# taz.de -- Spanisches Leder: „Wir schützen den handwerklichen Bereich“
       
       > Große Modemarken verlagerten ihre Lederwarenproduktion zurück ins
       > spanische Ubrique. Made in Europe schlägt chinesische Produktion.
       
 (IMG) Bild: Ubrique ist bekannt für die Herstellung hochwertiger Lederartikel wie Taschen, Geldbörsen, Gürtel und Accessoires
       
       Korkeichenwälder, schroffe, einsame Berglandschaft, schmackhafter
       Ziegenkäse – die Sierra de Grazalema im Südwesten Spaniens eignet sich
       hervorragend zum Wandern. Mit ihren weißen Dörfern, der maurischen
       Geschichte, die hier noch nicht überall touristisch vermarktet wurde, ist
       sie ein lohnendes Ausflugsziel. Sie ist aber auch die regenreichste Region
       Spaniens, was ihr grüne Landschaften beschert, aber dieses Jahr auch
       traurige Berühmtheit brachte. Das Dorf [1][Grazalema] drohte durch massive
       Wassermassen aufgrund des wochenlangen Regens im Februar abzurutschen, die
       Bewohner wurden evakuiert.
       
       Auch die nahegelegene [2][Stadt Ubrique], ein Mekka der spanischen
       Lederindustrie, wurde schwer getroffen. Überall werden Bäume, die den Halt
       im steilen Gelände verloren haben, gefällt, ein riesiger Felsbrocken, der
       ein Haus zum Einsturz brachte, wird gerade weggeräumt, viele Zufahrtswege
       nach Ubrique durch die Berge waren vorübergehend gesperrt.
       
       Weltbekannte Unternehmen wie Gucci, Dior, Polène und viele andere lassen in
       Ubrique ihre Lederwaren herstellen. Ubrique ist bekannt für die Herstellung
       hochwertiger Lederartikel wie Taschen, Geldbörsen, Gürtel und Accessoires.
       Das Geheimnis des Erfolges von Ubrique liegt in der Mischung aus alten
       Techniken und moderner Innovation. Die Kunsthandwerker hier wenden noch
       immer traditionelle Methoden an, um Leder von Hand zu schneiden, zu nähen
       und zu veredeln, sodass jedes Stück einzigartig und von höchster Qualität
       ist.
       
       Aurora Cadenaz führt durch das [3][Ledermuseum] von Ubrique. Es ist in
       einem barocken Kapuzinerkloster untergebracht mit Blick über die Stadt und
       den Taleinschnitt. „Ubrique hatte aufgrund seiner geografischen Lage immer
       hervorragende Bedingungen für die Lederproduktion“, erklärt Aurora.
       
       Dazu gehöre der Wasserreichtum, denn zum Gerben wird viel Wasser benötigt.
       Das kalkhaltige Gestein eignet sich hervorragend für bestimmte Schritte der
       Lederverarbeitung wie Einweichen und Reinigen der Tierhäute. In der
       Umgebung gibt es riesige Steineichen- und Korkeichenwälder, deren Rinde
       Gerbstoffe (Tannine) enthalten. Das wurde traditionell zum Gerben des
       Leders verwendet. Aufgrund der traditionellen Viehzucht in Andalusien
       standen stets ausreichend Tierhäute als Rohstoff für die Lederproduktion
       zur Verfügung. So sei über Generationen ein spezialisiertes Wissen über die
       Lederverarbeitung entstanden.
       
       ## Das Familienerbstück Patacabras
       
       Die Ausstellung wurde liebevoll aus persönlichen Gegenständen der Familien
       zusammengetragen: Ledertaschen, Ledereinbänden, Lederstühlen, einem
       Flamenco-Kleid, rosarot und ganz aus Leder. Lederkoffer, in denen die
       fahrenden Händler aus Ubrique ihre Waren in ganz Spanien präsentierten.
       „Die waren oft wochenlang unterwegs“, sagt Aurora. „Aber das war damals die
       einzige Form der Werbung für die Produkte.“
       
       Im Erdgeschoss gibt es antike Lederverarbeitungsmaschinen, an der Decke
       hängt eine Sammlung von sogenannten Patacabras, die von lokalen Handwerkern
       hergestellt wurden. Die Patacabra ist ein kleines Holzstück, das Werkzeug
       der Lederarbeiterin schlechthin. „In Ubrique sind die Patacabras von den
       Eltern an die Kinder oder von den Großeltern an die Enkelkinder vererbt
       worden“, sagt Aurora. „Das klopfende Geräusch der Patacabras war für uns
       von früh bis spät der Rhythmus der Stadt“, sagt Aurora, die hier
       aufgewachsen ist. „Das hat sich total eingeprägt. Das hier sind die
       persönlichen Stücke von Frauen aus dem Ort, die sie dem Museum überlassen
       haben.“ Die Namen der Spenderinnen sind auf einer Gedenktafel aufgeführt.
       
