# taz.de -- szene: Sie glauben nicht an Grenzen
VonKlaus Esterluss
Nicht weit von mir kenne ich ein Grundstück. Es ist ein Grundstück, wie es
Tausende andere gibt, an einer Nebenstraße liegend, ein Fußweg mit
Pflastersteinen davor.
Ein Grundstück mit Haus, Garage, Rasenfläche und Obstgehölz. Und mit
Betonpfählen für einen Zaun. Nicht zu viele, nicht zu wenige, genau die
Anzahl, wie sie ein Durchschnittszaun an jedem anderen Grundstück der
Straße auch hat. Nur dass hier nichts dazwischen ist. Solange ich hier
vorbeikomme, klaffen dort Lücken, wo andere Maschendraht aufspannen und
Jägerzäune errichten. Zuerst dachte der pragmatische Teil meines Gehirns,
dass hier jemandem schlicht das Budget ausgegangen ist.
Vielleicht, denke ich weiter, haben die Besitzer*innen auch nur eine
besonders kurze Ausdauer. Sie beginnen Projekte mit viel Elan, nur um sich
dann von Trägheit, Prokrastination oder dem Newsfeed überrollen zu lassen.
Ich suche strategisch nach Hinweisen für die eine oder andere Theorie. Nun,
der Rasen ist gepflegt. Die Obstbäume beschnitten. Das spricht genausowenig
für meine Theorien wie die beachtliche Fahrzeugflotte, die auf dem Hof zu
sehen ist.
Vielleicht also, vermute ich nun, sind die Bewohner*innen
Avantgardist*innen. Sie haben die Infrastruktur der Privatabgrenzung nur
errichtet, um sie nicht einzusetzen. Das wäre schon ein Statement! Ich sehe
vor mir, wie sie jeden Morgen mit einem Kaffee auf die Terrasse treten,
ihre Nicht-Begrenzung betrachten und zufrieden nicken. Ich sollte das
beobachten.
Noch besser gefällt mir allerdings noch dieser Gedanke: Die verwaisten
Pfosten könnten Denkmäler einer besseren Zukunft sein, einer
beneidenswerten Offenheit, einer fast zärtlichen Einladung zu einem Besuch.
Morgen, nehme ich mir fest vor, betrete ich den Hof, klingele und würde
niemanden im Haus überraschen. Man würde mir öffnen und sagen: „Auf dich
haben wir schon lange gewartet. Tritt ein, sei unser Gast.“ Klaus Esterluss
19 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Klaus Esterluss
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