# taz.de -- Russlands Statthalter in Tschetschenien: Der brutale Herrscher schwächelt
       
       > Ramsan Kadyrow regiert in der russischen Teilrepublik durch – ganz in
       > Sinne des Kremls. Doch er ist schwer krank. Die Nachfolge könnte zum
       > Problem werden.
       
 (IMG) Bild: Ramsan Kadyrow, unangefochtenes Oberhaupt der russischen Teilrepublik Tschetschenien, hier am 7. August 2025 in Moskau
       
       Der Anführer einer kämpferischen Nation sollte bei bester Gesundheit sein.
       Auf [1][Ramsan Kadyrow], unangefochtenes Oberhaupt der russischen
       Teilrepublik Tschetschenien und seit 2007 auf seinem jetzigen Posten,
       müsste das ganz besonders zutreffen. Sein intensiv gepflegtes Image baut
       auf dem unanfechtbaren Recht des Stärkeren auf. Er hat es zu seinem Credo
       erhoben, dem alle zu folgen haben, die ihm in die Quere kommen.
       
       Doch wirkt der 49-jährige machthungrige Herrscher alles andere als gesund.
       Seit einigen Jahren halten sich hartnäckige Gerüchte, wonach Kadyrow mit
       ernsthaften Erkrankungen zu kämpfen hat. Darauf deuten sein aufgedunsenes
       Gesicht hin, wiederholte Krankenhausaufenthalte, oft über einen längeren
       Zeitraum, sowie seine öffentlichen Abwesenheiten.
       
       Immer wieder dringen neue Details durch. Beispielsweise, dass sich Kadyrow
       in den Vereinigten Arabischen Emiraten einer misslungenen
       Nierentransplantation unterzogen habe. Die oppositionelle Zeitung Novaya
       Gazeta Europe sprach von einer Bauchspeicheldrüsennekrose, Ende Dezember
       soll er laut einer anonymen tschetschenischen Quelle im Krankenhaus
       wiederbelebt worden sein. Der ukrainische Geheimdienst will Anzeichen eines
       baldigen Ablebens ausgemacht haben.
       
       All diese Nachrichten schüren Spekulationen über die Regelung der
       Nachfolge, sollte es demnächst tatsächlich so weit kommen. Zusätzlich
       angeheizt wurden sie durch die Mitteilung über einen Autounfall Mitte
       Januar, bei dem zwei Menschen starben und Kadyrows Sohn Adam schwer
       verletzt worden sein soll.
       
       ## Mindestens 30 Jahre alt
       
       Kadyrow junior, im vergangenen November volljährig geworden, wird als
       Wunschkandidat Nummer eins seines Vaters gehandelt. Nach geltendem Gesetz
       müssen Anwärter auf das Amt des Republikoberhauptes mindestens 30 Jahre alt
       sein. Doch Adam war bereits als Jugendlicher mit Auszeichnungen überhäuft
       und mit 17 Jahren zum Sekretär des tschetschenischen Sicherheitsrates
       ernannt worden. Ein brutaler Typ, ganz wie der Vater – so hat es den
       Anschein.
       
       Der junge Kadyrow wird den Unfall wohl überleben. Die Milz sei betroffen,
       der Kiefer gebrochen, wie der oppositionelle tschetschenische
       Telegram-Kanal Niyso berichtete. Mittlerweile wurde dieser in die
       offizielle Liste terroristischer und extremistischer Gruppen aufgenommen.
       Niemand soll es wagen, Informationen darüber preis zu geben, was in
       Tschetschenien tatsächlich passiert. Das ist einzig und allein Sache des
       totalitären Kadyrow-Regimes.
       
       Über die Jahre hat der Machtapparat dafür gesorgt, die Menschen in der
       Nordkaukasusrepublik einzuschüchtern und zum Schweigen zu bringen. Dieser
       Umstand macht es unglaublich schwierig, realistische und nachprüfbare
       Einblicke in dessen Innenleben zu erhalten.
       
       Keine Zweifel bestehen hinsichtlich der Tatsache, dass Kadyrow in
       Tschetschenien alle Machtfäden in der Hand hält. Als Nachfolger seines 2004
       bei einem Anschlag getöteten Vaters kennt er auch seinen Platz in Wladimir
       Putins Machtgefüge.
       
