# taz.de -- Ein Ort der 1.000 Möglichkeiten: Die Bibliothek als Zukunftslabor
       
       > Von VR-Brille bis 3D-Drucker: In fast allen Berliner Bibliotheken gibt es
       > einen Maker-Space, in dem sich Menschen digitale Welten erschließen
       > können.
       
 (IMG) Bild: Liane Kes ist regelmäßige Besucherin im Maker-Space, rechts daneben: Medienpädagogin Corinna Eckert
       
       Ein Achtjähriger hat eine klobige Box vor die Augen geschnallt und fuchtelt
       mit zwei Plastikringen in der Luft herum: Die Virtual-Reality-Brille
       versetzt ihn auf einen Tennisplatz. Ein Mädchen lenkt mit einem Tablet
       einen aus vier Kugeln bestehenden Dash-Roboter durch den Raum, mehrere
       Kindergruppen und einige Männer hocken vor Laptops.
       
       Für die Jüngeren liegt ein großer Haufen Legosteine auf einem Tisch. Der
       fünfjährige Jakob steuert sofort darauf zu und fängt an, ein
       langgestrecktes Auto mit Anhänger daraus zu bauen. „Ich finde es cool, dass
       ich jetzt nicht auf einem Spielplatz rumhängen muss“, sagt sein Vater.
       Außerdem lerne sein Sohn hier, dass man nicht alles selbst haben muss,
       sondern vieles auch teilen kann.
       
       Jeden Freitagnachmittag ist der Maker-Space in der
       [1][Pablo-Neruda-Bibliothek] in Friedrichshain geöffnet – ein Magnet für
       Grundschulkinder und ihre Eltern. „Wir haben keine Computerspiele zu Hause,
       aber hier ist ein guter Raum dafür“, findet die Mutter eines Achtjährigen.
       Für sie sind Bibliotheken ein wichtiger Teil der Infrastruktur – offene
       Orte für die Nachbarschaft in einer immer stärker kommerzialisierten Stadt.
       Sie selbst leihe häufig Bücher aus. „Und durch solche Angebote stärken
       Bibliotheken ihre Daseinsberechtigung weiter“, findet sie.
       
       Genau das war die Motivation, [2][als Berlin vor etwa zehn Jahren einen
       Ideenwettbewerb zum Aufbau von Maker-Spaces ausrief.] „Früher hatten
       öffentliche Bibliotheken die Aufgabe, Leseförderung zu betreiben. Heute
       geht es auch um Medien- und Technikkompetenz“, sagt Projektleiter Moritz
       Mutter.
       
       ## Digital und praxisnah
       
       In fast allen 80 Berliner Bibliotheken gibt es inzwischen größere oder
       kleinere Angebote. Die Grundidee dabei ist immer: digital und praxisnah.
       Vor allem Kinder und Jugendliche sollen lernen zu programmieren – und das
       auf spielerische Weise.
       
       Das muss nicht immer am Bildschirm geschehen. In der
       Pablo-Neruda-Bibliothek liegen Papier und Stifte bereit, um selbst eine
       Carrera-Bahn für einen eierbechergroßen Roboter zu malen. Der fährt auf
       einer schwarzen Linie und lässt sich mithilfe von Querstrichen in
       bestimmten Farbkombinationen steuern: links- oder rechts abbiegen,
       beschleunigen oder rückwärts fahren. Gerade muss der Miniroboter aufladen,
       aber ein Papierstapel belegt, dass hier schon viele Kinder am Werk waren.
       
       Hinter der [3][Amerika-Gedenkbibliothek] (AGB) am Halleschen Tor in
       Kreuzberg steht seit zwei Jahren ein 800 Quadratmeter großes Pop-up-Gebäude
       – ein Platz für Begegnungen, Lernen und Demokratie. Am Nachmittag ist es
       voll hier: In den großen und kleinen Arbeitsräumen treffen sich vor allem
       Schülergruppen, es gibt Whiteboards, Schreibtische und gepolsterte
       Sitzgruppen.
       
       Auch die Medienwerkstatt ist hier untergebracht. Fünf Frauen sind heute zur
       Infoveranstaltung gekommen. Eine überlegt, ihr Studium mit einem
       Dokumentarfilm abzuschließen, eine andere ist freie Journalistin und will
       mit Videos und Podcasts experimentieren.
       
       ## Für zehn Euro im Jahr
       
       Die Werkstattverantwortliche Jana Viehweger erklärt ihnen, dass alle, die
       einen Bibliotheksausweis für 10 Euro im Jahr besitzen, hier hochwertige
       Kameras und Aufnahmegeräte ausleihen können. Auch ein Laptop mit
       Schnittprogrammen und anderer Software steht zur Verfügung. Wer ein
       vierstündiges Zeitfenster reserviert hat, bekommt die bestellten
       Gerätschaften ausgehändigt und kann den kleinen, kahlen Raum dann in ein
       Bild- oder Tonstudio verwandeln.
       
