# taz.de -- Generation VerZicht?: Kein Alkohol ist auch keine Lösung
       
       > Ältere sind total verunsichert: Die Gen Z trinkt kaum noch Alkohol! Und
       > das nicht nur im Dry January. Was soll das, fragt sich Kolumnist Aron
       > Boks.
       
 (IMG) Bild: Halb voll oder halb leer? Egal, Hauptsache Saufen!
       
       [1][taz FUTURZWEI] | Prost, sage ich und halte mein Glas der Discokugel
       entgegen. Ich bin bei einem Neujahrsempfang in einer Kleinstadt eingeladen.
       Es gibt Sekt, Cannapes, kleine Biere und keine Sorgen – nur Glückwünsche
       für das neue Jahr. Aber ich trinke heute nichts. Ich habe irgendwann
       aufgehört, [2][Alkohol] als normal anzusehen. Gut, das war erst vor ein
       paar Tagen, aber wie es aussieht, bin ich damit auch nicht allein.
       
       Denn [3][in Deutschland trinken immer weniger Menschen Alkohol]. Die
       rückläufige Entwicklung zeigt sich dabei in allen Altersgruppen. Aber vor
       allem Jüngere verzichten einer Umfrage zufolge inzwischen ganz oder
       teilweise auf Alkohol: In der [4][Gen Z] geben lediglich noch 61 Prozent
       an, Alkohol zu trinken.
       
       ## Die Medien sind schuld!
       
       Als ich einem Altersgenossen mit O-Saft Glas in der Hand davon erzähle,
       stellt sich ein Mann Anfang 60 zu uns.„Verzicht, Verzicht, Verzicht“,
       schimpft er, tippt sich an die Stirn. „Eure Generation verzichtet nur. Und
       das alles, weil uns die Medien weis machen wollen, dass wir nichts mehr
       trinken sollen.“ Er nippt an seinem Glas Wein und schaut dann besorgt zu
       mir. „Und die, die am meisten darunter leiden, sind die [5][Winzer]. Da
       wird eine jahrhundertalte Tradition einfach plattgemacht!“, sagt er und
       klingt dabei so sorgenvoll, wie die Artikelüberschriften zum Thema
       Alkoholkonsum der Gen Z:
       
       „Abstinenz-Welle trifft Brauereien: Wie der Alkoholverzicht der Gen Z die
       Börse erschüttert“
       
       „Werden wir bald alle auf Alkohol verzichten?“
       
       Und erst kürzlich fragte der Merkur: „Gen Z Schuld an Einbußen? Warum
       Winzer plötzlich weniger Wein verkaufen.“
       
       Fast alle diese Artikel wurden nicht von Gesundheits- oder Weinexperten
       geschrieben, sondern eher von älteren Journalisten. Und vielleicht haben
       die weit weniger Angst um den Status der Kulturnation oder die Wirtschaft
       als ein Unbehagen, wenn es um den Alkoholkonsum geht, der zum eigenen
       Alltag dazugehört. Ich merke das auch bei mir selbst, sobald ich es mit
       jüngeren Leuten der Gen Z zu tun habe, die noch weniger trinken.
       
       ## Kontrolle ist gut, Verzicht ist besser
       
       Rückblick auf den Neujahrsmorgen bei Mona, einer Anfang 20-jährigen
       Freundin. Mona macht Sachen, die ich in ihrem Alter nicht gemacht habe:
       über die Produktivität des Tages zu sprechen, Sätze komplett auf Englisch
       sagen oder auf die Gesundheit achten. Normalerweise stört mich das nicht,
       aber an diesem Tag schon. „Bringst du mir auch ein Bier mit?“, fragt sie
       vom Sofa aus. „But without alcohol. I mean I can’t drink today.“
       
       Dry January, denke ich genervt, als ich ein Jever Fun aus dem Kühlschrank
       hole. Januar ist der Monat, in dem plötzlich alle für 30 Tage auf Alkohol
       verzichten und in dem der Drogenbeauftragte der Bundesregierung bewusst mit
       dem christlich-ängstlichen Bußetemperament der Deutschen spielt.
       
       Nach dem sündigen Alkoholverzehr der Weihnachtszeit und vor der kommenden
       Fastnacht soll die Illusion von Kontrolle hergestellt werden, aber
       eigentlich sollen wir nur kräftige Arbeiter:innen bleiben, die bis zur
       Rente artig durcharbeiten. Eine offensichtlich biopolitische Maßnahme, und
       das zum hundersten Geburtstag von [6][Michel Foucault], denke ich,
       schüttele traurig mit dem Kopf und gebe Mona das Bier.
       
       „Danke“, sagt sie. „Ich bin einfach noch viel zu verkatert von gestern.“
       „Verstehe“, sage ich und stoße mit ihr an.
       
       ## „Bist du schwanger?“
       
       Auf [7][Instagram] verbreitet sich gerade neben dem [8][Dry January] ein
       anderer Trend: Menschen werden angehalten, zehn Jahre zurück und auf ihr
       Leben im Jahr 2016 zu blicken.
       
