 Fällen
       bleibt Rassismus das Hauptmotiv. Insbesondere antimuslimische und gegen
       Schwarze gerichtete Gewalt hat laut ReachOut zugenommen.
       
       Geografisch konzentriert sich das Geschehen weiterhin auf die Innenstadt.
       Erneut führt der Bezirk Mitte (67 Angriffe), gefolgt von
       Friedrichshain-Kreuzberg (64 Angriffe). In Mitte sieht ReachOut einen
       Zusammenhang mit rassistischer Mobilmachung in Verbindung mit der
       Gentrifizierung und „kriminalitätsbelasteten Orten“. Diese würden zu
       anlasslosen Polizeikontrollen und einer stigmatisierenden Atmosphäre
       führen.
       
       In Mitte entlade sich die Gewalt zudem häufig am Rande von rechten
       Demonstrationen, wo gezielt Gegendemonstranten oder Unbeteiligte
       angegriffen würden. Auch „rechte Journalisten“ würden zunehmend als Akteure
       auftreten, die Betroffene bedrängen und sich dabei sicher fühlen, nicht
       strafrechtlich verfolgt zu werden.
       
       Einen Grund dafür sieht ReachOut auch in der Rhetorik der Bundespolitik.
       Wenn ein Bundeskanzler Debatten über das Stadtbild führe oder die Rückkehr
       von 80 Prozent der geflüchteten Syrer:innen fordere, fühlten Täter sich
       legitimiert.
       
       ## Behörden betreiben Täter-Opfer-Umkehr
       
       Scharfe Kritik üben die Beraterinnen an der Arbeit der Polizei und Justiz.
       Betroffene berichteten regelmäßig, dass rassistische Motive, denen sie zum
       Opfer gefallen sind, nicht anerkannt oder sie sogar selbst kriminalisiert
       werden. „Diese Täter-Opfer-Umkehr ist fast schon Normalität“, berichtet
       Takanda Rizi. Im Fall des Mädchens mit der Palästinaflagge habe ihr
       unbeteiligter Vater Anzeigen bekommen und sich deshalb an ReachOut gewandt.
       Rizi spricht von institutionalisiertem Rassismus: „Polizei,
       Staatsanwaltschaft und Gerichte wirken weiterhin einschüchternd auf die
       Opfer.“
       
       Für Menschen ohne gesicherten Aufenthaltsstatus sei die Lage besonders
       prekär. Eine Anzeige gegen die Polizei – wie etwa nach der brutalen
       Wohnungsdurchsuchung, infolge derer ein Jugendlicher nackt aus der Dusche
       gezerrt wurde – werde fast immer eingestellt. Für die Betroffenen bedeute
       die eigene Kriminalisierung oft eine existenzielle Bedrohung ihres
       Bleiberechts.
       
       Daniel Jasch vom Beratungs- und Betreuungszentrum für junge Geflüchtete und
       Migrant*innen (BBZ) findet deutliche Worte: „Man muss sich auf der Zunge
       zergehen lassen, wie der deutsche Staat Kinderrechte mit Füßen tritt.“
       
       ## Strukturwandel gefordert
       
       ReachOut und das BBZ fordern ein konsequentes Bleiberecht für Opfer
       rassistischer Gewalt, einen diskriminierungsfreien Zugang zu Schulen und
       die Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz. Solange sich die
       rechtliche und politische Lage weiter verschärfe, so die Bilanz der
       Beratungsstelle, werde auch die Gewalt zunehmen.
       
       Der Vorsitzende der Berliner Grünen, Philmon Ghirmai, nennt die Zahlen ein
       „politisches Versagen mit Ansage“. Er fordert den Senat auf, Schutzkonzepte
       in öffentlichen Räumen wie der BVG umzusetzen und sicherzustellen, dass
       rassistische Motive von der Justiz konsequent verfolgt werden.
       
       21 Apr 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Pauline Cruse
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Social-Auswahl
       
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