# taz.de -- Die Wahrheit: Kenn ich, hab ich auch!
> Sag niemals irgendwo, wie es dir geht, und erzähle vor allem nichts von
> deinen Wehwehchen. Krankheiten sind neuerdings so was von chic.
Mit fortschreitendem Alter mehren sich die Krankheiten. Interessanterweise
bei allen. Also bei allen anderen. Ich selber bin an Krankheiten gar nicht
interessiert, trotzdem habe ich inzwischen selber einige. Zum Glück sagen
meine Ärzte bei fast allem: „Da sind Sie erblich vorbelastet. Da können Sie
nichts für. Das haben Sie geerbt. Das ist von Ihren Eltern.“ Ich kann also
nichts machen. Ich mach auch nichts. Vor allem rede ich nicht darüber.
Außer es rutscht mir was raus.
Was ich nicht wusste, ist, dass man eine Krankheit nicht für sich hat,
sondern mit anderen teilt. Sobald du dir auch nur eine kleine Blöße gibst,
sobald du auch nur das kleinste Geständnis machst, eine winzige Offenbarung
wie: „Es ist ja Pollenzeit – ich hab da so eine kleine Allerg…“ Den Satz
kannst du gar nicht zu Ende sprechen, da kommt schon: „Ja, kenn ich. Hab
ich auch! Ganz schlimm!“
Und dann folgt dieser Fachvortrag über allergische Reaktionen, über Tests.
Wurde vor Corona eigentlich auch schon so intensiv über Krankheiten
geredet? Und es ist egal, über was du redest, über eingewachsene Fußnägel
oder einen Oberschenkelhalsbruch, jeder zweite, mit dem du sprichst, kann
sofort seine eigene Krankengeschichte entblättern. Und wenn es nicht die
eigene ist, dann ist es eine mit dramatischstem Verlauf aus dem engsten
Familienkreis.
Ein harmloser Kratzer führt dann zu Amputationen. Bei mir wurde jetzt
grüner Star attestiert. Ich hatte vorher noch nie in meinem Freundeskreis
von irgendjemandem gehört, dass er oder sie damit zu tun habe. Jetzt habe
ich den Fehler gemacht, auf die Frage „Wie geht’s?“ ehrlich zu antworten:
„Ich bin etwas irritiert, ich habe angeblich grünen Star, eine Art
Altersdrohung.“
Eine Welle an Augenkrankheiten ergießt sich seitdem aus meinem
Freundeskreis. Und alle erzählen es den anderen, nach dem Prinzip der
stillen Post und einer steten Steigerung: „Du, der Bernd hat ja jetzt …“
Das verselbstständigt sich. Ein Freund sagte neulich zu mir, bevor ich
„Guten Tag“ sagen konnte: „Ich hab’s gehört. Sieht aber super aus, dein
Glasauge. Man sieht gar nichts!“
Und alle sind Experten: „Grüner Star. Genau. Hab ich auch. Oder grauen. Ich
müsste noch mal in den Spiegel schauen.“ Standard ist: „Ab jetzt musst du
tropfen, das musst du ernst nehmen, oder du wirst blind. Möchtest du mit
meiner Schwester reden, die war früher beim Augenarzt, die kann dir …“
Die Diagnostik hat mit Dr. Google größte Fortschritte gemacht. Ein
Medizinstudium braucht keiner mehr, und trotzdem ist jeder ein Experte. Ich
habe Freunde, die in keinem medizinischen Beruf tätig sind, aber trotzdem
versuchen, mir Rezepte auszustellen.
Eine Möglichkeit wäre, über Krankheiten zu schweigen. Aber ich mache es
anders. Ich erfinde neue Krankheiten. Ich bin ein Krankheitshochstapler.
Und überzeugend. Meine Glatze steht momentan für kreisrunden Haarausfall.
Mal sehen, wer den dann auch alles hat!
14 Apr 2026
## AUTOREN
(DIR) Bernd Gieseking
## TAGS
(DIR) Reden wir darüber
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