       Damals war ich 19, hatte gerade Abi gemacht und war nach Berlin gezogen.
       Auf Partys gab es kein alkoholfreies Bier, und wer nicht trank, musste sich
       kritischen Fragen stellen. „Bist du schwanger?“, „Musst du etwa fahren?“,
       „Ist alles in Ordnung?“
       
       Mich fragte keiner. Ich trank. Jetzt, zehn Jahre später, nehme ich mir vor,
       weniger zu trinken.
       
       ## Der Geschmack von Ibu am Morgen
       
       Anfang Januar bin ich zusammen mit meiner Freundin Mathilda von einem
       älteren Schriftstellerpaar zum Italiener eingeladen.
       
       Ich bewundere die zwei, die in den 80ern Häuser besetzt haben, den
       [9][Tunix-Kongress] und die taz als linksradikale Zeitung erlebt haben.
       Abende mit ihnen schmecken schon in Gedanken nach Zigaretten, Chianti –
       aber auch nach Ibuprofen am nächsten Morgen.
       
       „Sollen wir Sprudelwasser bestellen?“, frage ich vorsichtig und sehe die
       beiden Älteren ernst an. „Oder wollt ihr lieber Wein trinken?“ Die beiden
       nicken und fragen, ob wir auch wollen.
       
       Ok, denke ich, ein Glas Wein ist ja auch gesund – und meine Gedanken
       schweifen zu den vielen Dokus, die es auf YouTube zum Thema Alkoholverzicht
       gibt.
       
       ## Ist „alkoholfrei“ das neue „vegan“?
       
       Dort wird beschrieben, dass der Mythos vom gesunden Glas Wein sehr
       wahrscheinlich durch die viele Lobbyisten der Alkoholindustrie verbreitet
       wurde, aber überhaupt nichts mit der Realität zu tun hat. Ein Bericht der
       [10][WHO], der sich zum Ziel gesetzt hat, [11][Krebs] den Kampf anzusagen,
       hatte klargestellt, dass jeder Tropfen Alkohol das Risiko von Krebs erhöht.
       
       „Ich lebe lieber etwas kürzer als ohne Spaß“, hatte neulich mein Freund
       Timo die Reaktion seines Vaters zitiert, als er an Weihnachten keinen
       Alkohol getrunken hatte. Immer wieder würden sich ältere Männer vor Timo
       mit genau diesem Satz erklären. Egal ob zu Hause, in der
       Altherrenmannschaft oder beim Geschäftsessen – überall dort, wo stets und
       ständig getrunken wird.
       
       Vor älteren Leuten keinen Alkohol zu trinken ist vielleicht so ähnlich wie
       vegan sein oder geschlechtergerechte Sprache zu verwenden – irgendjemand
       fühlt sich automatisch angegriffen und mutiert sofort zu einem Experten für
       Sojaprodukte, Vitamine, die deutsche Sprache, Mental Health oder Tradition.
       
       „Man muss ja auch sehen, dass man im Leben ein bisschen Freude haben will.
       Und da gehört das nun mal dazu“, hatte der Bundesvorsitzende der
       [12][Deutschen Polizeigewerkschaft] vor ein paar Jahren zum
       [13][Oktoberfest] der Bayerischen Landesvertretung in Berlin erklärt und im
       nächsten Atemzug Alkohol zum Deutschen Kulturgut empor gehoben.
       
       ## Traditionen wollen gepflegt werden
       
       Aber worauf fußt diese vermeintliche Tradition? Wie oft haben Abendessen
       mit neuen Leuten, Dates oder Partys schon ganz ohne Alkohol stattgefunden –
       und sind trotzdem rauschend gewesen? Vielleicht macht einigen das nüchterne
       Leben auch etwas Angst.
       
       „Wir bestellen gleich eine Flasche, oder?“ Mathilda und ich nicken artig
       und zwei Stunden später laufen wir eingehakt wie [14][Bob Dylan] und Suze
       Rotolo auf dem Cover von „The Freewhilin’ Bob Dylan” vom Restaurant nach
       Hause.
       
       Der Januar schlägt uns seine eisige Kälte ins Gesicht, aber unsere
       Gesichter haben ein Leuchten, das direkt aus unseren Herzen kommt.
       
       „Das war einer der schönsten Abende überhaupt.“ „Und die Zeit ist
       verflogen!“ „Wie im Nichts.“ „Und du hast einfach aus dem Stand Madame
       Bovary mit Kassandra verglichen“, sage ich.
       
       „Das fühlte sich einfach stimmig an!“
       
       „Ich liebe dich!“
       
       „Und ich dich erst!“
       
       Ach ja, wir hatten dann noch eine zweite Flasche Rotwein bestellt. Ich
       meine, was soll man machen? Irgendwie mussten wir die [15][Boomer] ja bei
       Laune halten.
       
       🐾 „Stimme meiner Generation“ heißt die gemeinsame Online-Kolumne von Aron
       Books und Ruth Lang Fuentes. In loser Folge schreiben sie darin für unser
       Magazin taz FUTURZWEI über die Lebensrealität der Gen Z und darüber hinaus.
       
       🐾 Lesen Sie weiter: Die neue Ausgabe unseres taz-Magazins FUTURZWEI N°35
       mit dem Titelthema „Wohnzimmer der Gesellschaft“ gibt es [16][jetzt im taz
       Shop].
       
       21 Jan 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Aron Boks
       
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