       ## Unbeschränkte Freiheiten
       
       Weil es nur einen Präsidenten in Russland geben darf, verzichtete er nach
       mehreren Jahren im Amt auf diesen Titel und läuft seither unter der
       Bezeichnung Oberhaupt Tschetscheniens. Diese devote Loyalitätsgeste
       gegenüber dem Kreml, erkauft mit hohen Transferleistungen an die [2][nach
       zwei Tschetschenienkriegen] zerrüttete Republik, darf jedoch nicht darüber
       hinwegtäuschen, dass sich Kadyrow ansonsten fast unbeschränkte Freiheiten
       nimmt.
       
       Dass er fest im Sattel sitzt, hat Gründe. Knallhart ging er gegen die
       Überreste separatistischer Strukturen und den islamistischen Untergrund
       vor. Unter seiner Herrschaft gilt Tschetschenien als befriedet und solange
       dem so ist, darf er sich als Regionalfürst leisten, was Gouverneuren in
       anderen Landesteilen nicht erlaubt wäre. In keiner anderen Region wird
       derart brutal gegen LGBTQ+-Personen vorgegangen. Entführungen, Mord – jedes
       Mittel ist recht.
       
       Sein Herrschaftskonzept basiert auch auf seinen Nachkommen. Vierzehn eigene
       Kinder kann Kadyrow vorweisen, die – sobald dem Kindesalter entwachsen –
       auf den Staatsdienst vorbereitet werden. Adam ist der drittälteste Sohn.
       Der zwanzigjährige Achmat ist seit knapp zwei Jahren Sportminister und seit
       Januar zudem Vize-Regierungsvorsitzender.
       
       Seine älteste Schwester Aischat Kadyrowa war Kulturministerin und wacht
       jetzt als Geschäftsfrau über das immense Familienvermögen. Der weit
       verzweigte Kadyrow-Clan kontrolliert die gesamten Finanzflüsse in der
       Republik, sowohl legale als auch illegale. Mit Regierungschef Magomed
       Daudow und seinem langjährigen Wegbegleiter Adam Delimchanow hat Kadyrow
       auch jenseits der direkten Verwandtschaft enge Verbündete.
       
       ## Profiteur des Krieges
       
       Ramsan Kadyrow ist bestrebt, sich unersetzbar zu machen. Seine informellen
       Beziehungen in die arabische Welt macht sich der Kreml zunutze. Von Beginn
       an s[3][tellte sich Kadyrow voll und ganz hinter Russlands Angriffskrieg
       gegen die Ukraine], auch davon weiß er zu profitieren.
       
       Zielgerichtet arbeitete er an der Legalisierung und Ausweitung ihm
       unterstellter bewaffneter Einheiten. Zunächst beschränkte sich dies auf
       polizeiliche Strukturen, doch mit dem Krieg taten sich neue Optionen auf.
       Tschetschenische Armeeverbände wurden gegründet und zunehmend aufgestockt,
       wobei in der Ukraine hauptsächlich aus anderen russischen Regionen
       rekrutierte Soldaten eingesetzt werden.
       
       „Paradoxerweise wird Kadyrow in Tschetschenien von vielen auch als Garant
       für Stabilität wahrgenommen“, gibt Alexander Tscherkassow vom
       Menschenrechtszentrum Memorial im Gespräch mit der taz zu bedenken. Er
       gelte als Garant, der einen dritten Tschetschenienkrieg und
       Massenrepressionen gegen Teilnehmer der ersten beiden Tschetschenienkriege
       verhindere.
       
       „Das erklärt, weshalb Kadyrows totalitäres Regime als geringeres Übel
       gesehen wird im Vergleich zu einem neuen, noch weiter ausufernden
       Massenterror“, so der Tschetschenienexperte. Was passiere, sollte Kadyrows
       Gesundheitszustand einen Machtwechsel erfordern, sei völlig offen. Erst
       wenn es so weit sei, werde ein Nachfolger präsentiert. Im September finden
       in Tschetschenien Parlamentswahlen statt. Auch das Oberhaupt wird dann neu
       gewählt.
       
       30 Jan 2026
       
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