# taz.de -- Özdemir oder CDU?: Hauptsache, Baden-Württemberg!
       
       > Manuel Hagel (CDU) will Ministerpräsident werden. Was seine drei
       > zentralen Wahlkampfaussagen taugen, analysiert Udo Knapp für taz
       > FUTURZWEI.
       
 (IMG) Bild: THE LÄND über alles – Lokalpatriotismus oder Bankrotterklärung?
       
       [1][taz FUTURZWEI] | „Egal welcher Motor, Hauptsache in Baden-Württemberg
       gebaut.“ – „Ich will diesen grünen Kulturkampf gegen das Auto beenden.“ –
       „Es geht darum, Tradition und Innovation zusammen zu denken, genau das
       können die Grünen nicht.“ Das sind drei zentrale Parolen von Manuel Hagel,
       dem Spitzenkandidaten der CDU im Landtagswahlkampf in Baden-Württemberg.
       
       Hagel, 37, war Leiter („Direktor“) einer Sparkassenfiliale in Ehingen bei
       Ulm, nunmehr ist er CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzender im Landtag – mit
       ihm an der Spitze scheint die CDU Baden-Württemberg ihre langjährige
       Spaltung überwunden oder zumindest stillgelegt zu haben. Vor allem
       vollzieht sie einen Generationswechsel, der Respekt abnötigt. Wenn man
       will, kann er wie eine Bekräftigung des funktionierenden demokratischen
       Lebens in der Republik und in ihren Parteien gesehen werden. Hagel gehört
       zu den ersten Spitzenpolitikern, die in der wiedervereinigten Republik
       erwachsen geworden sind. Das ist bisher weitgehend unbemerkt geblieben,
       aber das ist ein historischer Wendepunkt. Mit Hagel greift die erste
       gesamtdeutsche Generation nach 1989 nach der politischen Führung, das ist
       eine Chance, in der Geschichte der Bundesrepublik eine neue Seite
       aufzuschlagen.
       
       In Baden-Württemberg können laut Umfragen nur die CDU oder die Grünen am
       Wahltag Mehrheiten mit Führungsanspruch hinter sich vereinen. Es geht um
       die Frage, wer von den beiden Spitzenkandidaten in einer schwarz-grünen
       oder grün-schwarzen Landesregierung der Nachfolger von Winfried Kretschmann
       werden wird – Cem Özdemir oder Hagel. Koalitionen der CDU mit der AfD oder
       der Grünen mit SPD und Linken können aus verschiedenen Gründen
       ausgeschlossen werden.
       
       ## Ein historischer Wendeprozess
       
       Nun könnte man „na ja Landtagswahlen, was soll’s“ denken, aber es geht hier
       um eine Richtungsentscheidung im wirtschaftlichem Herz der Republik.
       Baden-Württemberg ist eben nicht Mecklenburg-Vorpommern. Mit
       Nordrhein-Westfalen und Bayern gemeinsam erwirtschaftet das Land deutlich
       mehr als die Hälfte der deutschen Wirtschaftsleistung – 4,26 Billionen Euro
       im Jahr. Baden-Württemberg lebt von seiner überdurchschnittlichen
       Wirtschaftskraft, seiner starken Exportorientierung im Fahrzeug- und
       Maschinenbau, sowie der Chemieindustrie. Die Arbeitslosenquote liegt hier
       traditionell immer unter dem Bundesdurchschnitt. Das
       Modernisierungspotential, die Forschungskraft und die Universitäten setzen
       Maßstäbe für die ganze Republik. In Baden-Württemberg wird – entgegen
       manchen Vorurteilen – eine hohe Lebenskultur gepflegt, geistige Exzellenz
       und große Offenheit gelebt. Lothar Späth (von 1978 bis 1991) und
       Kretschmann (seit 2011) waren die richtigen Ministerpräsidenten zur
       richtigen Zeit: große, kluge Modernisierer. Passen Manuel Hagels Füße in
       die Schuhe seiner Vorgänger?
       
       Wirtschaft, Industrie und Gesellschaft stehen mitten in einem historischen
       Wendeprozess. Der Fordismus, die standardisierte Massenproduktion mit
       strenger Prozessteuerung der Arbeitsabläufe, haben bisher die Wirtschaft,
       die sozialen Systeme und die Gesellschaft, das Verhältnis von Mensch und
       Arbeit und von Staat und Wirtschaft geprägt. Dieses Verhältnis hat einen
       breiten Wohlstand, Massenkonsum, eine ungerechte Reichtumsverteilung, aber
       eben auch den Sozialstaat möglich gemacht. Dieses Lebenssystem der
       aktuellen Industrieproduktion wird durch Digitalisierung und KI erledigt.
       Mit Digitalisierung und KI muss das gesamte Verhältnis von Staat,
       Wirtschaft und Gesellschaft neu austariert werden.
       
