# taz.de -- Die Wahrheit: Abenteuer Hemdenkauf
> Es gibt diesen Typus Verkäuferin in Bekleidungsgeschäften, die
> argwöhnisch ihre Ware bewachen, damit auch ja nichts davon über den
> Ladentisch geht.
Dieses Hemd kann ich Ihnen nicht verkaufen“, sagte die Verkäuferin. „Darin
sehen Sie dick aus.“ Mit diesen Worten nahm mir die resolute
Einzelhandelsfachkraft im besten Alter das schwarz-grau längsgestreifte
Oberteil aus der Hand und hängte es wieder zurück an jene Stelle, an der
ich es Minuten zuvor nach langer Suche entdeckt und herausgenommen hatte.
Meine Gefährtin und ich schauten uns an und mussten ein bisschen grinsen.
Da geht man einmal im Urlaub shoppen und dann so was.
„Ich kaufe es trotzdem“, flüsterte ich und machte mich unauffällig auf den
Weg zu dem schicken Objekt meiner Begierde, das wieder brav und stumm an
seiner Stange herumhing. Aber ich hatte die Rechnung ohne die ausgefuchste
Verkäuferin gemacht. Sie blickte mich aus etwa 20 Metern Entfernung äußerst
streng an und machte ebenfalls ein paar Schritte in Richtung des begehrten
Kleidungsstückes. Dabei wirkte sie, als wollte sie sagten: „Wagen Sie es
bloß nicht, das Hemd ohne meine Erlaubnis zu kaufen! Sie kriegen dieses
Hemd nicht, denn es steht Ihnen nicht und Sie sehen total Scheiße darin
aus. Basta!“
Ich schreckte zurück. Was tun? Nun wollte ich dieses gottverdammte Oberteil
erst recht haben! Ich musste warten, bis die schreckliche Frau abgelenkt
war. Aber im Moment wurde sie von keinem anderen Kunden angesprochen und
behielt mich noch eisern im Blick – sie erinnerte mich an einen bissigen
Hund, der Haus und Hof vor Eindringlingen beschützt. Wer weiß: Vielleicht
war sie sogar bewaffnet. Auf alle Fälle sah sie aus, als könne sie gut mit
einem Gewehr, einem Nudelholz oder einer Machete umgehen …
Jetzt herrschte eine Pattsituation. Die gnadenlose Verkäuferin ließ mich
zwar in Ruhe, aber nur so lange, wie ich mich dem Hemd nicht näherte. Sie
hatte sich offenbar geschworen, diesen Kauf unter allen Umständen zu
verhindern. Vielleicht bekam sie dafür ja sogar eine Nicht-Verkaufs-Prämie.
## Nimm du den Aufzug
Minutenlang tigerte ich hin und her, immer in gebührendem Abstand zu dem
Hemd und der angsteinflößenden Gouvernante. Doch dann kam mein Moment: Ein
anderer Kunde, der sehr unschlüssig wirkte, sprach die Frau an, fragte
irgendwas und sie passte kurz nicht auf. Und ließ mich für einen winzigen
Moment aus den Augen. Jetzt oder nie! Ich rannte so schnell wie der
Roadrunner zu „meinem“ Hemd, riss es von der Stange herunter und rief zu
meiner Gefährtin: „Lauf! Schnell! Nimm Du den Aufzug, ich nehme die
Rolltreppe! Wir treffen uns bei der Kasse im Erdgeschoss!“
Dann rannten wir in getrennten Richtungen davon und im Augenwinkel nahm ich
noch den entsetzten Blick meiner überraschten Todesfeindin wahr, die in
diesem Augenblick begriffen hatte, dass ich der Gewinner und sie der Loser
war. An der Kasse angekommen, zahlten wir schnell und hauten ab. Zu Hause
probierte ich das neue Kleidungsstück vor dem Spiegel an. Komisch.
Irgendwie sah ich dick darin aus.
3 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Wolfgang Weber
## TAGS
(DIR) Einkaufen
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
(DIR) Kolumne Die Wahrheit
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Die Wahrheit: Die Legende von Jan-Carl und Bogdan
Was macht ein sonst von Fahndungsplakaten starrendes Mitglied der Roten
Armee Fraktion im Schulsportunterricht? Ziemlich gut Fußball spielen.
(DIR) Die Wahrheit: Unsere Freunde, die Zeitreisenden
Es gibt diese unglaublichen Menschen im näheren sozialen Umfeld, die sich
an keine Verabredung halten und nie, niemals, nicht pünktlich kommen.
(DIR) Die Wahrheit: Chez moi im Verwechslungskabarett
Wer quasi Hauptdarsteller und zugleich einziger Zuschauer ist in seiner
Performance auf dieser unserer Welt, der sucht notgedrungen schnell das
Weite.