# taz.de -- CDU-Frau über den Osten, ihre Partei und die AfD: Für Ostdeutschland gibt's nur Sonntagsreden
       
       > Die Autorin Nora Zabel gehört zur Gen Z und will ihre ostdeutsche Heimat
       > nicht der AfD überlassen. Doch ihre eigene Partei, die CDU ist dabei
       > überhaupt nicht hilfreich. Ein Gespräch.
       
 (IMG) Bild: Die Demokratie irgendwie am Laufen zu halten und für sie werben: Autorin und Politikerin Nora Zabel
       
       [1][taz FUTURZWEI] | An den grauen Treppenstufen des Tränenpalasts an der
       Berliner Friedrichstraße wartet Nora Zabel zwischen vorbeiziehenden
       Passanten und umherwuselnden Tauben. Wir sind am ehemaligen Grenzübergang
       in Berlin für einen Spaziergang vom West- in den Ostteil der Stadt
       verabredet. Zabel verkörpert alles, was sonst in der CDU eher rar ist –
       Feminismus, ein schlagkräftiges Instagram-Game und eine klare Kante gegen
       Rechtsextremismus. Im Sommer 2024 teilte sie auf X das Video der Leute, die
       auf Sylt zur Musik von „L’amour toujours“ in einer Bar „Ausländer raus“
       skandierten. Kurz ging das Video viral. Jetzt hat sie ihr erstes Buch über
       die ostdeutsche Generation Z geschrieben, zu der sie gehört.
       Ostidentitätspolitik ist ebenfalls ein Thema, das selten aus Unionskreisen
       kommt.
       
       taz FUTURZWEI: Nora Zabel, Sie sind 1996 in Mecklenburg-Vorpommern geboren.
       Gerade bei jungen Leuten nehmen viele an, dass sich die Unterscheidungen in
       Ost und West erledigt haben. 
       
       NORA ZABEL: Ja, ich bin lange Zeit auch davon ausgegangen, dass das gar
       keine Rolle spielt.
       
       taz FUTURZWEI: Jetzt bezeichnen Sie sich in Ihrem ersten Buch explizit als
       „ostdeutsch“. Auf welcher Grundlage?
       
       Zabel: Das fing eigentlich in der Corona-Pandemie an, in der ich viele in
       meiner Heimat erlebt hatte, die in der Pandemiepolitik der Regierung nicht
       zuerst den Schutz der Menschen sahen, sondern fürchteten, einen „Maulkorb“
       angelegt zu bekommen. Erst dachte ich, dass es sich vielleicht nur um eine
       Phase handelt. Dann kam der Ukrainekrieg, und ich habe gemerkt, dass ich
       ein ganz anderes Bild zu Russland hatte als die Leute, die noch miterlebt
       hatten, wie die Russen hier stationiert waren. Überhaupt: Ich habe mich im
       Gegensatz zu meiner Familie schon mit 16 in einer Partei, der CDU,
       organisiert. Und da habe ich mich gefragt, wo eigentlich die Ursache liegt,
       dass die anderen so denken und dass ich anders denke?
       
       taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch schreiben Sie über die Generation Z im Osten,
       also zwischen 1995 und 2010 geborene Bundesdeutsche. Wieso schauen Sie
       dafür in so vielen Kapiteln zurück in die DDR?
       
       Zabel: Weil man sich der DDR gar nicht entziehen kann. Man wird im Osten
       ständig damit konfrontiert. Es ist gut, sich damit auseinanderzusetzen, um
       sich selbst besser zu verstehen und vielleicht auch mehr Verständnis für
       die eigenen Eltern zu haben – zu verstehen, wie meine Eltern aufgewachsen
       sind und dann halt auch deren Äußerungen einordnen zu können. Ich glaube,
       ich habe ein starkes Gefühl für das Privileg, nicht in der DDR aufgewachsen
       zu sein. Deshalb bin ich sensibilisierter dafür.
       
       taz FUTURZWEI: Wofür?
       
       Zabel: Die Demokratie irgendwie am Laufen zu halten und für sie zu werben.
       
       taz FUTURZWEI: Gleichzeitig gibt es gerade im Osten sehr viele junge Leute,
       die gar keine Lust auf liberale Demokratie zu haben scheinen und AfD
       wählen. Woran liegt das?
       
       Zabel: Ich glaube, dass sie jetzt jemanden wollen, der wirklich
       Versprechungen gibt. Die SPD hat immer versprochen, explizit mehr für den
       Osten zu tun, es aber nie hinbekommen, die CDU hat es gar nicht erst
       versprochen. Die AfD spricht eine viel klarere Sprache als diejenigen, die
       immer noch im Politikersprech hängen geblieben sind.
       
       taz FUTURZWEI: In Ihrem Buch schreiben Sie offen von Familienmitgliedern,
       die AfD wählen. Wie läuft das ab, wenn Sie Ihre Verwandten treffen?
       
       Zabel: Ach, die folgen mir auch auf Instagram und liken meine Stories. Ich
       denke immer, dass sie in ein paar Jahren nicht mehr AfD wählen.
       
       taz FUTURZWEI: Woher nehmen Sie diesen Optimismus?
       