       Ob es auch Unterstützung gibt, wenn man mit der Technik nicht klarkommt,
       will eine wissen. [4][Helfer im Alltag gäbe es nicht], aber ab und zu
       finden Workshops statt, erklärt Viehweger. „Und vieles kann man ja auch
       über Youtube-Videos lernen.“
       
       Vorne im Hauptgebäude zwischen all den Büchern gibt es ein Regal für die
       Bibliothek der Dinge. Hier findet sich eine bunte Mischung von
       Gegenständen, die die meisten Menschen nur gelegentlich oder sogar nur
       einmal benötigen. Neben einer Wasserwaage und einem Mikroskop findet sich
       dort eine Diskokugel sowie ein Set, um den Energieverbrauch von
       Haushaltsgeräten zu kontrollieren. Auch Tischtennisschläger, Näh- und
       Bohrmaschinen sind im Angebot – alles gut in stabilen, durchsichtigen
       Plastiktaschen verpackt. Ein solches Angebot gibt es inzwischen in vielen
       öffentlichen Bibliotheken Berlins. Die Leihfrist beträgt zwei Wochen.
       
       Einer der Gewinner bei der ersten Ideenrunde für Maker-Spaces war die
       [5][Anna-Seghers-Bibliothek] in Lichtenberg. Dort hatte die Medienpädagogin
       Corinna Eckert die Idee, digitale Angebote zur Oberflächenveredelung der
       Allgemeinheit zugänglich zu machen. In einem Glaskasten im ersten Stock
       gibt es hochwertige Maschinen zum Gravieren, Lasern und Sticken. Auch ein
       3D-Drucker und ein Plotter zum Schneiden von Folien und Papier stehen
       bereit.
       
       ## Sweatshirt mit Glitzer-Buchstaben
       
       Jeden Dienstag und Donnerstag zeigt Medienpädagogin Eckert Neulingen, wie
       die Maschinen digital anzusteuern und zu bedienen sind. Wer volljährig ist
       und eine Einführung bekommen hat, kann die entsprechenden Geräte auch zu
       anderen Zeiten nutzen.
       
       Gabi Kohlisch wohnt um die Ecke und kommt seit vier Jahren häufig her.
       Gerade hat sie ein Sweatshirt mit Glitzer-Buchstaben bedruckt, in denen
       Katzen herumturnen. Auf ihrem Smartphone zeigt sie ihre Werke der letzten
       Zeit, unter anderem ein Adventskalenderhäuschen aus Sperrholz,
       Weihnachtskarten und eine schwarze Vase mit goldener Schrift.
       
       Auch Liane Kes zählt zu den regelmäßigen Besucherinnen. Sie hat aus vielen
       Stoffkreisen eine Tasche zusammengenäht und arbeitet gerade an einer
       aufwändigen Stick-Applikation. Oft kämen auch junge Männer von der TU, die
       dort Oberflächendesign studieren, berichtet Eckert.
       
       Regelmäßig bietet sie Workshops an, bei denen die Teilnehmenden niedliche
       Monster aus Stoff oder bewegliche Figuren mithilfe des 3D-Druckers
       produzieren – nicht nur für sich selbst. Von der kollektiv hergestellten
       Babykleidung ging auch ein großer Karton an die Entbindungsstation in
       Lichtenberg. Hier sind alle per Du – man hilft sich gegenseitig. „Und
       natürlich wird auch viel geschnattert und gefachsimpelt“, so Eckert.
       
       Und so ist auch dieser Maker-Space [6][ein Ort, wo sich Menschen
       verschiedener Generationen und Herkünfte begegnen], sich im analogen Raum
       zusammen digitale Welten erschließen und gemeinsam Spaß haben. „Mit den
       vielfältigen Angeboten ist Berlin deutschlandweit inzwischen ziemlich
       vorneweg“, bilanziert Projektleiter Moritz Mutter zufrieden.
       
       22 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.berlin.de/stadtbibliothek-friedrichshain-kreuzberg/bibliotheken/bezirkszentralbibliothek-pablo-neruda/
 (DIR) [2] /Kreativlabore-fuer-alle/!5453966
 (DIR) [3] https://www.zlb.de/standorte/amerika-gedenkbibliothek/
 (DIR) [4] /Bibliotheken-schraenken-Service-ein/!6058578
 (DIR) [5] https://www.berlin.de/stadtbibliothek-lichtenberg/standorte/anna-seghers-bibliothek/
 (DIR) [6] /Vielfalt-in-Bibliotheken/!6128134
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Annette Jensen
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Bibliotheken in Berlin
 (DIR) Bildung
 (DIR) Bibliotheken in Berlin
       
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