# taz.de -- Zukunft Kurdistans im Iran-Krieg: „Der Krieg ist längst da“
       
       > Die kurdischen Gebiete im Norden des Iraks werden aktuell aus dem Iran,
       > den USA und Israel angegriffen. Ronya Othmann berichtet, was die
       > Entwicklungen im Iran für die kurdische Bevölkerung bedeuten.
       
 (IMG) Bild: Die Kurden wollen ein Ende der Unterdrückung
       
       [1][taz lab]: Die USA haben zuletzt fast alle ihrer Soldaten aus dem
       Zentralirak in den Norden des Landes verlegt, sodass proiranische Milizen
       nun auch verstärkt Ziele in den kurdischen Gebieten angreifen. Frau
       Othmann, droht die Region dadurch zum direkten Schauplatz des Kriegs zu
       werden?
       
       Ronya Othmann: Die Autonome Region Kurdistan ist längst Kriegsschauplatz.
       Schon 2018 feuerte der Iran Raketen auf die Büros zweier kurdischer
       Oppositionsparteien in Koya. 2022, im Zuge der „Frau, Leben, Freiheit“-
       Bewegung nach der Ermordung von Jina Amini, führte der Iran Drohnen-,
       Artillerie- und Raketenangriffe auf die Autonome Region Kurdistan durch.
       
       2024 gab es erneut Angriffe, angeblich auf „Mossad-Basen“ – so der Iran –,
       getroffen wurden jedoch Wohnhäuser. Man kann die Liste weiter fortsetzen.
       Auch der Rest des Iraks ist längst Kriegsschauplatz, denn der wird zu
       großen Teilen von iranischen Milizen kontrolliert. Die Kata’ib Hisbollah
       ist für zahlreiche Menschenrechtsverletzungen verantwortlich,
       beispielsweise für die Ermordung des irakischen Sicherheitsexperten Hischam
       al-Haschimi.
       
       Welche strategische Bedeutung haben die kurdischen Streitkräfte im Nordirak
       dann für die Konfliktparteien im Irankrieg, insbesondere für die USA und
       Israel? 
       
       Wenn in diesen Tagen von den kurdischen Streitkräften die Rede ist, dann
       sind meist die Peschmerga aus Rojhelat, den kurdischen Gebieten im Iran,
       gemeint. Ihr Ziel ist die Freiheit und Selbstbestimmung der kurdischen
       Bevölkerung. Die Interessen von Israel und den USA sind da erst mal
       zweitrangig.
       
       [2][Aber es wird natürlich begrüßt, wenn diese sich decken und sie
       militärische Unterstützung bekommen]. Für die USA und Israel sind sie vor
       allem aufgrund ihrer langjährigen Kampferfahrung gegen den sogenannten
       Islamischen Staat und die iranische Republik interessant.
       
       ## „Das beste Szenario aus kurdischer Perspektive wäre, wenn das Regime
       fällt. Dieses Regime hat den Kurden nichts als Terror und Unterdrückung
       gebracht“
       
       Gleichzeitig bombardieren die USA und Israel immer wieder kurdische
       Gebiete. Ist das nicht ein Widerspruch? 
       
       Die [3][USA und Israel bombardieren] nicht die Autonome Region Kurdistan.
       Sie bombardieren Rojhelat, denn insbesondere in den Grenzregionen sind auch
       Einheiten des iranischen Militärs stationiert. Die Angriffe richten sich
       daher in der Regel gegen militärische Ziele. Nichtsdestotrotz sterben auch
       immer Zivilisten.
       
       Sind die Peschmerga überhaupt bereit, an der Seite der USA in den Krieg
       einzusteigen? 
       
       Der Sturz des iranischen Regimes ist eines der wichtigsten Ziele der
       Peschmerga. Die kurdische Bevölkerung im Iran leidet nicht nur unter der
       Unterdrückung und Gewalt, die dort alle Menschen tagtäglich erleben,
       sondern auch [4][unter spezifisch antikurdischer Diskriminierung.]
       
       Und – wie gesagt – auch jenseits der Grenze in der Autonomen Region
       Kurdistan bombardiert der Iran. Entsprechend groß ist der Wunsch nach dem
       Ende des Terrorregimes und einem Leben in Frieden. Die Peschmerga wissen,
       dass das Regime nicht von allein verschwindet.
       
       Ist ein geschwächtes iranisches Regime aus kurdischer Perspektive
       tatsächlich das beste Szenario? 
       
       Das beste Szenario aus kurdischer Perspektive wäre, wenn das Regime fällt.
       Dieses Regime hat den Kurden nichts als Terror und Unterdrückung gebracht.
       
       Droht dann nicht eher ein Bürgerkrieg? 
       
       Man weiß nie, was in Zukunft passiert. Im Irak folgte auf den Sturz Saddam
       Husseins ein langer Bürgerkrieg, doch der hatte vielfältige Ursachen. Und
       daraus lässt sich kein Automatismus für den Iran ableiten. Fakt ist: Das
       iranische Regime überzieht die Region seit Jahren mit Terror. Der Krieg ist
       also schon längst da. Ein Sturz des Regimes könnte auch für mehr Frieden
       und Stabilität sorgen.
       
       Was bedeutet das für die kurdische Frage? 
       
       Die Kurden haben unter dem Schah gelitten, sie leiden unter der Islamischen
       Republik. Sie wollen ein Ende der Unterdrückung. Der Sturz des iranischen
       Regimes birgt die Möglichkeit für grundlegende politische Veränderungen und
       neue Perspektiven. Ob Unabhängigkeit, Autonomie oder Föderalismus wird sich
       zeigen, im Mittelpunkt stehen erst mal Freiheit und Selbstbestimmung.
       
       🐾 Beim taz lab wird Ronya Othmann gemeinsam mit Kristin Helberg und Naseef
       Naeem darüber sprechen, welche Perspektive Syrien in instabilen
       geopolitischen Zeiten hat. [5][Blaue Bühne, 17 Uhr].
       
       2 Apr 2026
       
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