# taz.de -- Rückgabe von San-Agustín-Statuen: Kolumbianische Götter und Dämonen im Archiv
> In Berlin lagern sie im Depot, in San Agustín werden sie vermisst. Alhena
> Caicedo aus Kolumbien kämpft für die Rückgabe der Steinstauen.
(IMG) Bild: Eine Steinfigur aus San Agustín (Archivbild)
Der Ausstellungsraum der Kunstgalerie am Spreeufer misst nur wenige
Quadratmeter. Die 20 Gäste finden kaum einen Sitzplatz. Sie sprechen fast
ausschließlich Spanisch miteinander. Alhena Caicedo, seit 2022 Direktorin
des Kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte (ICANH), ist
in dieser Woche nach Berlin gereist, um mit ihnen über eine mögliche
Rückgabe der San-Agustín-Statuen zu sprechen.
Nach heutigem Kenntnisstand lebten die Erschaffer dieser Steinstatuen
zwischen 3.300 v. Chr. und 1.530 n. Chr. in der Region um San Agustín im
Südwesten Kolumbiens. Bis heute ist über die dortige Kultur nur wenig
bekannt, der archäologische Park San Agustín ist Unesco-Weltkulturerbe.
Insgesamt wurden dort hunderte der detailreichen Statuen entdeckt.
Besonders sind sie durch ihre detailgetreuen Gesichter. Sie sollen Götter
und Dämonen darstellen, die vermutlich spirituellen Zwecken und als
Tempelwächter dienten.
[1][Im Ethnologischen Museum in Berlin lagern 31 der Statuen, die vor über
100 Jahren durch den Ethnologen Konrad Theodor Preuss nach Deutschland
verschafft wurden.]
taz: Frau Caicedo, wie fühlen Sie sich, wenn Sie an die San-Agustín-Statuen
und ihre Lagerung in Berlin denken?
Alhena Caicedo: Es steht eine große Community hinter diesem Thema, deshalb
weiß ich, dass ich nicht jede Meinung repräsentieren kann. Seit Jahren gibt
es so viele Leute, die für die Rückgabe der Statuen nach Kolumbien kämpfen.
Ich fühle mich diesen Menschen gegenüber verpflichtet, sie zurückzuholen.
taz: Lange ist in der Restitution nichts passiert. Machen Kolumbianer Sie
und Ihr Institut verantwortlich für die ausbleibende Rückkehr der Statuen?
Alhena Caicedo: Ich fühle mich nicht von ihnen angeklagt. Es ist wichtig,
dass Kolumbianer und Auslandskolumbianer zuhören und verstehen, dass
bereits viel getan wird, dass es nicht mehr ist wie früher, dass sich etwas
geändert hat. Mir ist heute wieder aufgefallen, wie interessiert und
besorgt auch die in Deutschland lebenden Kolumbianer über dieses Thema
sind. Wir sind ein kolumbianisches Institut – zu wissen, was die in
Deutschland lebenden Kolumbianer über dieses Thema denken, ist wichtig für
uns.
taz: Wie gut funktioniert die politische Zusammenarbeit zwischen Kolumbien
und Deutschland?
Alhena Caicedo: Es gab gute Momente, so etwa, als uns die [2][Kogi-Masken
zurückgegeben] wurden. Es gab aber auch Phasen, in denen der politische
Wille zur Rückgabe abgenommen hat. Seit dem letzten Regierungswechsel merke
ich das wieder.
2023 übergab Bundespräsident Steinmeier dem kolumbianischen Präsidenten
Gustavo Petro zwei Masken von der indigenen Kogi-Gemeinschaft aus
Nordkolumbien. Preuss hatte sie 1915 im Rahmen einer Forschungsreise nach
Deutschland gebracht. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz begründete die
Rückgabe in diesem Fall damit, dass die Masken einen rituellen Hintergrund
und eine nach wie vor große sakrale Bedeutung haben.
