# taz.de -- Christliche Fundamentalisten in Bremen: Eine Allianz gegen den säkularen Staat
       
       > Als Opfer von Christenverfolgung inszeniert sich die Trump-nahe „Alliance
       > Defending Freedom“ bei Olaf Latzel. Die Kirche missioniert dennoch mit
       > ihm.
       
 (IMG) Bild: Blieben bei Latzels St. Martini 2020 draußen vor: „Toleranz“, „Liebe“ und „Freiheit“
       
       Vielleicht macht die eine oder der andere in der kommenden Woche lieber
       einen kleinen Bogen um die Martinikirche in Bremen. Von dort aus plant die
       Bremische Evangelische Kirche ab dem 20. April eine „großartige Aktion“:
       Eine ganze Woche lang will man jeden Nachmittag „Christen in D darin
       AUSBILDEN und SENDEN, das Evangelium klar zu formulieren und mutig,Eins zu
       Eins' weiterzugeben“. Man wolle Menschen segnen, für sie beten und ihnen
       „den Jesus-Weg in den Himmel“ zeigen.
       
       Der „Jesus-Weg in den Himmel“ – das weist schon sprachlich darauf hin: Hier
       sprechen Evangelikale, und sie wollen evangelisieren, also: missionieren im
       eigenen Umfeld. Evangelikale Christen fallen durch ihre enthusiastischen
       Auftritte und neue Veranstaltungsformate auf. Sie definieren sich selbst
       als bibeltreu – und begründen damit ihre erzkonservativen Positionen –
       gegen Abtreibungen, Homosexualität und für ein ultratraditionelles
       Rollenverständnis von Mann und Frau.
       
       8 von 49 Gemeinden der Bremischen Evangelischen Kirche sind evangelikal;
       laut dem Humanistischen Pressedienst weist Bremen damit [1][mehr
       evangelikale Gemeinden auf als die sehr viel größeren,] ebenfalls
       evangelisch geprägten Stadtstaaten Hamburg und Berlin. Die Bremische
       Evangelische Kirche hat mit Evangelikalen auch erst einmal kein Problem.
       Die ehemalige Präsidentin Edda Bosse äußerte sich lobend zur Arbeit der
       evangelikalen Gemeinden. Nicht zuletzt hatte sie 2014 auch das
       [2][Missionszentrum Lighthouse als Arbeitsstelle der Bremischen
       Evangelischen Kirche] (BEK) mitgegründet.
       
       In dessen Aktionswoche gibt es nun jeden Tag Workshops, wie man die frohe
       Botschaft der Bibel mit anderen teilen kann. Jeden Tag geht es für einen
       Praxisteil zum Einsatz direkt auf die Straße. Und: Jeder Tag beginnt mit
       einer Predigt von Olaf Latzel.
       
       ## Homosexualität „todeswürdig und vor Gott ein Gräuel“
       
       Mit dem wiederum hat die BEK durchaus Probleme – zumindest schien es bisher
       so. Der Pastor der evangelikalen Martini-Gemeinde hatte 2019 in einem
       Eheseminar von einer „teuflischen Homo-Lobby“ gesprochen und von „diesen
       Verbrechern vom CSD“. Gelebte Homosexualität sei „todeswürdig und vor Gott
       ein Gräuel“. Kein einmaliger Ausrutscher: Schon 2015 hatte Latzel andere
       Religionen und Konfessionen in einer Predigt beleidigt. Und schon 2008
       verbot er einer Gastpredigerin die Kanzel, weil eine Frau dort nichts zu
       suchen habe.
       
       Wegen seiner Äußerungen im Eheseminar war Latzel wegen Volksverhetzung
       angeklagt. Durch mehrere Instanzen ging das Verfahren mit je
       unterschiedlichem Ausgang, am Ende wurde es [3][gegen Geldauflage
       eingestellt:] Latzel musste 5.000 Euro an das queere Rat-und-Tat-Zentrum in
       Bremen überweisen.
       
       Die Bremische Kirche hatte sich recht klar gegen Latzel und seine Worte
       positioniert. Eine geplante Suspendierung nahm man nur aus
       arbeitsrechtlichen Gründen zurück. Latzel musste sich entschuldigen. Die
       disziplinarische Kürzung seines Gehalts um fünf Prozent für insgesamt vier
       Jahre ab Mai 2025 solle ihm, so die Kirche, „als Erinnerung und Mahnung an
       sein Fehlverhalten“ dienen.
       
       Alles besühnt, gebüßt und entschuldigt also. Allerdings hatte der Pastor
       seine eigene Entschuldigung später relativiert. Im evangelikalen
       Idea-Magazin erschien im Juli 2025 ein Interview, mit dem gerade für die
       Schuld- und Sünde-orientierten Evangelikalen schönen Titel „Ich halte mich
       nach wie vor für unschuldig“.
       
