# taz.de -- Trinken im öffentlichen Raum: Flensburg Trinkerszene bekommt eine Kneipe
> Schleswig-Holstein will Alkoholverbotszonen leichter ermöglichen.
> Flensburg will die Szene nicht verdrängen, sondern macht lieber ein
> Angebot.
(IMG) Bild: Diese Kneipe in Flensburg wird neu belebt – als Angebot, um Trinker von der Straße zu holen. Bier und Wein bringt jeder selbst mit
Feuchter Schnee sinkt in wattigen Flocken auf den Südermarkt am Ende der
Flensburger Fußgängerzone. Menschen eilen vorbei, die meisten haben es
offenbar eilig, ins Warme zu kommen. Aber vor dem Eingang zur öffentlichen
Toilette, die in einer Betonbausünde vor der Nikolaikirche untergebracht
ist, hat jemand ein Lager aus Kleiderbündeln und Decken ausgebreitet.
Er steht direkt daneben, eine Decke über den Schultern, und plaudert mit
einem zweiten Mann, der eine Bierdose in der Hand hält. Ein alltäglicher
Moment in Flensburg mit seinen knapp 100.000 Einwohner:innen. „Der
Südermarkt ist ein Ort, an dem sich die unterschiedlichsten Menschen
treffen, das war schon immer so“, sagt Gerald Fust, der die [1][städtische
Fachstelle für Wohnhilfe und Schuldnerberatung leitet].
Doch in den vergangenen Jahren gab es häufig Beschwerden von
Anwohner:innen und Ladenbesitzer:innen. Von „lautstarken
Streitigkeiten, blockierten Hauseingängen und Sachbeschädigungen“ schreiben
die lokalen Flensburger Medien. Es seien „Drogen konsumiert“ worden.
Ladenpersonal sei „körperlichen und verbalen Angriffen“ ausgesetzt.
Das Land Schleswig-Holstein will Kommunen nun ein Werkzeug in die Hand
geben, um künftig solche „Plätze sicherer und sauberer zu machen“, erklärte
Innenministerin Magdalena Finke (CDU) im Januar. Es geht um eine Änderung
des Landesverwaltungsgesetzes mit dem Ziel, Alkoholverbotszonen im
öffentlichen Raum einzurichten. Das schwarz-grüne Kabinett hat den
[2][Gesetzesentwurf] gebilligt, nun muss der Landtag ihn beraten. Aber
helfen Verbotszonen überhaupt?
Clemens Teschendorf, Sprecher der Flensburger Stadtverwaltung, ist
zögerlich. „Wir werden uns das in Ruhe angucken, wenn das Gesetz endgültig
durch das Parlament gegangen ist. Aber eine Verbotszone kann zu einer
Verdrängung führen.“ Die Menschen verschwinden nicht, sie ändern nur ihren
Aufenthaltsort. „Ich will den Südermarkt nicht an einen anderen Ort in der
Stadt verpflanzen“, sagt Teschendorf.
Die Stadt geht daher andere Wege. Eine Arbeitsgruppe wurde eingesetzt,
zeitweise unter der Leitung von Kurzzeit-Sozialstadträtin Noosha Aubel, die
im Oktober 2025 [3][Oberbürgermeisterin von Potsdam wurde]. Ein Bündel von
Maßnahmen hat man entworfen. Denn die Beschwerden der Anwohner:innen
nehme die Stadt durchaus ernst, sagt Teschendorf: „Wenn regelmäßig
Ladeneingänge als Toiletten benutzt werden, ist verständlicherweise die
Lust der Inhaber begrenzt, das jeden Morgen wegzumachen. [4][Die Stimmung
wurde hitziger.]“
Auch früher sei der Südermarkt ein Treffpunkt gewesen, aber es habe sich
etwas verändert, sagt Gerald Fust von der Wohnungshilfe. Andere Orte in der
Stadt seien neu bebaut oder verändert worden, und wer sich bisher dort
traf, ging nun zum Südermarkt: „Man will da sein, wo etwas los ist, das ist
ganz menschlich.“ Hinzu kamen weitere Gruppen, etwa
Arbeitsmigrant:innen aus anderen EU-Ländern, die auf einen neuen Job
warten, und Menschen, die andere Drogen als Alkohol nehmen.
Mit jeder Gruppe wuchs die Zahl der Personen am Südermarkt, damit wuchsen
auch Unruhe und Lautstärke, und ja, es habe Streit und körperliche
Auseinandersetzungen gegeben. „Flensburg konnte das lange gut händeln“,
sagt Fust. „Politik, Anwohner, Geschäftsleute waren der Meinung, dass wir
es hinkriegen, ohne jemanden zu verdrängen. Aber das hat sich nicht
durchhalten lassen.“
Daher gibt es seit Dezember 2025 den „Trinkraum“. Mit dem Namen sind Fust
und Sozialarbeiter Andre Denninghoff nicht ganz glücklich, es sei noch ein
Arbeitstitel. Allerdings beschreibt das Wort recht gut, worum es geht. In
einer ehemaligen Kneipe, der Alten Apotheke, die wenige Gehminuten vom
Markt entfernt liegt, können sich Menschen treffen, um Alkohol zu trinken –
selbst mitgebrachten und nichts Stärkeres als Wein. Die Idee hat Flensburg
aus Kiel übernommen, dort gibt es bereits einen Trinkraum.