       Zabel: Ich habe einen Rest Hoffnung, weil wir Protest- und Wechselwähler
       in unserer Gesellschaft haben. Ich könnte sie aber auch nicht einfach aus
       meinem Leben verbannen. Ich habe vorhin gelesen, dass Nina Chuba mit einem
       Teil ihrer ostdeutschen Familie gebrochen hat, weil die AfD wählt.
       
       taz FUTURZWEI: Die Sängerin mit dem Hit Wildberry Lillet.
       
       Zabel: Ja. Ich könnte das einfach nicht. Ich habe den Glauben daran nicht
       verloren, dass das menschliche Band stärker ist als politische Differenzen.
       
       taz FUTURZWEI: Nina Chubas Eltern kommen ursprünglich aus Sachsen-Anhalt,
       aber sie kommt aus Hamburg. Glauben Sie, dass Ihre unterschiedliche
       Reaktion auf Ihre AfD-Verwandten mit Ihrer Herkunft zu tun hat?
       
       Zabel: Ich denke schon.
       
       taz FUTURZWEI: Wieso?
       
       Zabel: Ich bin durch die Konflikte mit meinen Eltern vermutlich geübter,
       andere politischen Meinungen aushalten. Außerdem ist es für Nina Chuba
       vermutlich leichter, aus ihrer Bubble heraus mit dem Osten zu brechen. Für
       sie kommt es vielleicht eh nie infrage, im Osten zu leben. Ich will aber
       irgendwann vielleicht wieder zurückkommen und deswegen bin ich an einem
       guten Verhältnis interessiert.
       
       taz FUTURZWEI: Die Darstellung von Ostdeutschland wirkt in Ihrem Buch oft
       ziemlich düster.
       
       Zabel: Ich habe nur versucht, ein realistisches Bild zu zeichnen.
       
       taz FUTURZWEI: Verbinden Sie mit dem Wort Ostdeutschland vor allem
       Negatives?
       
       Zabel: Ich weiß nicht, ob das Wort negativ passt, aber Ostdeutschland ist
       etwas, was als Makel wahrgenommen wird. Jedenfalls aus meiner Sicht.
       
       taz FUTURZWEI: Gerade laufen viele Sachen schief in Ostdeutschland. Was hat
       Ihre Partei verbockt?
       
       Zabel: Wir haben uns nicht getraut, unsere eigene Regierungsarbeit zu
       hinterfragen, und wir haben uns nicht getraut, die Menschen im Osten zu
       kritisieren.
       
       taz FUTURZWEI: Was würden Sie an der Regierungsarbeit der CDU hinterfragen?
       
       Zabel: Ich glaube, die CDU ist gerade mit ganz, ganz vielen anderen Krisen
       beschäftigt und Ostdeutschland ist irgendwie so auf Platz 30.
       
       taz FUTURZWEI: Und wie sprechen die Ostdeutschen in der CDU über sich?
       
       Zabel: Die CDU ist eine Westpartei. Die Partei im Osten macht halt so ein
       bisschen ihr eigenes Ding. Die Berliner Parteizentrale besteht zu 90
       Prozent aus Wessis. Wenn es mal zu Ost-Fragen kommt, dann heißt es: „Ja,
       wir reden da jetzt schon seit ein paar Jahren drüber.“
       
       taz FUTURZWEI: Wie ist das bei den jungen Leuten in Ihrer Partei?
       
       Zabel: Die wollen nicht wirklich darüber reden, was ostdeutsch ist, sondern
       sich als Gesamtdeutsche sehen. Es gibt aber so interne Ost-Konferenzen, auf
       denen man sich dann vernetzt, um zu klären, wie man ostdeutsche Interessen
       in der Partei irgendwie nach vorn bringt. Es gibt keine automatische
       Selbstverständlichkeit, über ostdeutsche Themen zu sprechen. Ich glaube,
       viele wehren sich sehr dagegen, sich in der Opferrolle zu sehen.
       
       taz FUTURZWEI: In einem Video redet ein Mitte-30-jähriger
       CSU-Bundestagsabgeordneter aus dem Osten darüber, was Ostdeutschland für
       ihn bedeutet.
       
       Zabel: Das fand ich furchtbar.
       
       taz FUTURZWEI: Wieso?
       
       Zabel: Weil er das ostdeutsche Wort „Polylux“, also das ostdeutsche Pendant
       zum Overheadprojektor erwähnt, außerdem redet er von Freiheit und dem
       Ost-Gericht Würstchengulasch.
       
       taz FUTURZWEI: Das ist alles?
       
