# taz.de -- Die Wahrheit: Radfahren mit Kettenfett
       
       > Die Alkoholgrenzwerte für Fahrradfahrer sollen gesenkt werden – aus
       > plausiblen Gründen, die mit dem Nervengift und Rechtskurven zu tun haben.
       
       Als neulich in der „Tagesschau“ die Temperenzler vom Deutschen
       Verkehrsgerichtstag mit funbierernster Miene vorschlugen, die justiziablen
       Grenzwerte bei Alkohol am Fahrradlenker zu senken, fühlte ich mich sogleich
       ertappt. Susanne Daubner schaute auch schon ganz skeptisch.
       
       „Ich kann das erklären“, rief ich. „Es ist anders, als es aussieht!“ Es sah
       nämlich gar nicht gut aus. Meine rechte Schweinebacke war aufgeschürft vom
       Kuss mit dem Asphalt und der Bluterguss entgegen allen Gesetzen der
       Schwerkraft nach oben gewandert in Richtung Auge und leuchtete nun in den
       glühenden Farben einer amtlichen Keilerei. Den Freunden konnte ich noch
       eine plausible Erklärung liefern. „Häusliche Gewalt!“ Aber mein Sohn wusste
       Bescheid. „Du hast dir wieder einen in die Rüstung gerömert!“
       
       Tatsächlich hatte es infolge einer bösen Heimniederlage der Braunschweiger
       Eintracht eine längere Fehleranalyse in der Destille am Ende der Straße
       gegeben, und als dann auch noch der Wirt eine vom letzten Bauernschubsen
       übriggebliebene Flasche „Kettenfett“ auf den Tisch knallte – „Damit es
       etwas schneller geht und ich nach Hause komme!“ –, scheiterte ich an der
       unberechenbaren Rechtskurve in die Hofeinfahrt. Rechtskurven unter Einfluss
       dieses Nervengifts gehören nicht unbedingt zu meinen Stärken.
       
       Vor vielen Jahren, die Eintracht hatte mal wieder den Erzfeind „Hannoi“ in
       die Schranken gewiesen und mit einem berauschenden 0:0 nach Hause
       geschickt, traf sich die Kernfamilie aus Block 5 noch auf einen Schlummifix
       bei Freund Fränky. Auch hier wurde zum Leidwesen aller dieses
       unwahrscheinliche Getränk gereicht, eine in Wodka aufgelöste Tüte
       Salmiak-Lakritz. Nach ein paar Portionen schwang ich mich auf mein sonst so
       loyales Gefährt, und auch damals warf es mich ab, direkt in eine von der
       Stadt für solche Fälle angelegte Hecke.
       
       Ich sprang wieder auf und übte mich im Schattenboxen, um potenziellen
       Zuschauern zu demonstrieren, dass ich wieder voll da war, zupfte mir das
       Gestrüpp aus dem Ohr und entfernte mich schnellstmöglich von der
       Unfallstelle.
       
       ## Abdruck in der Hecke
       
       Ein paar Tage später fuhr ich noch einmal bei Fränky vorbei, und da sah ich
       den Abdruck in der Hecke. Wie eine Umrisszeichnung am Tatort, Kreide auf
       Asphalt, formte er meinen Körper nach. Es erinnerte irgendwie an eine
       ägyptische Wandzeichnung. Stolz beseelte mich.
       
       Doch jene Nacht hatte noch eine Sensation zu bieten. Ich schnürte
       konzentriert durchs frühmorgendliche Braunschweig. Die Stadt kann eine
       Idylle sein um 3.30 Uhr. Doch dann sah ich zwei Jugendliche an der
       Waschanlage ihren silberblauen Boliden einschäumen. Aufgeheizt vom Lakritz
       rief ich ihnen munter zu: „Wer den ganzen Tag pennt, bleibt abends länger
       frisch!“ Sie schauten drollig drein und meinten: „Bleiben Sie mal stehen!“
       Erst jetzt bemerkte ich das Wort „Polizei“ auf der Fahrertür. Die nächste
       Linkskurve war meine.
       
       24 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Frank Schäfer
       
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