# taz.de -- Die Farben sind echt
(IMG) Bild: Weltfestspiele der Jugend und Studenten, Alexanderplatz, Ost-Berlin, 1973
Es müssen unwirkliche Tage gewesen sein im Ost-Berlin des Sommers 1973.
[1][Erich Honecker] ließ sich bei den „Weltfestspielen der Jugend und
Studenten“ feiern wie ein Popstar. [2][An seiner Seite PLO-Chef Jassir
Arafat], die US-amerikanische [3][Bürgerrechtlerin Angela Davis], dazu
Freiheitskämpfer aus Afrika und Asien. Honecker wollte die Welt von der
Überlegenheit des Sozialismus überzeugen und hatte mit Bedacht die Zügel
gelockert.
So sehr, dass drei Übermütige auf die Spitze der „Nuttenbrosche“, dem
mächtigen Brunnen am Alexanderplatz, kletterten und oben wohl nicht fassen
konnten, was sie gerade an Freiheit erlebten. „Leute, sind wir noch in der
DDR oder schon im Westen?“, schienen sie zu rufen. Wer auf einen sechs
Meter hohen Brunnen klettert, kann schnell auch auf Mauern steigen. Thomas
Hoepker drückte auf den Auslöser.
Honeckers Show, eine Mischung aus Woodstock und Karneval der Kulturen mit
unglaublichen acht Millionen Besuchern sollte Farbbilder erzeugen, die die
Schwarz-Weiß-Fotos vom Mauerbau vergessen machen und von einem lebenswerten
Land künden, mit Herz für junge Leute. Einer, der sie lieferte, war Thomas
Hoepker, damals 37 Jahre alt, in der Bundesrepublik geboren und für den
Stern nach Ost-Berlin gekommen.
Es wirkt wie blanke Ironie, dass ein Münchner mit seinen Kodak-Filmen
Honeckers ostdeutschen „Sozialismus in den Farben der DDR“ in den Westen
trug. Zweideutiger Titel der Stern-Reportage: „Genossen ohne Reue“. Im
Politbüro dürften sie angestoßen haben auf diesen Spin. Wurden in den
Vorwochen doch Zehntausende DDR-Bürger eingeschüchtert, ermahnt und in
Kinderheime, Jugendwerkhöfe und psychiatrische Abteilungen oder einfach in
den Knast gesteckt.
Dennoch – wenn es in der DDR so etwas gab wie „goldene Jahre“, dann Anfang
der Siebziger. Die DDR hatte mit Bonn das Grundlagenabkommen ausgehandelt,
das Reiseerleichterungen, diplomatische Anerkennung und
Korrespondentenaustausch beinhaltete. Und die Läden wurden voller. So voll,
dass es Fernsehwerbung gab und sogar Versandkataloge.
1973 war Thomas Hoepker nur mit einer Sonderakkreditierung unterwegs, 1974
wurde seine Frau Eva Windmöller als erste Stern-Korrespondentin
akkreditiert, und Hoepker als „technisches Hilfspersonal“ mit ihr.
Natürlich wusste die Stasi, dass er Fotograf war, natürlich wurde er wie
seine Frau überwacht. Doch das Westjournalistenpaar hatte große Freiheiten.
Ein Glück für Hoepkers Bilder, und ein Risiko. Heute könnte man glauben,
die DDR sei so gewesen wie auf den Bildern. Die Farben sind echt. Sind es
auch die Motive? Hoepkers Bilder waren vermutlich nie so authentisch, wie
es die Stern-Redaktion gern gehabt hätte. Den „Genossen ohne Reue“ folgte
im Oktober 1974 „Ohne Aufpasser durch die DDR“. Als ob es das gegeben hätte
für Westjournalisten.
Bis 1990 war Hoepker immer wieder [4][in der DDR und hat fotografiert]. Die
stärksten Bilder sind aus den frühen Siebzigern – mit zärtlichen Küssen und
politischer Hoffnung, seltener Privatheit, absonderlichen Schaufenstern und
den Prenzlauer-Berg-Klitschen, die für den Erfolg der SED-Wohnungspolitik
standen.
Die „liberalen“ Jahre der DDR waren 1976 schon wieder vorbei. Wolf
Biermann, den Hoepker mehrfach porträtiert hat, damals ein wahrhaftiger
Kommunist, wurde im November dieses Jahres von Honecker als erster aus dem
Land geworfen. Dass sich in den Achtzigern die Idee vom Sozialismus
endgültig erledigt hatte, sieht man an den Gesichtern, ganz gleich ob in
Erfurt, Ost-Berlin oder Görlitz. Und an dem Fahnenmeer, das das Elend
verhüllen sollte.
Was war die DDR? Gibt es darauf eine eindeutige Antwort? Thomas Hoepkers
Farbbilder lenken den Blick zurück auf diesen verhunzten Staat, seine
uniformierten Reihen, seine Nischen – und auf die übermütigen Jungs oben
auf der „Nuttenbrosche“. Hoffentlich haben sie ihren kurzen Ausflug
ausgiebig genossen. Thomas Gerlach
Der Bildband „DDR / East Germany: Colour Works 1972–1990“ ist bei Buchkunst
Berlin erschienen. Die gleichnamige Ausstellung ist noch bis 28. Februar in
der Galerie Buchkunst Berlin zu sehen.
7 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /!5205950&SuchRahmen=Print
(DIR) [2] /!5468987&SuchRahmen=Print
(DIR) [3] /!5882606&SuchRahmen=Print
(DIR) [4] /!6147323&SuchRahmen=Print
## AUTOREN
(DIR) Thomas Gerlach
## ARTIKEL ZUM THEMA