       Zabel: Nein. Ich fühle mich ein bisschen verarscht, weil ich eher das
       Gefühl habe, dass es sehr viel mehr über den Osten zu sagen gibt für
       Politiker. Zum Beispiel: die AfD-Ergebnisse im Osten. Oder den Fakt, dass
       es noch immer strukturelle Ungerechtigkeiten zwischen Ost und West gibt,
       dass Ostdeutsche im Schnitt 20 Prozent weniger verdienen und dafür kaum in
       Führungspositionen repräsentiert sind. Wenn man die jetzt politisch
       erklären würde, dann müsste man entweder a) die eigene Partei kritisieren
       oder die Regierungsarbeit oder b) halt auch die Ostdeutschen kritisieren.
       Und wer das nicht machen möchte, der redet halt darüber, dass die
       Ostdeutschen damals für die Freiheit gekämpft haben oder über
       Würstchengulasch.
       
       taz FUTURZWEI: Haben Sie denn nun eine Ostidentität?
       
       Zabel: Ich würde nicht sagen, dass meine Identität festgeschrieben ist,
       sodass ich sie auch ändern kann. Und dass sie halt stark von meiner
       Umgebung abhängt. Also kann ich nicht sagen, dass ich, weil ich im Osten
       geboren wurde, mich immer als Ostdeutsche fühle.
       
       taz FUTURZWEI: Aber gleichzeitig haben Sie ein Buch über Ihre Generation in
       Ostdeutschland geschrieben.
       
       Zabel: Ja, beim Schreiben schwang auch Pflichtbewusstsein mit. Für die
       Gegend, aus der ich komme, in der ich Bildung genossen habe, in der ich
       sozial aufsteigen wollte. Ich wollte etwas zurückgeben.
       
       taz FUTURZWEI: In einem Kapitel schreiben Sie von einem Treffen mit einer
       16-Jährigen aus Ihrer Heimat. Trotz des Altersunterschieds würde Sie mehr
       verbinden, als es Ihre westdeutschen Altersgenossen nachempfinden könnten.
       Und zwar „nicht nur unsere eigenen Erfahrungen, sondern auch die unserer
       Eltern, die uns auf unsichtbare Weise mitgegeben wurden“. Was meinen Sie
       damit?
       
       Zabel: Ich meine damit, zum Beispiel, die Skepsis gegenüber der Politik und
       den Parteien. Außerdem haben diejenigen, die in der DDR in die Schule
       gegangen sind, nicht wirklich gelernt, zu argumentieren. Ich glaube, dass
       sich das in die Familien weiterzieht und auch weitergegeben wird. Da geht
       es auch um soziale Anpassung nach dem Motto: ›Lehn dich nicht zu weit aus
       dem Fenster‹. Dazu gilt immer noch: Sicherheit vor Ausprobieren.
       
       taz FUTURZWEI: Spüren Sie das auch?
       
       Zabel: Ja, ich spüre einen viel kleineren Spielraum für mich selbst, wenn
       es darum geht, sich auszuprobieren, etwa beim Wechsel des Studiengangs, ob
       man sich ein unbezahltes Praktikum oder ein Auslandssemester leisten kann.
       Es ist alles immer mit einem höheren finanziellen Druck verbunden, weil das
       Kapital oft in ostdeutschen Elternhäusern nicht da ist. Außerdem, und ich
       finde das selbst unfair, habe ich auch bei der 16-Jährigen diese Diskrepanz
       in Sachen Demokratiekompetenz gespürt. Auf der einen Seite gab es das, was
       wir in der Schule gelernt haben und auf der anderen unsere Elternhäuser,
       wo die Frage keine Rolle spielte, wie man für die Demokratie eintreten
       könnte.
       
       taz FUTURZWEI: Was glauben Sie, bedeutet das für die Zukunft Ihrer
       Generation im Osten?
       
       Zabel: Dass wir auf uns selbst gestellt sind. Nichts wird sich verbessern,
       wenn wir einfach so weitermachen wie der Großteil vor uns: auf Politiker
       schimpfen, statt in Parteien zu gehen und uns selbst um unser Dorf, unseren
       Verein zu kümmern. Entweder schaffen wir es, diesen unsichtbaren
       DDR-Ballast in unseren Familien anzusprechen, gemeinsam zu reflektieren und
       unsere Eltern von der Demokratie zu überzeugen, die uns so viel geschenkt
       hat …
       
       taz FUTURZWEI: Oder?
       
       Zabel: … oder meine Generation wird wieder die erste sein, die im Osten von
       Nazis regiert wird.
       
       taz FUTURZWEI: Haben Sie Gegenwind bekommen, als Sie versucht haben, in der
       CDU über Ostdeutschland zu sprechen?
       
       Zabel: Ja, ich habe es halt immer mal wieder angesprochen oder versucht,
       Erklärungen zu liefern, weshalb die AfD gerade dort gewählt wird. Aber der
       Osten ist nicht so ein Machtfaktor für die CDU-Strategie. Wir fahren in
       jedem Wahlkampf ab und an immer noch eine Rede zum Thema, und dann hoffen
       wir, dass die Ostdeutschen nicht so viel Ärger machen.
       
       taz FUTURZWEI: Die AfD könnte in Sachsen-Anhalt zum ersten Mal einen
       Ministerpräsidenten stellen, die Partei wird insgesamt immer stärker – hat
       da kein Umdenken eingesetzt?
       
       Zabel: Aus meiner Sicht bleibt das weiter ein Thema für Sonntagsreden.
       
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       18 Mar 2026
       
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