# taz.de -- Spenden als moralische Notwendigkeit: Politur fürs Gewissen
> Arno Frank gibt nicht gerne. Je dringlicher die Bitte nach einer Spende,
> einer milden Gabe, desto größer ist sein Ekel vor sich selbst – und der
> Welt.
(IMG) Bild: Immer schön geben, bitte
[1][taz FUTURZWEI] | Vor dem Rewe, in dem ich einkaufen gehe, kniet ein
Mann vor einer Mütze mit Münzen und einem Pappschild mit der Aufschrift:
„BITTE KLEINE SPENDE FÜR KRANKE KIND.“
Der Mann begrüßt jeden Kunden mit persönlichem Blickkontakt, gewinnendem
Lächeln und einem schwungvollen: „Schö’ne Ta’g!“ Irgendwann habe ich
angefangen, ihm ebenfalls einen schönen Tag zu wünschen, obwohl er Tag für
Tag nichts anderes tut, als vor dem Eingang vom Rewe zu knien und den
Leuten einen schönen Tag zu wünschen, was sooo schön nicht sein kann.
Nie sitzt er, immer kniet er dort, und das schon seit über einem Jahr.
Dieses Kind, denke ich manchmal, muss wirklich eine hartnäckige Krankheit
haben.
## Geben als moralische Notwendigkeit
Weil ich prinzipiell mit EC-Karte einkaufe, habe ich nie [2][Bargeld]
dabei. In all der Zeit hat der Bettler von mir deshalb nur zwei Euro
bekommen, als ich einmal guter Laune war und zufällig die Münze in meiner
Hosentasche ertastete. Seiner Freundlichkeit tut das keinen Abbruch.
Höchstens die performative Unterwürfigkeit, mit der er seiner
freischaffenden Erwerbstätigkeit nachgeht, empfinde ich als
passiv-aggressiv. Dieses Rumgeknie auf dem Bordstein.
Es erinnert mich immer an eine meiner unangenehmsten Charakterschwächen:
Ich gebe ungern. Zumindest dann, wenn mir das Geben als moralische
Notwendigkeit verkauft wird.
Dabei würde ich sagen, dass der automatische Seifenspender im ICE durchaus
geiziger ist als ich. Mit Trinkgeld beispielsweise werfe ich nur so um
mich, als wäre ich ein arabischer Scheich oder ein russischer Oligarch.
Nie, wenn mich Display fragt, ob ich lieber 5, 10 oder 25 Prozent geben
würde. Gerne aber mache ich Taxifahrerinnen, Möbelpackern oder Kellnerinnen
mit einem dezenten „Passt so!“ eine Freude.
Vielleicht rühren mich Leute, die trotz der obwaltenden Verhältnisse jeden
Tag aufstehen, irgendwo hingehen und dort dann ihren verdammten Job machen.
Je dringlicher aber die Bitte nach einer milden Gabe, je hohlwangiger der
Junkie, je zitternder die ausgestreckte Hand, je tränenfeuchter die
Kinderaugen, desto größer mein Ekel vor mir selbst und der Welt.
## Geben statt kompensieren
Wäre ich ein Mensch des 15. Jahrhunderts, könnte ich mich mit einem Ablass
hier, einem Obolus dort oder sonstigem Hokuspokus von meinem Anteil am
Elend reinwaschen. Bin ich aber nicht. Speziell das vorweihnachtliche
Gebimmel mit dem Klingelbeutel, diese „Last Minute“-Politur für mein
eigenes Gewissen macht mich spendenskeptisch. Ich gebe dem
Arbeiter-Samariter-Bund. Einfach, weil mir der verschwitzte Typ, der eines
heißen Sommertages an meiner Tür klingelte, so leidgetan hat. Ich gebe dem
Tierheim. Einfach, weil es unsere Hündin aus der rumänischen Tötungsstation
befreit hat. Ich gebe der Kindernothilfe. Einfach, weil ich auch mal ein
Kind in Not gewesen bin. Fertig.
Weder „kompensiere“ ich geflogene Kilometer noch bemühe ich mich um das
Aufforsten der [3][Regenwälder]. Weder backe ich Brot für die Welt noch
ermögliche ich Ärzten in [4][Gaza] die Anschaffung neuer Dialysegeräte.
Weder hege ich präventiven Groll gegen spendable Zeitgenossen noch habe ich
eine edgy Begründung für mein eigenes Verhalten.
Womit ich auch nicht behauptet haben möchte, dass [5][Spenden] nicht schon
Menschen oder Projekten aus der Patsche oder auf die Sprünge geholfen
haben. So richtig einleuchten will mir trotzdem nicht, wie die globale
Gesamtscheiße ausgerechnet durch ihre Privatisierung aus der Welt zu
schaffen wäre. Hunger, Armut, Krankheit, Umwelt – die allermeisten Übel,
deren Symptome ich mit meiner Spende millimetermäßig abfedern könnte und
nebenbei mein Gewissen anästhesiere, könnten durch staatliche Anstrengungen
wirklich gelindert werden. Ach, dem Staat spende ich auch. Einfach, weil
mich schon diese Säumniszuschläge nervös machen.
Neulich war ich wieder im Rewe und habe wieder nichts gegeben. Auf der
Straße eine alte Dame mit Rollator, die überreichte dem Mann einen seidenen
Schal, den könne er vielleicht gebrauchen. Er schien sich aufrichtig zu
freuen: „Schön’e Ta’g!“
🐾 Lesen Sie weiter: Dieser Text erschien zuerst in der Ausgabe N°35 unseres
Magazins taz FUTURZWEI mit dem Titelthema „Das Wohnzimmer der Gesellschaft“
– [6][erhältlich im taz Shop].
28 Jan 2026
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