# taz.de -- Neuer Sozialstaat gesucht: Merz pennt, Öko kommt!
> Wie schließt man die Lücke zwischen der Ignoranz der Regierenden
> gegenüber der Klimakrise und dem von Gesellschaft und Wirtschaft
> getragenen Wandel?
(IMG) Bild: Zählt lieber Schäfchen als wegfallende Arbeitsplätze: Schlafmütze Merz
[1][taz FUTURZWEI] | Die [2][Klimakrise und Klimapolitik] werden in der
politischen Öffentlichkeit zwar hoch bewertet, aber mehr oder weniger
ignoriert. Heute geht es um Krieg und Frieden, Diktatur oder Demokratie,
den Imperialismus der drei Weltmächte, es geht um Wiederaufrüstung,
Selbstverteidigung, um eine eher nationalistische, antiglobalistische
Formierung der Gesellschaft. Der Epochenbruch aber, der vom Fortschreiten
der Klimakrise bestimmt wird und auf den eine weltweite Politik ihrer
Eindämmung antworten müsste, spielt auf der politischen Agenda eine
nachgeordnete Rolle. Dabei hat sich am Fortschreiten der Klimakrise nichts
geändert.
Das Jahr 2025 war, global gesehen, das zweitwärmste je gemessene Jahr auf
dem Planeten. Die im Pariser Abkommen festlegte Zielmarke einer Begrenzung
der Temperatursteigerung auf „möglichst“ 1,5 Grad ist gerissen.
Unwetterkatastrophen, der weitere Anstieg des Meeresspiegels, zunehmender
weltweiter Wassermangel werden zum Alltag auf der ganzen Welt gehören.
Geowissenschaftler warnen vor einem Zusammenbruch der Wärmepumpe im
Atlantik, die seit Jahrtausenden verlässlich warmes, subtropisches Wasser
in den Norden transportiert. Dieser Zusammenbruch könnte zu einer Eiszeit
führen, die das Überleben für Millionen auf der nördlichen Halbkugel
unmöglich machen würde.
## Ist die Öko-Apokalypse unausweichlich?
Vor diesem Hintergrund wird in Brüssel gerade versucht, den [3][Handel mit
CO2-Zertifikaten zu demontieren]. Die Verpflichtung, CO2-Zertifikate zu
kaufen, soll die Industrien veranlassen, ihre Produktion zu
dekarbonisieren. Eine Ausweitung des Emissionshandels auf Gebäude und den
Verkehr steht noch aus.
Ist eine weitere Philippika, eine Brandrede an die Politiker angesagt, um
deren Ignoranz gegenüber den offensichtlichen Klimagefahren anzuklagen und
sie aufzurütteln? Bleibt nichts, als dass sich alle auf die Straßen zu
kleben?
Oder wäre das nur eine weitere Demonstration moralisierender Hilflosigkeit
angesichts der realen Machtverhätnisse, die sowieso keinen Raum für eine
konsequente Politik gegen die Folgen der Klimakrise lassen und ist die
Öko-Apokalypse unausweichlich?
## Die Bereitschaft ist da
Keineswegs. Parallel zu dem Beschriebenen gibt es eine in allen
gesellschaftlichen Bereichen zunehmende Bereitschaft, sich den
Herausforderungen der Klimakrise zu stellen. Es gibt Politiken und
Initiativen, die den Klimawandel konstruktiv angehen, das gesellschaftliche
Leben und das wirtschaftliche Handeln zukunftsfähig an ihn anpassen.
Der verfassungsrechtliche Rahmen dafür ist gesetzt. Das
Bundesverfassungsgericht hat mit seinem Urteil zum Klimaschutzgesetz der
Bundesregierung 2021 den Klimaschutz als Staatsziel ins Grundgesetz
(Artikel 20a) eingefügt. Das Urteil verpflichtet die Regierung und den
Gesetzgeber dazu, in allen Gesetzen dafür Sorge zu tragen, dass notwendig
werdende Belastungen aus der Klimapolitik nicht auf zukünftige Generationen
verschoben werden, weil so deren Freiheitsrechte massiv eingeschränkt
würden. Klimaschutz ist mit diesem Urteil rechtlich verbindlich ein
Freiheitsrecht geworden. In der Bundesrepublik gibt es also für alle neuen
Gesetze einen Klima-TÜV.
