# taz.de -- Knast wegen Beförderungserschleichung: Freie Fahrt für freie Bürger!
> Das Fahren ohne gültigen Fahrausweis soll entkriminalisiert werden. Das
> ist schön, aber nur eine Geste, meint Udo Knapp. Wir brauchen einen
> kostenlosen ÖPNV.
(IMG) Bild: Könnte man sich sparen: Fahrkartenkontrolle im kostenlosen ÖPNV
[1][taz FUTURZWEI] | Fahren ohne Fahrschein [2][soll entkriminalisiert
werden]. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) will den Paragrafen 265a
StGB streichen, das Erschleichen von Leistungen, hier der Beförderung im
ÖPNV. Zahlen die ohne Fahrschein Erwischten ihr erhöhtes Fahrtentgelt auch
nach Aufforderung nicht, kann der Betreiber des lokalen ÖPNV eine Anzeige
erstatten, die in der Regel zu Gerichtsverfahren führen, in deren Verlauf
auch Ersatzfreiheitsstrafen verhängt werden. Etwa 7.000 Leute aus über 140
000 Ermittlungsverfahren im Jahr landen vor Gericht und werden zu
Geldstrafen verurteilt. Die Kriminologen der Universität Köln gehen davon
aus, dass ein Drittel von Ihnen, etwa 2500, die [3][Strafe nicht zahlen
können] oder wollen und ersatzweise zu Freiheitsstrafen verurteilt werden.
Der Deutsche Anwaltsverein schätzt die Kosten, die dadurch jährlich
entstehen, auf etwa 200 Millionen Euro. Die Einsitzenden sind überwiegend
Obdachlose, Arbeitslose und andere Bürger in – warum auch immer –
[4][schwierigen Lebenslagen].
Grundsätzlich gesagt: Die uneingeschränkte Geltung von Recht und Ordnung
darf nicht durch ein subjektiv ausgelebtes Gerechtigkeitsempfinden ersetzt
werden, wenn die Rechtsordnung insgesamt nicht entwertet werden soll – wie
überzogen im Einzelfall die Ersatzfreiheitsstrafe auch erscheinen mag.
## Mobilität entprivatisieren
Wenn die Gesellschaft aber an der, an diesem Beispiel sichtbar werdenden
Spaltung der Gesellschaft und deren sozialen Folgen ausgleichend arbeiten
will, ist für die Fragen rund um die Mobilität ein zusätzlicher
Betrachtungsrahmen zu wählen.
Mobilität ist immer noch kein öffentliches Gut, das durch eine unabhängig
von Einkommen und sozialen Status gut nutzbare, öffentliche
Verkehrsinfrastruktur sichergestellt wird.
Mobilität ist heute auf private, individuelle Nutzung ausgerichtet. Daran
ändern die 38,5 Milliarden Euro wenig, die jährlich für den ÖPNV in der
Republik aufgewendet werden. 25 Milliarden davon sind Betriebskosten. Nur
50 Prozent dieser Aufwendungen werden durch Nutzererlöse finanziert. Mit
anderen Worten: Öffentliche Mobilität auf Straße und Schiene ist schon
heute eine weitgehend öffentlich finanzierte Staatsaufgabe. Sie kann auch
in Zukunft nicht über den Ticketkauf finanziert werden. Eine
Mitfinanzierung über Tickets leistet keine wesentliche Entlastung der
öffentlichen Haushalte beim Ausbau des ÖPNV, sie nervt nur alle Bürger. Das
jährliche Theater der [5][Ticketpreiserhöhungen] verdeckt diese Tatsache
und spaltet die Gesellschaft in dieser Hinsicht nur noch tiefer. Zugleich
wird das Fahren ohne Fahrschein weiter popularisiert. Von der Verkehrswende
weg vom Auto und hin zu einem städtisches Leben bestimmenden ÖPNV wird
weiter abgelenkt.