       Schon die Römer und später die hier ansässigen Mauren haben Leder
       produziert, aber die jüngere Geschichte der Handwerkskunst des Dorfes
       begann mit den Frauen von Ubrique, mit dem Nähen von Tabakbeuteln, den
       Petacas. Noch heute werden Frauen aus Ubrique als „Petaqueros“ bezeichnet.
       Es gehörte zur Tradition, dass die Menschen die Lederwaren mit nach Hause
       nahmen, um sie nach dem Abendessen am Esstisch fertigzustellen. Die ganze
       Familie half sich gegenseitig beim Nähen, selbst die Jüngsten in der
       Familie, wodurch ein einzigartiges Verständnis dieses Handwerks entstand,
       das seinesgleichen sucht.
       
       Diese Tradition begann in den späten 1890er Jahren und wurde seitdem
       weitergeführt. Der größte Teil der Industrie von Ubrique ist der
       Lederindustrie gewidmet. „Es gibt jemanden, der den Leim herstellt,
       jemanden, der die Maschinen produziert, und jemanden, der sie wartet. Es
       ist eine Kreislaufindustrie. Genau das unterscheidet Ubrique von anderen
       Städten“, erklärt Aurora.
       
       ## „Wir arbeiten nicht mit einer klassischen Prozesskette“
       
       Im alten Teil der Gemeinde, der sich unterhalb des felsigen Berges
       befindet, gibt es eine Reihe von engen Straßen, die sich um den Berg
       winden. Manchmal werden die kleinen Gassen durch Stufen miteinander
       verbunden. Im moderneren Teil reiht sich Ledergeschäft an Ledergeschäft –
       ein Großteil der Bevölkerung lebt vom Leder, es gibt hier so gut wie keine
       Arbeitslosigkeit. Die Bewohner bleiben in ihrem Ort, das hält ihn lebendig.
       
       Seit seinen Anfängen 2016 ist die Produktion des [4][Hauses Polène] in
       Ubrique angesiedelt. Heute arbeiten mehr als 1.300 Handwerkerinnen an der
       Herstellung der im Pariser Designstudio entwickelten Taschenkreationen.
       Monica Vilches ist seit zwei Jahren Qualitätsprüferin bei Polène. Sie hat
       sich während der Mittagspause Zeit für ein Gespräch genommen. „Sämtliche
       Fertigungsschritte der Taschen, von der Annahme des Leders bis zum Versand
       der Bestellungen, erfolgen in einem Umkreis von fünf Kilometern. Die lokale
       Produktion ermöglicht es, die Qualität der Produktion zu sichern und
       unnötige Transportwege zu vermeiden“, sagt Monica. Das unterstütze
       unmittelbar die Entfaltung der vielseitigen handwerklichen Kreativität von
       Ubrique. Die einzigartige Dynamik der Stadt beruhe auf einem tiefen
       Gemeinschaftsgefühl und einer umfassenden Kenntnis des Lederhandwerks, die
       von Generation zu Generation weitergegeben wird.
       
       „Für uns ist es wichtig, Personen einzustellen, die jeden Schritt der
       Produktion kennen. Wir sind sehr handwerklich orientiert. All unsere
       Arbeiter wissen von Anfang bis Ende, wie ein Portemonnaie zugeschnitten,
       hergestellt und zusammengenäht wird, was ich für sehr wichtig halte. Wir
       arbeiten nicht mit einer klassischen Prozesskette – was natürlich auch
       funktionieren würde –, aber hier in Ubrique machen wir es auf eine andere
       Art und Weise. Und das ist etwas, worauf wir sehr stolz sind“, sagt Monica.
       „Alle Taschen sind ein Unikat, da viele Teile handwerklich hergestellt
       werden. Wir schützen hier den handwerklichen Bereich.“ Das bringe dem Ort
       viele Arbeitsplätze, auch aus den Nachbardörfern kämen die Leute zum
       Arbeiten hierher.
       
       Die Handwerkskunst sei der Grund, warum viele Firmen, die ihre Produktion
       Anfang der 2000er Jahre nach China ausgelagert hatten, wieder nach Spanien
       zurückkamen. Gründe waren neben den Qualitätsproblemen, steigenden
       Lohnkosten in China auch Transportkosten und Probleme mit Fälschungen. „Wir
       behandeln hier unsere neuen Modelle und Trends als strenges
       Firmengeheimnis“, sagt Monica. Hinzu kommt auch: „Made in Europe“ hat heute
       ein prestigeträchtiges Herkunftsimage.
       
       Die Mischung aus zeitnahen Methoden und zukunftsweisenden Innovationen
       sorgt dafür, dass spanisches Leder ein Symbol für Qualität und
       Nachhaltigkeit ist, vor allem aber ein Engagement für das Handwerk
       widerspiegelt. Und Tradition, Qualität und Umweltverantwortung sind ein
       gefragter Trend auf dem globalen Markt.
       
       14 Mar 2026
       
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