Das viel gescholtene Gebäude-Energie-Gesetz hat mit der Priorisierung der
Wärmepumpe am Wärme- und Energiemarkt eine Revolution ausgelöst. Die
Wärmepumpe hat heute schon bei allen neu einzubauenden Heizungen einen
Marktanteil von knapp der Hälfte.
## Auch die Wirtschaft macht schon mit
Im Jahr 2025 haben die preiswerten und klimaschonenden Energiequellen
Sonne, Wind und Geothermie erstmals [4][mehr Strom geliefert als Gas und
Öl]. Der Netzausbau, der dafür sorgen muss, den Missmatch zwischen
Energiegewinnung und Verbraucher sicher auszugleichen, kommt voran. Die
Batterie- und Speicherwirtschaft floriert. Das Gesetz zur kommunalen
Wärmeplanung hat bundesweit alle großen und kleinen Gemeindevertretungen zu
Subjekten der Energie- und Wärmewende gemacht. Die gerade beschlossene
Förderung der E-Autos hat binnen weniger Wochen zu einem steilen Anstieg
der Verkaufszahlen geführt.
Der ökologische Wandel am Energie- und Wärmemarkt, aber auch die
Anstrengungen der Wirtschaft ihre Produktionsprozesse zu elektrifizieren,
lassen sich am besten im Wirtschaftsteil der FAZ nachverfolgen. Hier wird
die unaufhaltsame Zunahme von grün induziertem Wachstum pro und contra
dokumentiert und diskutiert. Hier werden auch offen die Schwierigkeiten
erörtert, die für den Arbeitsmarkt damit verknüpft sind, jüngst bei den
Zulieferern für die Autoindustrie.
Sicher, die Diskrepanz ist große zwischen der populistischen Ignoranz der
Regierenden gegenüber der Klimakrise und dem von Gesellschaft und
Wirtschaft selbst getragenen Wandel hin zu einem ökologischen Kapitalismus.
Je deutlicher aber werden wird, welche Win-Win-Situationen mit der
ökologischen Transformation verknüpft sind, desto schneller wird der von
den Märkten bestimmte Wandel mit grünem Wachstum Fahrt aufnehmen und die
Politik zwingen, ihm Raum zu verschaffen.
## Ökologischer Umbau braucht auch sozialen Umbau
Die Grünen haben zu diesem Wandel viel beigetragen. Sie stehen aber jetzt
vor neuen Herausforderungen, die sie immer noch nicht akzeptiert haben.
Reinhard Loske, der grüne Wissenschaftler und Politiker der ersten Stunde,
sagt dazu: „Was die Vertreter eines grünen Wachstums falsch gemacht haben,
war das Verbreiten der Illusion eines schmerzfreien Wandels. Die
ökologische Transformation ist aber weder ein Bußgang noch ein
Spaziergang.“
In der ökologischen Transformation werden viele Arbeitsplätze wegfallen.
Die soziale Frage wird neu aufgerufen. Weniger CO2 in Produktion und
Gesellschaft schaffen nicht automatisch und schon gar nicht eins zu eins
neue, werthaltige Arbeitsplätze. Damit der Umbau dennoch gelingt, braucht
es einen darauf eingestellten Sozialstaat. Der ökologische Umbau ist längst
unterwegs und ist ohne höhere Lasten für alle nicht zu haben, aber soziale
Netze, die diesen Umbau abfedern könnten, gibt es bis heute nicht. Auch von
den Grünen gibt es dazu bisher keine Ideen. Dabei könnte das Bearbeiten der
sozialen Frage im Klimawandel zu ihrem neuen Alleinstellungsmerkmal werden.
🐾 Lesen Sie weiter: Die Ausgabe N°35 unseres Magazins taz FUTURZWEI mit dem
Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“ ist [5][erhältlich im taz
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10 Feb 2026
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