Eine Mobilität für alle Notwendigkeiten und Bedürfnisse kann es besser mit
einem kostenlosen ÖPNV auf Straße und Schiene geben. Das würde nicht nur
die öffentliche Mobilität für alle im urbanen Leben sicherstellen. Es
könnte durch den Rückbau viel zu breiter Straßen und viel zu vieler
Parkplätzen neuen städtischen Lebensraum für alle schaffen.
Das E-Auto wird als Alternative für den Verbrenner CO2-Emissionen senken,
an den weiter steigenden Kosten der dominierenden Automobilität in Stadt
und Land aber nichts ändern. Vielfach ökologischer wäre eine Ausrichtung
der öffentlichen Förderung der Mobilität auf den ÖPNV. Die Kosten für die
private Mobilität in der Stadt würden allein von ihren Nutzern getragen.
Öffentliche Mobilität könnte auf diesem Weg so attraktiv werden, dass das
Auto auch ohne Verbotstheater sein Vorurteil verliert, der
alleinseligmachende Garant von umfassender Mobilität zu sein.
Die dafür notwendigen öffentlichen Investitionen, könnten durch
Steuererhöhungen finanziert werden, die auch offen begründet werden. Das
laufende Nachdenken über eine Nahverkehrsabgabe könnte als Einstieg in eine
umfassende und dauerhafte Finanzierung des ÖPNV weiterentwickelt werden. Es
ist vorstellbar, dass der Bund den Kommunen aus seinem Steueraufkommen über
die Länder pauschale Zuschüsse für ihre kommunale und regionale
Verkehrswende zur Verfügung stellt.
## Keine Träumerei
Weil die Vorteile einer solchen Politik sehr schnell allen Leuten Vorteile
und Entlastungen in ihrem Alltagsleben verschaffen würde, kann davon
ausgegangen werden, dass mit diesen Zielen begründete Steuererhöhungen für
eine Verkehrswende Unterstützung in der Öffentlichkeit finden würde.
Eine solche Perspektive ist keine Träumerei. In einigen größeren und
kleineren Städten gibt es bereits einen kostenlosen ÖPNV. Etwa in
Pfaffenhofen, in Teilen von Augsburg, in Monheim am Rhein, in Tübingen an
Samstagen und in der Innenstadt von Erlangen. In Luxemburg wird landesweit
der ÖPNV mit Bahn und Bus kostenlos angeboten. Auch in Estland ist der ÖPNV
schon fast im ganzen Land kostenlos. Sogar im Autoland USA gibt es in den
Großstädten Albuquerque, New Mexiko, und Tucson, Arizona, kostenlosen ÖPNV.
In der Bundesrepublik ist nach wie vor das Auto Nummer 1. Sein in vieler
Hinsicht tatsächlich noch unverzichtbares, aber auch überzogen gehyptes
Freiheitsversprechen ist verbunden mit den Milliardenkosten für den Ausbau
der Straßen und zerstörerischen Folgen für jede städtische Infrastruktur,
es monopolisiert eine gemeinschaftsfeindliche und zuallererst private
Mobilität. Die „autogerechte Stadt“ – was für ein Denken! – ist immer noch
das bestimmende Leitbild für das urbane Leben.
Trotz hoher Aufwendungen für den ÖPNV auf Straße und Schiene ist daher die
öffentliche Mobilität bis heute nur die verdruckste, wenig attraktive
Mobilität für die nur halb Erfolgreichen in der Mitte und die Erfolglosen
am Rand der Gesellschaft geblieben, die es nicht in den SUV schaffen. Die
Entkriminalisierung des Fahrens ohne Fahrschein wird daran nichts ändern,
sie ist nur ein hilflose Geste vermeintlicher Solidarität mit den
Schwachen. Ein kostenloser ÖPNV für alle könnte dagegen dem städtischen
Zusammenleben jenseits des Autos neue Impulse geben.
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13 Apr 2026
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