# taz.de -- Kontroverse um Streamingdienste: Musik für alle – zu welchem Preis?
> Nur wenige Musiker:innen können von ihrer Kunst leben. Auch weil die
> Vergütungsverfahren der Streaminganbieter schwer zu durchschauen und
> ungerecht sind.
(IMG) Bild: Musik hören, schön und gut, aber davon leben können sollten die Künstler:innen auch.
[1][taz lab] | Selbst Wolfram Weimer nannte das Kind kürzlich beim Namen:
Es sei eine Gerechtigkeitslücke, wenn „einige wenige Superstars Millionen
verdienen, während die große Mehrheit kaum von den Einnahmen aus dem
Musikstreaming leben kann“.
Der Kulturstaatsminister lud im Dezember [2][Pop-Künstler:innen ins
Bundeskanzleramt] ein, um mit ihnen über die Tücken des digitalen
Musikmarkts zu sprechen. Herbert Grönemeyer wurde bei dieser Gelegenheit
noch deutlicher und nannte die Vergütung von Künstler:innen durch die
Streaminganbieter „das größte Idiotensystem im Kapitalismus“.
## 74 Prozent unzufrieden mit Streaming-Einnahmen
Anlass des Gesprächs war eine vom Bundesministerium für Kultur und Medien
geförderte Studie, aus der hervorgeht, dass 74 Prozent der 3.000 befragten
Musikschaffenden unzufrieden mit den Einnahmen aus Musikstreaming sind. Im
Jahr 2023 erzielten ganze 68 Prozent der Künstler:innen weniger als
einen Euro Umsatz.
Spotify, der Marktführer unter den Musikstreaming-Diensten, hat das
Abrechnungsmodell für kleine Künstler:innen sogar noch verschärft: Seit
April 2024 fließt kein Geld mehr für Songs, die pro Jahr weniger als
eintausend-mal gestreamt werden. Insgesamt summierten sich die erzielten
Einnahmen von Titeln unterhalb dieser Grenze laut Spotify auf rund 40
Millionen Dollar pro Jahr. Spotify begründet die Änderung durch „im System
verloren gegangene Zahlungen“.
Weimer verspricht Musiker:innen unterdessen Hilfe auf dem Weg zu fairer
Vergütung und setzt dabei auf Dialog: Anfang 2026 sollen im Kanzleramt
Verhandlungen zwischen Künstler:innen, Streamingplattformen und
Musiklabels stattfinden. Notfalls könnte der Gesetzgeber eingreifen, etwa
über das Steuerrecht.
## Mangelnde Transparenz beim Abrechnungssystem
Denn Überprüfungen werden durch mangelnde Transparenz des
Vergütungssystems, in welchem die Streaming-Einnahmen nicht direkt an die
Künstler:innen ausgezahlt werden, erschwert. Im sogenannten
Pro-ratamodell fließen zunächst alle Erlöse in einen gemeinsamen Topf. Nach
einer Studie der Gema sind es die Streaminganbieter, die rund ein Drittel
der Erlöse behalten. Weitere Anteile gehen an Verwertungsgesellschaften
sowie an Musiklabels. Wie viel davon letztlich bei den Künstler:innen
ankommt, hängt von ihren jeweiligen Vertragsbedingungen ab.
[3][Spotify] bestätigt dieses Verfahren auf seiner Website, spricht aber
von „Streaming auf Erfolgskurs“. Schließlich seien von 2014 bis 2024 die
jährlichen Auszahlungen von Spotify an die Musikindustrie um das zehnfache
gestiegen.
Künstler:innen aber, die von ihrer Musik leben wollen, werden wie von
einem „schwarzen Loch in das algorithmische System hineingesaugt“. So
beschreibt es Shintaro Miyazaki, Juniorprofessor für digitale Medien und
Computation an der HU-Berlin. Allerdings ließen sich Musikstreamingdienste
nicht aus dem ökonomischen und politischen System, in dem sie sich
befinden, „herauslösen“. Deshalb müsse grundsätzlich eine andere Struktur
geschaffen werden. Zum Beispiel, indem die Akteure, die „im Gefüge des
Streamingdienstes“ sind, ein regelmäßiges Einkommen erhalten.
## Musikgenossenschaften als Alternative
Ein Vorschlag, der träumerisch klingt, in Wirklichkeit aber nicht so
realitätsfern ist: Irland führte zuletzt ein dauerhaftes Grundeinkommen für
Künstler:innen ein. Nach einem positiven Pilotprojekt, das 2022 als
Reaktion auf die Auswirkungen der Pandemie gestartet wurde, wird das Basic
Income for the Arts seit 2026 auf Dauer fortgesetzt.
Auch in der unabhängigen Musikwelt gibt es Interesse daran, Alternativen zu
Streamingdiensten zu erkunden, wie die [4][Musikjournalistin Liz Pelly]
feststellt. Als Beispiel nennt sie Catalytic Sound, eine musikbasierte
Jazz-Kooperative, die darauf ausgelegt ist, durch Förderer wirtschaftliche
Nachhaltigkeit für ihre Künstler:innen zu schaffen.
Auf dem taz lab werden wir die Diskussion über faire Vergütung im
Streamingzeitalter mit Musikschaffenden,
Medienwissenschaftler:innen und Vetrtreter:innen aus der
Politik vertiefen.
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12 Feb 2026
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