## Trinkraum bietet Ruhe und Schutz
Dabei stehe das Trinken nicht im Mittelpunkt, sagt Denninghoff: „Einige
treffen sich zu Kniffel und Backgammon, sogar Schach wurde schon gespielt.“
Für Frauen gebe es geschützte Bereiche, und auch die Männer seien froh über
den Raum: „Ein Großteil ist selbst genervt vom Südermarkt. Die kommen gern
zu uns, um hier in Ruhe sitzen.“
Das Modell war anfangs umstritten, vor allem die Nachbarschaft hatte
Bedenken: „Da gab es Ängste, dass der Wert der Häuser sinkt oder dass Leute
auf der Straße Krach machen“, berichtet Fust. Doch nach wenigen Wochen
seien diese Sorgen verschwunden. Weder gab es Zoff noch liege Müll herum.
„Es sieht besser aus als vorher“, sagt Denninghoff. „Nachbarn kamen schon
mit Schoko und Keksen als Dankeschön vorbei und freuten sich, wie toll es
läuft.“ Die Gäste selbst achteten auf Ordnung und wiesen sich gegenseitig
in die Schranken.
Dabei waren auch die Leute vom Südermarkt anfangs skeptisch. Als erster
Besucher kam jemand, der offen sagte: „Ich bin der Späher, ich soll mal
gucken“, erzählt der Sozialarbeiter. „Am nächsten Tag waren sie zu zweit.“
Inzwischen seien täglich 14 bis 20 Personen während der Öffnungszeiten da,
die von vormittags bis zum Nachmittag dauern. 249 Gäste zählte das Team im
ersten Monat. „Ein Erfolgsmodell“, freut sich Gerald Fust.
108.000 Euro im Jahr hat die Ratsversammlung für das Projekt bewilligt. Die
große Frage wird sein, was im Sommer passiert. Denn dass ein warmer Raum
bei Schneegriesel und Regen eine schöne Alternative darstellt, ist
verständlich. Bei Sonnenschein mag das anders aussehen. „Ist uns bewusst,
das warten wir ab“, sagt Clemens Teschendorf.
## Menschen anziehen, nicht vertreiben
Selbst im Winter versammelt sich im Trinkraum nur ein gewisser Teil der
Südermarktszene: überwiegend Flensburger, die Alkohol, aber kaum andere
Drogen konsumieren. Daher laufen parallel weitere Maßnahmen an. Der
Ordnungsdienst geht öfter Streife. Angedacht ist außerdem, das Betonpodest
mit der öffentlichen Toilette neu zu gestalten.
„Das ist ein wichtiger Platz für Flensburg. Wir wollen etwas tun, damit
alle etwas davon haben“, sagt Gerald Fust. Neben den städtischen Maßnahmen
gibt es auch private und zivilgesellschaftliche Initiativen, um Räume für
Begegnungen in der Innenstadt zu schaffen. Dazu zählt die blau:pause, ein
offener Treff in einem Bürogebäude nahe dem Südermarkt. In den Räumen
stehen Arbeitsplätze für Co-Working, Seminar- und Bastelräume und ein Saal
für Gymnastik zur Verfügung. „Wir hatten gedacht, dass Studierende kommen,
aber es sind überwiegend Rentner:innen“, berichtet eine Sprecherin des
Vereins Transformationszentrum Flensburg, der die blau:pause betreibt.
„Das freut uns aber ebenso.“
Zurück auf dem Südermarkt. Am Rand des Platzes sitzt ein Mann auf dem
Boden, vor sich ein Schild, mit dem er um Spenden für Essen bittet. Was er
vom Trinkraum hält? Er zuckt mit den Achseln. Schon klar, für seine Zwecke
ist die Alte Apotheke ungeeignet. Er muss auf der Straße und sichtbar sein,
sonst verdient er nichts.
21 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Vermieter-kassiert-fuer-Schrottzimmer/!5746429
(DIR) [2] https://www.landtag.ltsh.de/infothek/wahl20/unterrichtungen/00200/unterrichtung-20-00283.pdf
(DIR) [3] /das-portrait/!6116524&s=flensburg+aubel/
(DIR) [4] /Wie-geht-es-weiter-am-Leopoldplatz/!6091177
## AUTOREN
(DIR) Esther Geisslinger
## TAGS
(DIR) Hannover
(DIR) Obdachlosigkeit
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