Caicedos Forschungsschwerpunkte liegen auch in der Volksreligiosität und
dem Schamanismus. Als sie über die Masken spricht, bricht ihre Stimme
leicht. [3][Der damalige Außenminister Kolumbiens Leyva hatte im Rahmen der
Übergabe betont, dass der Respekt vor den Ureinwohnern stets als
übergeordneter Wert anerkannt werden solle.]
taz: Lange Zeit wurde – auch aus Kolumbien – behauptet, dass die Lagerung
der Statuen in Deutschland besser sei als in ihrem Herkunftsland. [4][Wie
sehen Sie das im Kontext einer möglichen Rückgabe?]
Alhena Caicedo: Sie sind hier bestimmt sicher und werden gut aufbewahrt,
aber weitergehend untersucht wurden sie in Berlin überhaupt nicht, obwohl
wir das in Zusammenarbeit vorgeschlagen hatten. Und die Leute, die sagen,
es sei nachhaltiger, dass die Statuen hier sind, sollten vielleicht darüber
nachdenken, welchen Symbolwert sie eigentlich haben. Ist es nicht besser,
dass sie dort sind, wo sie ihren symbolischen, spirituellen Wert entfalten
können? Es geht nicht nur um das Objekt, sondern darum, für wen es
geschaffen wurde.
taz: Wenn Sie sich entscheiden könnten, wären die Statuen also morgen in
Kolumbien.
Alhena Caicedo: Natürlich!
taz: Diese Woche führen Sie keine Gespräche mit Politikern, planen das aber
für kommende Besuche in Berlin. Wie zielführend sind Diskussionen über eine
Rückgabe?
Alhena Caicedo: Einerseits fordern wir diese Rückgabe eindeutig. Wir
verstehen aber, dass die Statuen auch für Deutschland wichtig sind. Wir
sind in jedem Fall offen dafür, sie gemeinsam zu erforschen.
2013, kurz vor der Eröffnung der Jubiläumsausstellung des Museo Nacional in
Bogotá, musste diese von „Die Rückkehr der Idole“ in „Das Schweigen der
Idole. Eine Beschwörung der augustinischen Skulpturen“ umbenannt werden.
Die Gemeinde von San Agustín hatte sich geweigert, die entsprechenden
Skulpturen nach Bogotá auszuleihen. Die fehlenden Skulpturen mussten durch
Fotos und 3D-Reproduktionen ersetzt werden.
taz: Das Misstrauen der lokalen Gemeinde gegen staatliche kolumbianische
Institute wegen der mangelnden Restitutionsbemühungen war lange Zeit groß.
Alhena Caicedo: 2013 gab es einen Zwischenfall, das stimmt. Die Menschen in
der Region wollten nicht, dass die Exponate für die Ausstellung nach Bogotá
bewegt werden und sind dagegen aufgestanden.
taz: Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und den Einwohnern San Agustíns
heute?
Alhena Caicedo: Das hat sich vor allem in den letzten drei Jahren, seit ich
Direktorin bin, stark geändert. Wir arbeiten jetzt viel mehr mit ihnen
zusammen, auch mit der indigenen Gemeinschaft. Wir brauchen ihre Hilfe,
denn ohne ihren Willen können wir hier in Deutschland keine Interessen
vertreten. Was sie wollen, ist für unser politisches Vorgehen entscheidend.
taz: Ist bereits ein fester Ort für die Statuen vorgesehen?
Alhena Caicedo: Wir planen in zwei Monaten eine Wanderausstellung von 700
kleineren Exponaten, die uns in den vergangenen Jahren bereits
zurückgegeben worden sind. Sie werden nicht in Bogotá bleiben, wie es sonst
passiert. Die Statuen nehmen wir davon zusätzlich aus: Sie sollen direkt
zurückgehen an den Ort, an dem sie erschaffen wurden. Es gibt schon ein
Museum im archäologischen Park San Agustíns, das auf sie wartet.
7 Apr 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.spektrum.de/news/steinfiguren-aus-san-agustin-berliner-raubkunst-aus-kolumbien/1880773
(DIR) [2] https://www.smb.museum/nachrichten/detail/masken-der-kogi-aus-dem-ethnologischen-museum-restituiert/
(DIR) [3] https://www.smb.museum/nachrichten/detail/masken-der-kogi-aus-dem-ethnologischen-museum-restituiert/
(DIR) [4] /Restitution-geraubter-Kulturgueter/!6131005
## AUTOREN
(DIR) Pauline Cruse
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