       In der Produktion von morgen werden Menschen als Arbeiter nicht mehr
       gebraucht und der unternehmerische Staat in seiner steuernden,
       kontrollierenden Funktion aller Lebenszusammenhänge auch nicht mehr. Die
       KI-Unternehmer und die Eigentümer der Plattformen mit ihrer bisher
       weitgehend unregulierten Marktmacht können alle Lebenszusammenhänge
       bestimmen. Unsere überkommenen politischen und rechtlich verfassten
       Strukturen halten sie für überflüssig. Es gibt für dieses
       Gesellschaftsmodell sogar schon einen Namen, es wird als „Muskismus“
       bezeichnet.
       
       ## Leere Versprechen und Nullnummern
       
       In diesem Zusammenhang ist es zu sehen, wenn Manuel Hagel will, dass die
       Automotoren in Baden-Württemberg gebaut werden, egal ob Verbrenner oder
       anderer Antrieb. Die Lage ist nun aber so, dass Arbeiter immer weniger
       gebraucht werden, egal, wo diese Motoren gebaut werden. Bei Daimler-Benz
       sind die Gewinne 2025 um die Hälfte eingebrochen. Der Konzern wird weiter
       Personal abbauen, was immer auch ein Herr Hagel erzählt. Wenn der Kandidat
       also nicht nur Gewinnmaximierung und Renditen von Konzernen, sondern auch
       den Schutz von Arbeitsplätzen und Familien im Blick haben sollte, macht
       hier ein Versprechen, das er gar nicht einlösen kann. Oder will er etwa das
       Motorenbauen in Beschäftigungsgesellschaften organisieren und mit
       Steuergeldern subventionieren?
       
       Wenn Baden-Württemberg ein Zukunftsstandort für den digitalen
       KI-Kapitalismus werden soll, dann muss darüber nachgedacht werden, von
       welchem Geld sich all die Leute, die ihr Geld jedenfalls nicht mehr am Band
       verdienen werden, diese KI-Produkte kaufen sollen.
       
       Auch Hagels Gerede vom Kulturkampf ums Auto, den die Grünen aufführen
       würden, ist eine Nullnummer. Ganz abgesehen davon, dass die Grünen auch
       nicht mit besonders innovativen Ideen glänzen. Zu glauben, wie Özdemir,
       dass mit dem Aufheben aller Dokumentationspflichten in geltenden
       gesetzlichen Verfahren für zwei Jahre eine Innovationswelle ausgelöst
       werden könnte, ist ähnlich daneben, wie Hagels Ansage.
       
       ## Keine Antworten auf die drängenden Fragen
       
       KI induzierte öffentliche Mobilität, dagegen, mit vielfältigen, fahrerlosen
       Transportmitteln, einsetzbar an jedem Ort, überall, stehen der
       individuellen Automobilität von heute in nichts nach. Solch eine Mobilität
       braucht hohe öffentliche Investitionen, braucht eine gewaltige Steigerung
       der Energiegewinnung, braucht große Rechenzentren, Wartung, Fortentwicklung
       und vieles andere mehr. Eine solche Perspektive ist keine grüne Spinnerei,
       sie ist schon heute möglich. Gerade hat der Stadtrat in Amsterdam
       beschlossen, seine gesamte Innenstadt innerhalb weniger Jahre völlig neu
       aufzustellen – ohne Autos. Das Motto heißt Erreichbarkeit: Ganz gleich
       woher jemand kommt und wohin er auch immer hinwill, er soll die Garantie
       bekommen, das öffentlich erreichen zu können.
       
       Manuel Hagel will Tradition und Innovation zusammen denken, das ist ja
       schön. Aber wie das konkret aussehen soll, wie der KI-Kapitalismus
       politisch so ausgestaltet wird, dass sich jeder dafür begeistern kann, das
       weiß er offenbar auch noch nicht. Der Satz „Egal welcher Motor, Hauptsache
       in Baden-Württemberg gebaut“ ist kein Standortpatriotismus, sondern eine
       politische Bankrotterklärung des klassischen Konservatismus in Zeiten, in
       denen sich alles ändert.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
       Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [2][erhältlich im taz
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       17 Feb 2026
       
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