# taz.de -- Tacheles berlinern: Wenig Geld, nie Zeit, aber Humor
       
       > Die Autorin Lea Streisand hat einen Sprach- und Kulturführer über Berlin
       > geschrieben. Wie der Berlinische Metrolekt die Großstadt nicht nur
       > erträglich, sondern menschlich macht, erklärt sie hier.
       
 (IMG) Bild: Regeln für das Überleben in der Großstadt: Kommunikation, Schnelligkeit, Humor
       
       wochentaz: Frau Streisand, Sie haben ein Buch über das Berlinerische
       geschrieben. Sie berlinern selbst. Sprechen Sie eine sterbende Sprache? 
       
       Lea Streisand: Hoffentlich nicht. Mein Friseur meinte neulich, ick würde
       reden wie ’ne alte Frau.
       
       Charmant. Ist er Berliner? 
       
       Klar. Aber es stimmt auch nicht. Dieser Ostberliner Akademikersprech, das
       ich von meiner Mutter habe, wurde immer selbstbewusst gesprochen, auch von
       jüngeren, schon als Abgrenzung gegen die sächselnde Obrigkeit in der DDR.
       
       Ist Hochdeutsch hochnäsig? 
       
       Zumindest schafft es Distanz. Und es behauptet Bedeutung. Meine Sprache ist
       ja reines Understatement: Ick habs nich nötig, jeschwollen zu reden, mir is
       wichtiger, dass du verstehst, wat ick meine, als dass du mich für den
       großen Zampano hältst. Es ist ein zielgerichtetes, pragmatisches Sprechen.
       Tacheles eben.
       
       … ein jiddisches Wort von hebräisch Tachlit für Ziel oder Zweck. Ist
       Berlinerisch eine jüdische Sprache? Oder heißt es Berlinisch? 
       
       Geht beides. Berlinisch klingt gebildeter. Aber die Berlinerin sagt
       „berlinerüsch“. Es ist ein Metrolekt …
       
       … von Metropolis, Großstadt… 
       
       … ein Mischmasch aus Plattdeutsch, Holländisch, Französisch, Jiddisch,
       Polnisch und den Sprachen aller anderen Zugezogenen der letzten 800 Jahre.
       Die Geringschätzung im Westen reicht übrigens weiter zurück als der
       Mauerbau. Das Westzentrum – [1][Charlottenburg] – gehörte erst seit 1920 zu
       Berlin.
       
       Vorher war das eine eigenständige Stadt, die viel feiner war als ditt olle
       proletarische Berlin. Da wohnten die Adligen, die vor der Französischen
       Revolution und der Oktoberrevolution in Russland geflohen waren. Und
       wohlhabende Juden auf der Flucht vor Pogromen. Da hat keiner berlinert. Das
       war denen viel zu provinziell.
       
       Aber in den 1920ern wurde Berlinerisch populär? 
       
       Durch den Schlager. Schallplatten wurden billiger, die ersten Radiosender
       entstanden. Berlin war schon seit der Aufklärung eine Kulturstadt der
       Zeitungen, Theater, Stegreifbühnen, die ständig Text brauchten.
       Autor*innen schrieben auf, was sie auf der Straße hörten, und machten
       Literatur draus.
       
       Berlinerisch ist eigentlich eine Kunstsprache, die sich über Flugblätter,
       Varietés und Tonstudios im kulturellen Gedächtnis verankert hat. Und als
       der Film um 1930 Sprechen lernte, berlinerte auch er.
       
       Aber warum ist dieses Tachelesreden so aggressiv? 
       
       Isses nich! Nur direkt und selbstironisch. Einfach aus der
       jahrhundertelangen Erfahrung: völlig wurscht, was wir sagen, es hört eh
       keiner zu. Berlin war immer eine Kleckerburg unter den Händen mächtigerer
       Leute. Schon vor 600 Jahren, als ein Markgraf beschloss, hier ein Schloss
       haben zu wollen …
       
       … das heutige Humboldt Forum … 
       
       … gegen den Willen der Städter. Diese Ohnmachtserfahrung hat sich gehalten
       und wiederholt sich sozusagen [2][mit jeder S-Bahn, die nicht kommt, und
       jeder kaputten Rolltreppe]. Dann können wir entweder weinend
       zusammenzubrechen oder Tacheles reden und gemeinsam drüber lachen. Die
       Kunst dabei ist, vor allem sich selbst zu beschimpfen.
       
       Ein Beispiel? 
       
       „… aber schön, dass wa noch jerannt sind“ sagen, wenn einem der Bus vor der
       Nase weggefahren ist. Hält einem den Ärger über den Busfahrer vom Leib und
       schafft eine Schicksalsgemeinschaft mit den anderen, die jetzt im Regen
       stehen. Das ist die wichtigste Regel für das Überleben in der Großstadt.
       Kommunikation.
       
       Schnelligkeit. Humor. Und eine gemeinsame Sprache, die aus dem Bewusstsein
       entstanden ist, dass man mit sehr vielen Menschen sehr [3][geringe
       Ressourcen zu teilen] hat. Wenig Platz, wenig Geld, nie Zeit, aber
       irrsinnig weite Wege. Ständig wartet man auf irgendwas, kommt zu spät, muss
       anstehen und muss sich einigen.
       
       Die Großstadt zwingt die Menschen dazu, miteinander klarzukommen und
       Aggressionen ironisch zu brechen, ohne so zu tun, als ob allet dufte wäre.
       Das schafft auch eine gesunde Distanz zum eigenen Ego. Nach dem Motto:
       Allet Mist, aber wenigstens sind wa nich alleene.
       
       Auf dem taz lab sprechen Lea Streisand und die Autorin Jacinta Nandi
       miteinander, unter anderem über die Berliner Direktheit.
       
       12 Mar 2026
       
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