       Auch inhaltlich zeigt sich Latzel weiterhin als Teil der
       fundamental-christlichen Rechten. Direkt im Anschluss an die Missionswoche
       von Lighthouse findet in der St.-Martini-Gemeinde das nächste Event statt:
       Am kommenden Samstag kommt die erzkonservative „Alliance Defending Freedom“
       (ADF) – eine christlich-fundamentalistische Anwaltsorganisation, die sich
       die Umgestaltung der Gesellschaft auf die Fahne geschrieben hat.
       „Christenverfolgung in Deutschland?!“ ist der Studientag in Bremen
       überschrieben, der sich an „kirchliche Mitarbeiter und Pfarrer unter Druck“
       richtet.
       
       ## Neues Betätigungsfeld der brandgefährlichen ADF
       
       Die ADF ist nicht irgendwer: In den USA hat die fundamental-christliche
       Anwaltslobby maßgeblich das [4][Project 2025] vorangetrieben. Die
       politische Strategie forcierte nicht nur erfolgreich eine zweite
       Präsidentschaft von Donald Trump, sondern auch den Umbau der amerikanischen
       Gesellschaft, den das Land seitdem erlebt: Durch die Umgestaltung von
       Behörden soll der Staat dauerhaft zugunsten einer rechten Politik
       umgestaltet werden.
       
       Auch in Europa fasst die ADF immer mehr Fuß: Recherchen des European
       Parliamentary Forums for Sexual and Reproductive Rights zeigten 2025, wie
       seit 2013 große Geldmengen [5][von der ADF aus den USA nach Europa
       fließen.] Im deutschsprachigen Raum hat man bisher vor allem erfolgreich
       Abtreibungsgegner vor Gericht vertreten. Mehrfach wurden deren
       Protestformen vor Abtreibungskliniken nach einer Vertretung durch
       ADF-Anwälte legitimiert.
       
       Latzels Verfahren ist seit 2024 abgeschlossen, es endete ohne Urteil. Die
       Alliance Defending Freedom wirft sich trotzdem weiter auf den Fall: Ein
       Herausgeber des evangelikalen Idea-Magazins und Felix Böllmann als
       Vertreter von ADF im deutschsprachigen Raum haben [6][im Herbst ein Buch
       über den Fall Latzel] herausgegeben. Der Tenor: Die Justiz habe „Recht und
       Logik“ verbogen, um ihn anklagen zu können.
       
       Die Veröffentlichung zu Olaf Latzel im vergangenen Herbst und die Tagung in
       Bremen, die sich an Kirchenvertreter aus ganz Deutschland richtet, scheinen
       jetzt ein weiteres Betätigungsfeld im deutschsprachigen Raum zu öffnen: Das
       Schlagwort der „Christenverfolgung“ [7][nutzt die ADF auch in anderen
       Kontexten], um juristisch und politisch den Diskurskorridor nach rechts zu
       erweitern – unter Verweis auf das Grundrecht auf Meinungsfreiheit. Für
       Latzel, der im Rahmen des Schulungstages auch eine Predigt hält, ist es
       eine weitere Möglichkeit, sich als Opfer darzustellen.
       
       ## Kirche hält Zusammenarbeit mit Latzel unterm Radar
       
       Warum aber arbeitet die BEK auch unter diesen Umständen mit Latzel
       zusammen? Die Evangelische Kirche äußert sich zunächst sehr zurückhaltend
       mit nur zwei Sätzen auf eine längere Anfrage von Mittwoch: Alle
       Veranstaltungen des Lighthouse Bremen fänden auf der Grundlage des
       gemeinsamen Papiers „Mission Respekt“ zur Missionsarbeit der evangelischen
       Kirchen statt. Man gehe „davon aus, dass sich auch die von Ihnen genannte
       Veranstaltung des Lighthouse auf der Basis dieses Konsenspapiers bewegt“.
       
       Ähnlich hatte sich die BEK zuvor auf eine [8][Anfrage der Plattform
       „Fundiwatch“ geäußert.] Die nächste Nachricht der Kirchengemeinschaft war
       da aufschlussreicher: Die versehentlich ebenfalls an Fundiwatch gesendete
       Mail legte nahe, dass man absichtlich spät und unkonkret geantwortet habe –
       in der Hoffnung, dass das Thema so keine Aufmerksamkeit bekäme.
       
       12 Apr 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://hpd.de/artikel/bremen-hochburg-evangelikalen-18831
 (DIR) [2] /Christen-mit-einer-Mission/!5863142
 (DIR) [3] /Queerfeindlicher-Hassprediger-aus-Bremen/!6029959
 (DIR) [4] /Abtreibungsrecht-in-den-USA/!6052967
 (DIR) [5] /Antifeministische-Allianz/!6094245
 (DIR) [6] /Der-Fall-Olaf-Latzel/!6124857
 (DIR) [7] https://adfinternational.org/de/news/finnlands-oberster-gerichtshof-spricht-parlamentarierin-wegen-bibel-tweet-frei-verurteilt-sie-jedoch-separat-wegen-hassrede
 (DIR) [8] https://fundiwatch.org/mission-respekt-oder-mission-gescheitert/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lotta Drügemöller
       
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